Kommt die H1N1-(Schweine)Grippe aus den USA?

A(H1N1)-Grippevirus. Bild: CDC

Genanalysen weisen darauf hin, dass der Erreger von einem Virus abstammen könnte, der vor 10 Jahren eine Epidemie in den Schweinefarmen der USA verursacht hat

In Kanada wurden zwar nun erstmals Schweine von einem Menschen mit dem A(H1N1)-Virus angesteckt. Aber vorerst wurden noch keine Schweine gefunden, von denen der anfangs allgemein Schweinegrippenvirus genannte Erreger ausgegangen sein könnte.

A(H1N1)-Grippevirus. Bild: CDC

Ein mexikanischer Junge aus dem Ort La Gloria in Veracruz wurde zwar als "Patient 0" bezeichnet, weil er möglicherweise der erste infizierte Mexikaner gewesen sei könnte, aber diese Spur ist höchst ungewiss.

Zunächst dachte man, der Junge habe sich den Erreger von einer nahegelegenen Schweinefarm eingefangen, die nach Angaben der Bewohner die Umwelt verschmutzt, Krankheiten verursacht und dem US-Unternehmen Smithfield Foods gehört. Dort wurden aber angeblich – nach Untersuchungen von Smithfield - keine infizierten Schweine entdeckt, die Farm liegt überdies nicht in unmittelbarer Nähe von La Gloria, da niemand aus dem Ort dort arbeitet, wäre auch fraglich, wie der Junge den Virus eingefangen haben könnte. Allerdings gibt es in der Umgebung auch weitere Schweinefarmen. Ende des Jahres war in La Gloria eine Epidemie an Lungeninfektionen bei mehreren hundert Menschen ausgebrochen. Nachweisbar war aber nur der Vierjährige, der inzwischen wieder gesund ist, mit dem Schweinegrippevirus infiziert. Smithfield beteuert nach dem Auftreten der Grippe bei Schweinen, dass in den Farmen des Konzerns nirgendwo der Virus aufgetreten sei.

A(H1N1)-Grippevirus. Bild: CDC

Miguel Ángel Lezana, der Direktor des Nationalen Zentrums für epidemiologische Kontrolle, verwies in den Zusammenhang darauf, dass der Virus aus den USA nach La Gloria gekommen sein könnte, weil dort viele Menschen in den USA arbeiten und während des Urlaubs zurückkehren. Carlos Arias Ortíz, der Direktor des Biotechnologischen Instituts der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) bestritt, dass es wissenschaftlich belegbare Gründe für den Ursprung der Grippe in La Gloria gibt. Aufgrund von Analysen habe man in dem Erreger acht Gene gefunden, sagte er. Sechs seien 1998 bei Schweinen in den USA identifiziert worden, zwei würden Genen entsprechen, die man bei Erregern von infizierten Schweinen aus Europa und Asien gefunden habe.

Von einem Ursprung der jetzigen H1N1-Grippe in den USA gehen auch US-Wissenschaftler aus. Die Gene der Erreger würden auf einen Grippevirus zurückgehen, der 1998 in US-Schweinefarmen entstanden und mit alarmierender Geschwindigkeit mutiert sei, berichtet Wired. "Industriell betriebene Farmen sind Superinkubatoren für Viren", sagt Bob Martin, ehemaliger Direktor der Pew Commission on Industrial Animal Farm Production. Die Genanalyse des in kalifornischen Infizierten gefundenen Erregers hatte ergeben, dass der neue Virus nicht, wie man bislang annahm, genetische Eigenschaften von Menschen-, Schweine- und Vögelgrippeviren kombiniert, sondern in Schweinen aus einer Kombination von zwei unterschiedlichen Schweinegrippeviren entstanden ist: einer nordamerikanischen und europäisch-asiatischen, von denen sich Menschen bislang nicht angesteckt haben.

A(H1N1)-Grippevirus. Bild: CDC

Die Spur scheint sich nach Genanalysen von Proben aus Texas und Kalifornien zu bestätigen, wie Raul Rabadan, Bioinformatiker von der Columbia University, in einer Mitteilung schreibt. Sechs der Gene des neuen Erregers stammen nach ihm von H1N2- und H3N2-Schweinegrippeviren, die 1998 in den USA identifiziert wurden. Der H3N2-Virus stammt zwar vom Schwein, hat aber Gene von Vogel- und Menschengrippeviren aufgenommen. Dadurch hat er sich schnell verbreiten können, begünstigt auch durch die großen Schweinefarmen. Irgendwann scheint der H3N2-Virus dann Gene von einem europäisch-asiatischen Virus aufgenommen zu haben, was das Überspringen auf den Menschen ermöglichte.

Begünstigt wird das Ausbrüten von neuen Viren durch die industrielle Massentierhaltung, in der die Tiere dicht gepackt gezüchtet werden, der Stress schwächt das Immunsystem und die Nähe fördert die Ansteckung. Zudem werden die Schweine viel transportiert, so dass es zahlreiche Möglichkeiten für die Viren gibt, ihre Gene in den Wirten zu rekombinieren. Wissenschaftler warnten schon vor Jahren vor einer Pandemie, die sich aus den Brutstätten der Schweinefarmen herausbilden könnten. Noch habe man keine infizierten Schweine in den USA gefunden, sagt Ian Lipkin, ein Epidemiologe von der Columbia University und Mitglied des Überwachungsnetzwerks der WHO, "aber selbst wenn wir niemals dieses Schwein (smoking pig) finden, können wir unterstellen, dass es wahrscheinlich von dort gekommen ist". Lipkin zweifelt allerdings, ob man dies wirklich so genau erforschen will. (Florian Rötzer)

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