Kommt nach dem IS der "schiitische Halbmond"?

Der Siegeszug über den Islamischen Staat heißt nicht Entwarnung im Nahen Osten

"Viel Glück", sagte Wladimir Putin zu Benjamin Netanjahu, als dieser drohte, Assads Amtssitz zu bombardieren. Der israelische Ministerpräsident ist nicht erfreut über das Südsyrienabkommen, welches beim G20-Gipfel in Hamburg zwischen Putin und Donald Trump vereinbart wurde. Da Russland den weitaus größeren Teil der Deeskalationszonen unter Kontrolle hat, befürchtet Jerusalem, dass Russlands Verbündeten, der Iran und die Hisbollah, freie Bahn zum Verkehr dicht an den Grenzen Israels erhalten werden, zumal im Abkommen kein Wort über Abzug dieser aus Syrien oder auch aus den Schutzzonen erwähnt worden ist.

Nach dem Siegeszug über den "Islamischen Staat" sind neue Konstellationen im Nahen Osten eingetreten, die nicht zwingend hoffnungsträchtig sind. Henry Kissinger warnte Anfang August die Fachwelt und Politiker vor einem radikalen "Imperium Iran".

Der ehemalige US-Außenminister in Zeiten des Kalten Krieges machte den Westen darauf aufmerksam, dass die Mullahs aus Teheran einen territorialen Gürtel von Teheran bis nach Beirut errichten könnten, wenn die Gebiete des geschlagenen IS durch die al-Qods-Brigade (Auslandsarm der iranischen Revolutionswächter) oder den vom Iran unterstützten schiitischen Milizen besetzt würden. Das würde bedeuten, dass die Revolutionswächter und Soldaten des Iran dicht an Israels Grenzen präsent sein würden, ein "no go" für Jerusalem. Donald Trump darf solch Entwicklung - die Entstehung eines radikal-schiitischen iranischen Imperiums nicht zulassen, so die Kernbotschaft des 94jährigen Kissingers. In der Tat sprechen einige Indizien für die Befürchtung des Ex-Außenministers der Vereinigten Staaten von Amerika.

Amerikanische Top-Generäle zeigen seit Jahren mit dem Finger auf den Iran und machen ihn mit dessen Oktopus artigen Einmischungen quer über die Region des Nahen Ostens, verbunden mit dem Hass auf Amerika und Israel, als die strategische Gefahr und den Feind Nummer Eins aus. David Petraeus, ehemaliger Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Irak und in Afghanistan, konstatierte 2015 mit Nachdruck, der IS sei nicht das größte Problem, sondern der Iran. Petraeus, der wie etliche ranghohe US-Militärs eine top-akademische Ausbildung genossen hat - er ist ein PhD-Princeton-Absolvent in Internationalen Beziehungen -, sah bereits damals voraus:

Wenn Daesh (IS) aus dem Irak vertrieben wird und die Folge sein wird, dass die vom Iran unterstützte schiitische Milizen zur mächtigsten Kraft im Land mutieren und die irakischen Sicherheitskräfte in den Schatten stellen, wie es die Hisbollah im Libanon tut, wäre das ein desaströses Ergebnis für die Stabilität und Souveränität des Irak, ganz zu schweigen von unseren eigenen nationalen Interessen in der Region.

David Petraeus

Schreckensvision für sunnitisch-konservative Monarchien am Persischen Golf

Die Islamische Republik ist in Libanon und Syrien mit der schiitisch-libanesischen Miliz - der Hisbollah - omnipräsent. Die Hisbollah als "Handlanger" des Iran verfügt über etwa 50.000 Kämpfer und 150.000 Raketen unterschiedlicher Reichweite. Von den 50.000 Mann kämpfen etwa 10.000 in Syrien an der Seite von Bashar Al-Assad mit Rückendeckung der iranischen Al-Qods-Brigade und Russland. Diese haben maßgeblich dazu beigetragen haben, dass Assad nicht stürzt.

Im Irak hat die schiitische Miliz Hashd al-Shaabi - 2014 gegründet - mindestens 100.000 Mitglieder. Iran kommt für die Finanzierung, Waffen, Ausbildung und Logistik der Miliz auf. In Jemen riss der ebenfalls vom Iran unterstützte schiitische Zweig der Huthi-Miliz die Macht an sich. Der Iran unterstützt auch radikale Sunniten. Teheran ist laut Aussage des Hamas-Chefs im Gazastreifen Yahya Sinwar der größte Finanzier und Waffenlieferant an die Al-Qassam-Brigaden, dem militärischen Arm der Hamas. Die Zusammenarbeit der Mullahs mit den Taliban in Afghanistan ist bereits bewiesen.

Es war der jordanische König Abdullah II., der 2004 und erstmals nach dem Irakkrieg (2003) den Begriff vom "schiitischen Halbmond" prägte. Der König meinte, dass der Sturz des Sunniten Saddam Hussein im Irak die Machtübernahme der Iran freundlichen schiitischen Iraker bedeuten würde und dieser Machtzuwachs der Ayatollahs in Teheran würde auch für Libanon, Syrien und Jemen (und Bahrain) gelten, wodurch die Region geografisch durch einen schiitischen Halbmond geprägt würde.

Das wäre eine beschworene Schreckensvision für sunnitisch-konservative Monarchien am Persischen Golf inklusive Saudi-Arabien, der nun unter dem Vorwand dieses Schreckgespenstes die eigene schiitische Bevölkerung unterdrückt und aus Furcht vor einer iranischen Übernahme Bahrains und Jemens in diese beiden Staaten militärisch intervenierte. Saudi-Arabien ist auch in den regionalen Stellvertreterkrieg mit dem Iran involviert, doch eine derart massive direkte Bewaffnung der Milizen und eine direkte eigene Involvierung mit Truppen und Kriegsgerät im Syrien-Krieg oder anderswo außer offiziell deklarierten Eingriffen in Bahrain und Jemen ist von den Saudis nicht bekannt.

"Iran muss Syrien verlassen oder Israel wird handeln"

Das Südsyrienabkommen bzw. der Waffenstillstand in Syrien, ausgehandelt vom US-Präsidenten Donald Trump und Wladimir Putin beim G20-Gipfel in Hamburg, stößt in Jerusalem auf harten Widerstand. Laut dem Abkommen gibt es hauptsächlich drei Deeskalationszonen, die größere im Westen Syriens unter russischer Kontrolle, im Südwesten unter US-Kontrolle und die von der Türkei und Amerika gesicherte Nordwestzone im Kurdengebiet.

Die russische Kontrollzone grenzt an das Mittelmeer und verläuft genau auf der vom Iran angestrebten Mittelmeerroute durch den Irak und Syrien. Obschon zwischen den Iranern und der israelischen Grenze durch die Zonen ein Korridor von etwa 20 Kilometer besteht, traut Jerusalem Moskau nicht über dem Weg und befürchtet, dass Moskaus gute Beziehung zu Teheran dazu führt, dass iranische Revolutionswächter und die Hisbollah sich entlang der jordanischen Grenze breit machen und sich den israelischen Grenzen nähern. Assads Armee kontrolliert seit kurzem Tanf, das Grenzgebiet zum Irak und auf der anderen Seite der Grenze auf irakischem Gebiet hat die schiitische Hashad Hashd Al-Shaabi die Fläche erobert. So kommt der Iran seinem Traum - der Errichtung eines Landkorridors bis zum Mittelmeer - ein Stück näher.

Die Islamische Republik würde somit zum ersten Mal in ihrer Geschichte über eine direkte Landverbindung zu ihren Verbündeten in Syrien und im Libanon verfügen, die sich über den Irak bis an die Küste des Mittelmeeres (syrische Hafenstadt Latakia) erstreckt. Irans Revolutionswächter und Streitkräfte sowie die schiitischen Milizen könnten sich fortan zum Transport von Waffen und zu logistischen Zwecken frei zwischen dem Iran, Irak, Syrien und dem Libanon bewegen, ein Albtraum im Hinblick auf die Sicherheitsinteressen Israels. Israels nördliche Grenzen, besonders die Golanhöhen, wären in Gefahr.

Die Sorge um Irans Schielen auf Israel ist nicht unbegründet. Im Januar 2015 griff die israelische Luftwaffe einen Hisbollah-Fahrzeugkonvoi an der libanesisch-israelischen Grenze nahe Golanhöhen an und tötete sechs Hisbollah-Kämpfer und sechs iranische Militärs. Unter den Iranern befand sich auch ein Angehöriger der Elitetruppe, der Brigadegeneral Mohammad Ali Allahdadi. Was Top-Militärs des Iran tausende Kilometer entfernt von den eigenen Grenzen und dicht an Israel wollen, lässt alle Befürchtungen in Richtung der These "Arbeiten an der Vernichtung Israels" als plausibel und nicht als Agitation seitens Israels erscheinen. Israels Premierminister Netanjahu ist besonders besorgt darüber, dass im Abkommen kein Wort über iranische Truppen und die Hisbollah zu sehen ist und dass es überhaupt nicht sicher ist, dass diese aus den Deeskalationsgebieten abziehen würden. Netanjahu fängt auch an, Zweifel an Trumps anfangs lautstark verlautbarter Entschlossenheit gegenüber dem Iran zu hegen.

Russische Truppen bzw. Polizisten sichern weite Teile der Deeskalationszonen. Israels Premier hätte lieber die US-Einheiten dort stationiert gesehen. Er ließ keine Zweifel daran: "Iran muss Syrien verlassen oder Israel wird handeln." Iran denkt nicht dran, sich aus Syrien zurückzuziehen. Jeder Mensch, der sich mit der Region auskennt weiß, dass Israel "handeln" wird, wenn es seine Existenz in Gefahr sieht. Das würde Jerusalem auch ohne die USA tun und im Endeffekt viele, inklusive die USA, mit in den Krieg ziehen. Iran provoziert fast täglich mit Rhetorik und die Israelis beschuldigen die Mullahs, in Syrien und Libanon Militärbasen sowie Raketenfabrik bauen zu wollen. In diese Richtung haben sich bereits die iranischen Offiziellen geäußert. Der Premier hat auch mit Bombardierung von Assads Amtssitzt gedroht. Putins Antwort zu Netanjahu erschreckt: "Viel Glück"!

Daesh (IS) und der Schaden, den er angerichtet hat, wären kleinkariert gegen einen Waffengang zwischen Iran und Israel, sollten die Beteiligten, allen voran die USA und Russland, keine Besonnenheit und Vernunft walten lassen. Der Überraschungseffekt des Nahen Ostens hat Tradition. Wer hat vor vier Jahren mit hässlichen brutalen Kreaturen wie dem IS, der mächtigsten Miliz aller Zeiten, gerechnet. Wenn es um den Nahen Osten geht, ist die einzige Überraschung, wenn es keine Überraschungen gibt.

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