Kommt Sars-CoV-2 aus dem Labor?

Bild: NIAID/CC BY 2.0

Eine Innsbrucker Mikrobiologin stellt die Frage neu

Die genaue Herkunft des schweren akuten respiratorischen Syndroms - Coronavirus Sars-CoV-2 - ist immer noch umstritten. Die Theorie zum Coronavirus aus dem Labor hält sich jedoch hartnäckig. Genom-Analysen zeigen, dass es sich bei Sars-CoV-2 wahrscheinlich um ein chimäres Virus handelt, dessen Sequenz dem Fledermaus-CoV RaTG13 am nächsten kommt, während seine Rezeptorbindungszone (Receptor Binding Domain, RBD) fast identisch mit der eines Schuppentier-CoVs ist.

Chimäre Viren können durch natürliche Rekombination, aber eben auch durch menschliche Eingriffe entstehen. Die Herkunft des Coronavirus aus einem Labor hatte schon die chinesische Wissenschaftlerin Dr. Li-Meng Yan behauptet; an ihrer Glaubwürdigkeit wurde allerdings gezweifelt. Auf der anderen Seite hat China seine Strategie fortgesetzt, den Fokus von sich selbst als Ursprungsland von Covid-19 gezielt wegzulenken.

Li-Meng Yan kritisiert eine "Vertuschung von Covid-19 durch die Kommunistische Partei Chinas". Vergangenen Sommer sorgte die aus China geflohene Virologin von der Universität Hong Kong mit einem Interview für Aufregung, in dem sie ihre Auffassung darlegte, China hätte von Anfang an wichtige Informationen über den Covid-19-Erreger verschleiert.

Labor als Coronavirus-Ursprung "nicht auszuschließen"

Vor allem Verschwörungstheoretiker greifen gern auf die Erklärung zurück, der Covid-19-Erreger wäre künstlich in einem chinesischen Labor kreiert worden. Eine These, die bisher nicht nachgewiesen werden konnte, jetzt aber neue Nahrung erhält.

Die österreichische Mikrobiologin Rossana Segreto tritt in einer Veröffentlichung in die Fußstapfen ihrer chinesischen Kollegin. Zusammen mit einer internationalen Forschergruppe kritisiert die Innsbrucker Biologin, dass die Möglichkeit einer Labormanipulation als Ursprung der Corona-Pandemie zu früh ausgeschlossen worden sei und zudem auch kaum weiter untersucht wurde. Unter dem Titel The genetic structure of Sars-CoV-2 does not rule out a laboratory origin stehen ihre Thesen für den Ursprung des Virus aus einem Labor derweil zur Diskussion.

"Virus sieht unnatürlich aus"

Ihre Behauptung: Das Coronavirus weise einen eher unnatürlich wirkenden Aufbau auf und sehe so aus, als hätten Forscher es künstlich erzeugt. Außerdem sei es unwahrscheinlich, dass ein Virus in kürzester Zeit eine neue Sequenz ausbilde, die es ihm ermögliche, mehr Arten - darunter auch den Menschen - sowie unterschiedliche Gewebe zu befallen.

Die angesprochene "Sequenz" ist Bestandteil des für Sars-CoV-2 typischen Stachelproteins und ermöglicht diesem, die Hülle der Wirtszelle aufzubrechen und in die Zelle einzudringen. Andererseits, so Segreto, sei auch anzuzweifeln, dass es simultan zu einer Ausbildung der Rezeptor-bindenden Domäne (RBD) gekommen sei; das ist die Zone, die sich an den menschlichen ACE2-Rezeptor heftet mit der Folge, dass das Virus perfekt für die Invasion humaner Zellen angepasst ist.

Sieben Journals hätten eine Publikation ihrer Untersuchung verweigert, bevor die Arbeit im Fachjournal BioEssays erschienen sei. Das war im November der Fall. Zuvor habe sie gemeinsam mit dem Biotech-Unternehmer Yuri Deigin den Text erarbeitet. (Anm. d. Red.: An dieser Stelle wurde der Text verändert - "und einer Peer-Review unterzogen" wurde gestrichen.)

Politisch brisant

In einem Interview mit der Astrian Press Agency (APA) äußerte Segreto ihre Sorge, dass sie mit den gewonnenen Erkenntnissen womöglich Verschwörungstheoretikern in die Hände spielen könnte.

Was sie im vergangenen Jahr - seit Ausbruch der Pandemie - herausgefunden habe, deute nun aber auf eine Labormanipulation als möglichen Ursprung für die Pandemie hin. Damit stehe sie gegen die Mehrheit der Wissenschaftler, die von einer natürlichen Entstehung des Coronavirus ausgeht. "Ich wünschte, ich hätte diese Zusammenhänge nie gefunden", so die Biologin im Interview, "die Suche nach dem Ursprung des Virus ist politisch brisant, als Wissenschaftlerin möchte ich auch keinem Verschwörungstheoretiker in die Hände spielen."

Einen potenziellen, durch menschliches Versagen induzierten Unfall als Ursprung der Pandemie habe man in den meisten offiziellen Versionen von Anfang an ausgeschlossen. "Das ist fahrlässig", moniert Segreto, schließlich würde in Dutzenden Laboren weltweit mit mutierten Erregern experimentiert, die das Potenzial aufweisen, eine Pandemie auszulösen: "Das bringt uns alle in Gefahr", meint sie, "da es bereits mehrere Nachweise früherer Laborunfälle gibt".

"Es kann viel schief gehen"

Dass Viren künstlich erzeugt und verändert werden, sei in der Mikrobiologie nichts Ungewöhnliches, so die Biologin. In China, wie auch in anderen Ländern, werde mit dem Ziel geforscht, gefährliche Viren zu identifizieren und zu bekämpfen; teilweise seien zu diesem Zweck Viren so verändert worden, dass sie noch ansteckender und tödlicher werden. In der Fachsprache spricht man von "gain of function research".

Bei solchen Experimenten gehe es jedoch nicht zwingend um biologische Kriegsführung, wie es oft angenommen wird, sondern auch darum, sich auf potenzielle Ausbrüche gefährlicher Viren, bedingt durch die Entwicklung von Medikamenten oder Impfstoffe, vorzubereiten. Dabei könne aber auch "viel schief gehen".

Im APA-Interview befürchtete Segreto, dass es ohne schärfere Sicherheitsvorschriften künftig zu weiteren Pandemien kommen könnte.

Öffentlich zugängliche Datenbanken gelöscht

Was auf ein Labor als Ursprung der Pandemie hindeutet, ist laut Segreto unter anderem die geografische Nähe des chinesischen Instituts zum exotischen Tiermarkt in der Provinz Hubei. In der Provinz soll seit Jahren "an mutierten Coronaviren geforscht" worden sein, erklärt sie. Nähere Untersuchungen seit den ersten Fällen von Covid-19 habe es in Wuhan aber bis heute nicht gegeben; Segreto kritisiert auch, es seien öffentlich zugängliche Datenbanken gelöscht worden.

Das Institut in Wuhan ist ein BSL-4-Hochsicherheitslabor (die Sicherheitsstufe zeigt der biosafety level, kurz BSL); dort werde mit hochinfektiösen Erregern gearbeitet. Damit es nicht zur Freisetzung von Biostoffen kommt, gibt es in derartigen Laboren zahlreiche Sicherheitsmaßnahmen. Was Wuhan betrifft, so seien bereits 2018 Bedenken bezüglich der Arbeitssicherheit geäußert worden, darüber habe die Washington Post schon im April letzten Jahres geschrieben.

Was aber ebenfalls für die Labor-Theorie spreche, sei der Aufbau des Coronavirus. Dieser könne durchaus künstlich erzeugt worden sein.

Legte "The Lancet" eine falsche Spur?

Dass von Anfang an von einem natürlichen Ursprung des Virus ausgegangen wurde, liege ihrer Meinung nach auch an einem Artikel, der im März 2020 im Fachjournal The Lancet erschienen ist. In diesem hätten Forscher argumentiert, dass sich das Sars-CoV-2-Virus wohl durch natürliche Selektion in einem tierischen Wirt zu einem Pathogen entwickelt habe - und dann auf den Menschen übersprang.

Segreto bleibt bei ihrer These: Sowohl die Spaltstelle als auch die spezifische RBD könnten durch ortsgerichtete Mutagenese entstanden sein, ein Verfahren, das keine Spuren hinterlässt. In Anbetracht der verheerenden Auswirkungen von Sars-CoV-2 und der Wichtigkeit, zukünftige Pandemien zu verhindern, hätten Forscher die Verantwortung, eine gründliche Analyse aller möglichen Ursprünge von SARS-CoV-2 durchzuführen. (Arno Kleinebeckel)