Kommt in Idlib der nächste Giftgasangriff?

Retten die Weißhelme oder sind die Handlager der Dschihadisten und der politischen Interessen des Westens? Bild: Weißhelme

Russland und die Türkei sind im Clinch, die syrischen Truppen rücken vor, die Türkei will Idlib als Anti-Assad-Enklave halten, Moskau berichtet von einer geplanten Inszenierung der Weißhelme

Der vermutlich versehentliche Artillerieangriff auf türkische Truppen in Idlib seitens des syrischen Militärs und der türkische Gegenschlag haben die Beziehungen zwischen Ankara und Moskau zugespitzt. Russland unterstützt die Offensive der syrischen Truppen von al-Assad, die weitgehend von der dschihadistischen HTS kontrollierte "Rebellenhochburg" Idlib einzunehmen (Kämpfe zwischen türkischen und syrischen Truppen).

Mit massiver Unterstützung der syrischen und russischen Luftwaffe, die ähnlich gnadenlos Ziele bombardieren, wie dies die USA bei der Niederschlagung des IS in Mosul, Raqqa etc. gemacht haben, können die meist dschihadistischen Milizen im Augenblick zurückgedrängt werden, aber es werden auch Hunderttausende von Menschen in die Flucht getrieben, die sich aus anderen von Damaskus eroberten Gebieten hierher gerettet haben, darunter viele Angehörige von dschihadistischen Milizen.

In Idlib wird die letzte Schlacht geschlagen, die stärker eskaliert als bei den früheren Offensiven, bei denen die dschihadistischen Milizen mit ihren Familien der Abzug in noch nicht von Damaskus kontrollierte Gebiete gewährt wurde. Zwar hat sich die Türkei, die die syrischen Islamisten unterstützt, in Nordsyrien mit Afrin und einem Gebiet von Rojava vorsorglich Territorien gesichert, um meist nicht-kurdische Flüchtlinge aus Syrien und alliierte Milizen mit ihren Familien anzusiedeln und zugleich die Kurden aus den Grenzgebieten zu vertreiben, aber wenn Hunderttausende vor der Offensive in einem Massenexodus fliehen, ist Ankara überfordert. Die Türkei hat die Grenze geschlossen und nutzt die Situation, um die EU zu erpressen, auch um auf Russland einzuwirken, die Offensive zu stoppen.

Gestern haben der türkische und der russische Präsident telefonisch versucht, die Krise aufzulösen, was aber kaum möglich zu sein scheint. Weder vom Kreml noch von der türkischen Präsidentschaft wurde dies aufgegriffen, vermutlich mangels Ergebnissen.

Die Türkei will weiter ihre Beobachtungsposten in Idlib verstärken und beschießt Ziele in Nordsyrien, Russland will weiterhin die Offensive vorantreiben, um die Herrschaft der Assad-Regierung zu stabilisieren, was nicht nur türkischen, sondern auch westlichen geopolitischen Interessen zuwiderläuft. Russland wirft der Türkei zu Recht vor, die Dschihadisten nicht von den Assad-Oppositionellen trennen zu können oder zu wollen. Daran war auch schon eine Übereinkunft mit den USA gescheitert. Das liegt auch daran, dass die bewaffneten Milizen zu sehr miteinander vernetzt sind und es keine wirklich säkularen oder, nach dem Jargon, "gemäßigte" Rebellen mehr gibt.

Überdies wirft Russland der Türkei weiterhin vor, nicht über Truppenverlegungen informiert zu haben, weswegen die syrischen Truppen keine Kenntnis über die Anwesenheit von türkischen Soldaten gehabt hätten. Die Türkei habe, so monierte Außenminister Lawrow, nicht die bewaffnete Assad-Opposition von den dschihadistischen HTS-Milizen isoliert und zudem dschihadistische Kämpfer aus Idlib nach Libyen gebracht, um dort gegen das von Russland gestützt Haftar-Regime zu kämpfen.

Es habe auch versuchte Angriffe mit Drohnen auf den russischen Hmeimim-Stützpunkt gegeben. Beschuss von militärischen Stellungen der syrischen Armee und von zivilen Zielen sei an der Tagesordnung, die Türkei habe es nicht geschafft, eine Waffenstillstandszone nach dem türkisch-russischen Abkommen einzurichten.

Angeblicher Giftgasangriff in Duma. Bild: Weißhelme

Inszenierung eines Giftgasangriffs geplant?

Wie schon bei anderen Offensiven könnte es auch jetzt wieder zu einem Giftgasangriff kommen, der den Westen auf den Plan ruft bzw. militärische Interventionen legitimiert. Das ist so im syrischen Duma am 7. April 2018 oder am 4. April 2017 in Chan Scheichun (Giftgasangriff auf Khan Scheichun: Der OPCW-Bericht löst die Rätsel nicht) der Fall gewesen. Die OPCW, die eine neutrale Aufklärungsinstanz sein soll, ist mittlerweile in Misskredit geraten. Syrien und Russland behaupten, die Giftgasangriffe seien von den Dschihadisten mit der Unterstützung der Weißhelme inszeniert worden.

Wenn jetzt wieder die Gefahr besteht, dass eine bzw. die letzte "Rebellenhochburg" von "Assads Schergen", wie die Süddeutsche Zeitung in der Printausgabe schreibt, aber online lieber doch in "Assads Truppen" umtaufte, eingenommen werden könnte, ist ein Giftgasangriff oder - anschlag durchaus denkbar. Julian Röpcke von der Bild-Zeitung macht entsprechend Stimmung: "Mörder und Kriegsverbrecher Assad & Putin bzw. ihre Schergen" würden die "letzte Ursprungsbevölkerung" in die Flucht schlagen.

Das haben allerdings die Türken mit der Invasion gemacht, während in Idlib viele aus anderen Gebieten Geflüchtete, auch viele Dschihadisten, leben. So läuft Desinformation mit Gut und Böse. Nicht viel anders CDU-Abgeordneter Norbert Röttgen, der auch suggeriert, als würden sich in Idlib nur Zivilisten aufhalten. Als der IS von den Amerikanern bekämpft wurde und ganze Städte zerstört wurden, hörte man von dieser Seite nichts:

Assads Truppen, unterstützt von RUS & Iran, haben eine erbarmungslose Offensive auf #Idlib gestartet. RUS bombardiert Zivilisten. Wer kann, ist geflohen. Wir erleben die schlimmsten Kriegsverbrechen & #Putin beweist einmal mehr: Alles was er in der Region kann & will, ist Krieg.

Norbert Röttgen

Syrische Truppen könnten natürlich mit einem Giftgasangriff Schrecken verbreiten wollen, die dschihadistischen Milizen, alles andere als Menschenfreunde und nicht bedacht darauf, die Genfer Konventionen einzuhalten, könnten damit versuchen, die Offensive aufzuhalten und den Westen zur direkten Unterstützung zu zwingen.

Video soll von den Weißhelmen gedreht worden sein

Das russische Verteidigungsministerium will, so berichtet RT, erfahren haben, dass die Milizen mit den Weißhelmen ein neues Video gemacht haben sollen, um einen angeblichen Giftgasangriff zu belegen. Die Information soll von lokalen Quellen stammen. Die syrische Nachrichtenagentur Sana hat diese Behauptung übernommen. Angeblich sei das Video der Weißhelme in Zerba produziert worden. Es soll die Situation nach einem Giftgasangriff zeigen.

Vermeintliche Retter würden durch einen dichten Nebel an Senfgas eilen, um zu den Opfern zu gelangen. Das Video soll dann über Soziale Netzwerke verbreitet werden. Angeblich seien 400 Liter einer chemischen Substanz geliefert worden, 200 Menschen, darunter Kinder, sollen an der Inszenierung beteiligt sein. Russland fordert von der Türkei, solche False-Flag-Operationen zu unterbinden.

Ist das nun Desinformation oder ein wahrheitsgemäßer Bericht? Auch dann, wenn von den vom Westen gehypten und finanzierten Weißhelmen, die nur in den von den HTS-Dschihadisten kontrollierten Gebieten ihren reichlich dokumentierten Rettungsaktivitäten nachgehen, ein solches Video verbreitet würde, würde das ohne Kenntnis vor Ort wenig aussagen. Jeder könnte interpretieren, wie er es will. Und der OPCW wäre auch nicht mehr trauen, wenn die Berichte von Whistleblowern und die Leaks zutreffen, die eine Manipulation der Ergebnisse nahelegen. Für die Weißhelme gibt es in Idlib, wo sich Zehntausende von schwer bewaffneten Kämpfern und Dschihadisten aufhalten sollen, nur Zivilisten, die zum Opfer der russischen und syrischen Angriffe werden. (Florian Rötzer)