Kommunizieren von einem Nervensystem zum anderen

Der britische Kybernetikprofessor Warwick will über implantierte Chips neuronale Impulse übertragen

Der britische Kybernetikprofessor Kevin Warwick ist seit 1998 zum Vorreiter von implantierten Chips geworden - und sucht damit auch gerne einmal die Öffentlichkeit zu provozieren, um Aufmerksamkeit als ein Held der künftigen Cyborgs zu werden. Glaubt er doch, zumindest öffentlich, dass einzig durch Integration von Technik in den Körper könne der Mensch in Zukunft noch mit den intelligenten Menschen mithalten. Hatte er sich bislang einen Chip zeitweise nur in seinen Körper implantieren lassen, macht dieses Mal auch seine Frau mit, denn Warwick will sehen, ob sich neuronale Signale von einem Körper auf den anderen übertragen lassen.

Schon bei den FAQs, die Warwick auf seiner Website über das neue Experimente veröffentlicht hat, kommt sein Anliegen in der ersten Frage ziemlich deutlich heraus: "Über welches Implantat wird denn jetzt überall gesprochen?" Das hätte der Professor zumindest gerne so. Und auf jeden Fall hat er es eilig, muss er doch der Erste sein, weil es sonst keine mediale Bedeutung mehr hätte.

Vor zwei Jahren hatte der Professor, kaum war Cyborg 1.0 vorbei (Der Forscher als Publicity Stuntman), sein zweites Projekt - natürlich Cyborg 2.0 - angekündigt (Telepathischer Chip). Noch ist ja ein bisschen Zeit, denn verpflanzt werden sollen die Chips voraussichtlich im September, aber Warwick will schon einmal die Medienöffentlichkeit darauf vorbereiten. Bislang habe er sich nur zeitweise einen Chip eingepflanzt, mit dem Signale an einen Computer gegangen sind, so dass man Warwick jeder Zeit lokalisieren konnte. Je nachdem, wo Warwick sich aufhielt, konnte man irgend etwas geschehen lassen, also das Licht anmachen oder die Fenster öffnen. Damals lief das für Warwick auch unter dem Thema Überwachung.

Mittlerweile sind implantierte Chips keine Vision mehr, sondern werden von Unternehmen wie der "digitale Engel" auch zur Überwachung von möglicherweise gefährdeten Menschen oder gar zu deren Authentifizierung auf den Markt gebracht. Das nächste Mal werde er sich, wie Warwick ankündigte, einen "telepathischen" Chip implantieren lassen, der mit Nerven verbunden ist und angeblich in der Lage sein soll, Gefühle, Schmerzen und Bewegungsimpulse aufzunehmen und zu versenden: "Ich habe das langfristige Ziel, Mitteilungen zwischen Menschen allein durch Gedanken zu senden", kommentierte der Forscher sein Vorhaben, der von sich sagt, dass er auf keine Weise nur ein Mensch bleiben wolle.

1999 allerdings wollte er den Gang zum "Supermenschen" noch alleine machen. Nervenimpulse, die vom im linken Arm implantierten Chip abgenommen werden, wenn beispielsweise ein Finger bewegt wird, sollten zum Computer gesendet und dort gespeichert werden. Dann dachte Warwick daran, dieses Muster neuronaler Signale wieder an den Chip zurückzusenden, der sie dann an die Nerven weitergibt, um zu sehen, ob so der Finger dieselbe Bewegung ausführt. Ähnlich dachte Warwick sich, könne man womöglich eine Empfindung wie Schmerz, der ein "sehr klar abgehobenes elektronisches Signal im Nervensystem" sei, aufzeichnen und wieder abspielen. sein Geheimnis bleibt allerdings, wie sich über Nervensignale im Arm andere Empfindungen als Schmerz wie "Angst, Schock oder Aufregung" abnehmen lassen sollen. Für Warwick, den Showman der Wissenschaft, ist das ganz einfach, zumindest gedacht. Da doch Gefühle auch irgendwie Nerven stimulieren, müsse man sie doch auch anzapfen können: "Das ist, wie wenn man einen Stecker in das Nervensystem steckt."

Aber sensationeller würde es doch sein, wenn man diese Art von Telepathie, die der Möchtegern-Cyborg zur Aufführung bringen will, als eine Art Fernsteuerung eines anderes Menschen inszeniert. Man wird sich zwar daran erinnern, dass der australische Performance-Künstler Stelarc just dies auch ohne implantierten Chip bereits vor sechs Jahren - übrigens auf einer Ausstellung namens Telepolis, aus der dieses Magazin hervorgegangen ist - vorgeführt hat: er brachte Elektroden außen an bestimmte Muskeln an, über das Internet konnten Menschen auf ein Diagramm seines Körpers mit den Elektroden klicken und so schwache Stromschläge auslösen, die Stelarcs Muskeln in Bewegung versetzten. Stelarc sagte damals, ihn interessiere einzig der Sachverhalt, dass man sich so den Körper eines anderen oder Teile von ihm für eine gewisse Zeit ausleihen kann. Das könne schließlich ja auch wechselseitig geschehen. Die Muskelbewegungen des einen Menschen lassen sich durch Sensoren abnehmen und auf einen anderen übertragen. Telepräsenz oder Tele-Existenz heißt nicht nur, aus der Ferne Roboter oder Avatars zu steuern, sondern auch in Echtzeit andere menschliche Körper in der wirklichen Welt (Der vernetzte Körper).

Natürlich, was Warwick vorhat, ist komplizierter und greift schon allein deswegen mehr in den Körper ein, als immerhin ein Chip oberhalb des Ellbogens eingepflanzt wird, der mit einer Batterie, einem Sender und einem Tuner versehen ist. Ein Geheimnis bleibt noch, wie viele Nerven an den Chip angeschlossen werden und wie die abgenommenen Signale dann wieder als Impulse in Nervenzellen eingespeist werden. Warwick ist optimistisch, wie er der Sunday Times erzählte: "Das wird funktionieren, weil die dem zugrunde liegende Wissenschaft gut ist."

Zumindest hofft Warwick, dass die relevanten Signale für eine Bewegung nicht nur abgenommen, sondern auch an den jeweils Anderen gesendet werden können. Ob die neuronalen Erregungsmuster des einen Menschen genau die Impulse beim Anderen auslösen, die notwendig sind, um die Bewegung zu reproduzieren, ist natürlich prinzipiell eine interessante Frage. Würde dies gelingen, dann wäre dies in der Tat eine Gedankenübertragung. Und interessant wäre auch, ob sich der Empfänger gegen die fremden Befehle wehren oder sie verändern kann. Unwichtig wäre dabei, wo sich die beiden buchstäblich vernetzten Menschen befinden, denn die Übertragung ließe sich über das Internet bewerkstelligen.

"This is the first time that two people will be connected together in such a way. In linking two people together thus, will it be possible for Irena to literally get into her husband's mind? or vice versa. With Kevin in New York and Irena in the UK, if he sprained an an ankle, could he send the signal to Irena to make her feel as though she had injured herself? Could she feel the same pain as Kevin? Kevin will like to temporarily 'connect' to his wife's experiences, being forced to perform the same physical actions that she performs and feeling the same emotions and sensations. "

Spekulieren ließe sich natürlich noch einiges. Für die Öffentlichkeit jedenfalls kokettiert Irena Warwick damit, dass das Anzapfen der neuronalen Impulse im Arm irgendwie eine sehr intime Sache sei. Sie wolle nicht, dass ihr Ehemann "mit einer anderen Frau vernetzt" ist. Schließlich ist der Anspruch, nicht nur Bewegungen, sondern auch Gefühle übertragen zu können. Auch das wäre selbstverständlich interessant, wenn man nicht nur mit einem anderen aus eigenen Erfahrungen Mit-Leiden könnte, sondern direkt die Schmerzen, Freuden oder Ängste Mit-Erleben würde - oder wären es dann gar nicht mehr die Gefühle des Anderen, da das Gehirn eingespeiste von selbst erzeugten Gefühlen gar nicht unterscheiden könnte? Haben Gefühle oder Gedanken einer Person vielleicht eine Art Kennung wie auch seine Körperzellen, so dass sie vom mentalen Immunsystem von Gedanken anderer Menschen unterscheidbar wären?

Viele schöne-schaurige Spekulationen könnte das Projekt Cyborg 2.0 empirisch beantworten, wenn es denn überhaupt zu einem Ergebnis führt. Warwick selbst hat noch eine Idee: die neuronalen Aufzeichnungen lassen sich natürlich speichern und zu späterer Gelegenheit wieder abspielen, um dieselben Wirkungen zu erzeugen. Das wäre vielleicht im Fall von Schmerz für Folterer verlockend, andererseits, so Warwick, immer eine zukunftsweisende Alternative bei der Hand, ließen sich so möglicherweise auch Schmerzen blockieren, indem einfach die Schmerzen, die jemand hat, von schmerzfreien Zuständen überlagert und verdrängt werden. Aber man könne so nicht nur beispielsweise Kopfschmerzen beseitigen, sondern vielleicht auch Tranquilizer ersetzen. Und so träumt Warwick von dem Allround-Chip, mit dem man mehr oder weniger alles auslösen kann, beispielsweise Lust oder Freude, was natürlich alle Erlebnisangebote, aber auch Arbeitsplätze aufwerten würde.

Aber das überlässt Warwick dann doch eher der Science Fiction, während er selbst dem Traum ortloser und allseitiger Kommunikation nachhängt: "Ich will mir die Möglichkeit näher ansehen, wie Menschen miteinander von dem einen Nervensystem zum anderen kommunizieren können." Das wäre doch ganz wunderbar: man müsste nicht mehr schreiben und auch nicht mehr sprechen, sondern die Gehirne wären direkt irgendwie ineinander verhakt und würden nur noch die neuronale Sprache verwenden müssen:

"Could these experiments be the beginning of a future world where humans can send thought signals to one another without the need to speak, perhaps making telephones and even human language redundant? We can't wait to find out."

Einmal abgesehen von Möglichkeiten, durch implantierte Chips Behinderten wieder zu ermöglichen, was sie nicht mehr können, wäre es doch ein wenig ungemütlich, wenn man ständig damit rechnen müsste, dass nicht nur unser Gehirn gegen unseren Willen abgehört werden könnte, sondern dass wir uns auch stets der Cracker erwehren müssten, die unsere Gedanken oder Impulse überschreiben, zumindest aber nach Sicherheitslöchern suchen, um in unser Nervensystem einzudringen. Dann müsste man sich immer neue Versionen von Firewalls zulegen, nach neuen Kennworten und Verschlüsselungen suchen, käme womöglich durcheinander, wenn man zufällig im Gehirn eines anderen landet, der gerade fliegt, während man selbst einen Vortrag hält ...

Chips, die neuronale Signale übertragen können, haben natürlich neben dem Spektakulären auch eine mögliche praktische Anwendung. Mit Signalen aus dem Gehirn, die etwa über einen Chip bei Querschnittsgelähmten an die motorischen Nerven in Muskeln weiter gegeben werden, könnten diese wieder handlungsfähig machen. An solchen neurotechnologischen Implantaten zum Ersatz für sensorische oder motorische Behinderungen wird schon lange geforscht. Einige Anwendungen wie Coclea- oder Retina-Implantate sind bereits im Einsatz oder werden gestestet. (Florian Rötzer)