Konfusion in der Medienrepublik: Der Überraschungseffekt der Youtuber

Screenshot aus dem Video Ein Statement von 90+ Youtubern, YouTube

Vor der EU-Wahl veröffentlichen 90 "Webstars" eine Wahlempfehlung: "Wählt nicht die CDU/CSU, wählt nicht die SPD und schon gar nicht die AfD". Die Reaktionen sind der eigentliche Aufreger

Früher ging es langweilig und behäbig vernünftig zu vor den EU-Wahlen, diesmal ist es nicht so. Das liegt vordergründig an zwei Videos, die die Temperatur der öffentlichen Diskussion erhöht haben. Einmal das Video zur Selbstentblößung von Strache, mit dessen Wirkung die Neue Rechte zu kämpfen hat, weil sie deren "Alternative zur herrschenden Politik" in bekannte Einzelteile zerlegt und damit ihre Versprechen demontiert (Rechtspopulisten - die wahren "Volksverräter"?).

Der Schock über die Ibiza-Videos zieht Kreise über die Rechtspopulisten hinaus (Kein Grund zur Entwarnung). Zu dieser Erregungswelle hinzu kam eine zweite, ausgelöst durch das Video des "CDU-Zerstörers" Rezo, bei dem sich die Angegriffenen mit der Demontage schwer tun, weil diese Art von Kritik nicht so leicht in bekannte Elemente zerlegt werden kann, die mit Routine zu erledigen wären (Rezo: Es kamen "Diskreditierung, Lügen, Trump-Wordings und keine inhaltliche Auseinandersetzung").

Das Eindringen von Aliens mit großer Reichweite

Das liegt daran, dass es sich hier aus Sicht der dominierenden Öffentlichkeitswelt um das Eindringen von Aliens handelt. Und daran, dass man die "Webstars", was ja fast schon wie "Weltstar" klingt, aus lauter Konfusion mit "der Jugend" gleichsetzt, die ohnehin immer rätselhaft ist, ein Mysterium, von dem die Konsumindustrie mit ihren Versprechen nicht schlecht lebt. Sie ist also wichtig die Jugend, daran kommt keiner vorbei.

Vor allem aber, weil die Aliens einen guten Platz am großen Drehrad haben. Man muss nur bei ein paar Besprechungen sitzen oder bei Gesprächen zuhören, die Fragen am Drehrad der Nachrichten- und Produktverkäufer lauten: Wie kommt meine "Performance" an, wie schauen die Zugriffszahlen aus, die Klickzahlen?

Die Jugendlichen zeigen jetzt, welche Reichweite sie haben. Mit den Schülerstreiks, die besonders Rechte, die aus ihrer "Klimaskepsis" eine Komfortzone gemacht haben, in ihren Kommentaren zum Wahnsinn treiben, weil sie doch auf eine ganz andere Mehrheit setzen. Und nun mit den Youtubern, deren Reichweite die Öffentlichkeitsarbeit der Parteien sowieso, aber auch vieler anderer in den Schatten stellen. Gabor Steingart spricht von einem "Gezeitenwechsel".

Alle etablierten Mächte spüren den Gezeitenwechsel: Die klassischen TV-Talkshows werden von der Jugend nicht boykottiert, sie bleiben nur ausgeschaltet. Die etablierten Politiker werden nicht bekämpft, nur ignoriert. Reklame wirkt, aber oft abstoßend. Die Verbandsfürsten senden weiter ihre Botschaften, aber es fehlt an willigen Empfängern.

Gabor Steingart

Auf das "CDU-Zerstörer-Video" von Rezo folgten viele hitzige, hilflose und steife Antworten, wie auch diffamierende, worauf eine Vielzahl - "90+" - der bekanntesten Youtuber mit einem offenen Brief reagierten, der wiederum in einem Videoclip, diesmal sehr viel kürzer, vorgelesen wird: hier (dort findet man auch den offenen Brief in schriftlicher Form). Ein Ausschnitt:

Dies ist ein offener Brief. Ein Statement. Von einem großen Teil der Youtuber-Szene. Am Wochenende sind die EU-Wahlen und es ist wichtig wählen zu gehen. Aber es ist genauso wichtig, eine rationale Entscheidung bei der Wahl zu treffen, die im Einklang mit Logik und Wissenschaft steht.

Es gibt viele wichtige politische Themen, aber nach der Risiko-Hierarchie hat die potentielle Zerstörung unseres Planeten offensichtlich die höchste Priorität. Jedes andere Thema muss sich hinten anstellen.

Die irreversible Zerstörung unseres Planeten ist leider kein abstraktes Szenario(,) sondern das berechenbare Ergebnis der aktuellen Politik. Das behaupten nicht wir, sondern das ist der unfassbar große Konsens in der Wissenschaft. Die Experten sagen deutlich, dass der Kurs von CDU/CSU und SPD drastisch falsch ist und uns in ein Szenario führt, in dem die Erde unaufhaltsam immer wärmer wird, egal was wir tun. In dieser Welt sterben nicht nur viele Tierarten aus, sondern auch viele Menschen.

(…)

Wer diesen Konsens leugnet, so wie die AfD, oder nicht danach handelt, wie die aktuelle Regierung, hat nichts in der Führung eines aufgeklärten Landes zu suchen. (…) Daher bitten wir alle: Wählt nicht die CDU/CSU, wählt nicht die SPD. Wählt auch keine andere Partei, die so wenig im Sinne von Logik und der Wissenschaft handelt und nach dem wissenschaftlichen Konsens mit ihrem Kurs unsere Zukunft zerstört.

Und wählt schon gar nicht die AfD, die diesen Konsens sogar leugnet. Hier geht es nicht um verschiedene legitime politische Meinungen. Es geht um die unwiderlegbare Notwendigkeit, alles dafür zu tun, den Kurs so schnell wie möglich drastisch zu verändern.

Ein Statement von 90+ Youtubern

Nicht erwähnt werden die Grünen, die Linken und die FDP. Durch die Konzentration auf die "potentielle Zerstörung unseres Planeten" kommt der Videoclip dem Programm der Grünen am nächsten.

Wäre es aber ein Werbeclip der Grünen, so hätte er aller Wahrscheinlichkeit nach niemals die Aufmerksamkeit erlangt, die auch dieses Youtuber-Video bekommt. Die Aussagen selbst machen nicht so sehr den Unterschied. Es ist die Wucht, mit der die Welt der Youtuber in die bekannte Welt einbricht.

Überhebliche "Ritter der traurigen Gestalt"

Eltern von Teenagern bekommen davon eine Ahnung und sie wissen auch, wie schwierig eine Annäherung an die Youtuber-Video-Welt ist, wenn man sich nicht zum "Ritter der traurigen Gestalt" machen will, der sich einfach nur "berufsjugendlich" anbiedert oder unerschütterlich und überheblich an seinen Überzeugungen und Vorlieben festhält.

Inhaltlich unterkomplex seien sie, wird den Youtubern vorgeworfen. Wie aber zum Beispiel bei den Nachdenkseiten in einer ausführlichen Analyse nachzulesen, sind es nicht die Inhalte von Rezo, sondern ganz besonders die überheblichen Antworten auf Rezos Video, die sich durch manipulative Unterkomplexheit auszeichnen: CDU löst komplexe Zusammenhänge in altbekannter Manier auf.

Die Kritik ist demnach um Welten fundierter, als es die Polemiken aufgestörter Qualitätsmedien-Vertreter in groben Tönen vermitteln wollen, wo man sich doch sonst so sehr über die Krawallkultur im politischen Gespräch aufregt.

Die Annäherung, wie sie etwa die SPD momentan unnötigerweise von Gamerstühlen aus versucht, könnte noch interessant werden. Aber Sätze wie von Klingbeil - "Das Beschimpfen einer ganzen Generation ist nicht mein Stil" - sind da keine wichtigen Gesten, weil man mit einer "ganzen Generation" nicht reden kann.

Erst wenn man aus diesen Allgemeinplätzen rausgeht, könnte sich eine Kontroverse mit echter politische Relevanz ergeben, die Änderungen zur Folge haben ("Taten").

Ein braves Gespräch mit der Kanzlerin

Bislang ist es ein Überraschungseffekt, den die Fridays for Future und die YouTuber in der politischen Debatte als "Moment" für sich haben. Es ist ein Bonus der Unverfrorenheit und Unbefangenheit, den alle Neulinge haben auch in der Pop-Welt, die Substanz zeigt sich erst nach dem Anfangseffekt.

Aber nicht nur die konfusen alten Hasen der Politik betreten in dieser Konfrontation Neuland, auch die YouTuber tun das, wenn sie sich denn wirklich auf die Sphäre der politischen Debatte einlassen. Wer erinnert sich noch an das eher brave Gespräch des Youtubers LeFloid mit der Kanzlerin 2015?

Gespräche mit sattelfesten oder auch schon von Erfahrung vernarbten Politikern sind, wie sich da zeigte, nochmal eine andere Ebene mit eigenem, erheblichen Schwierigkeitsgrad (auch Houllebecq scheiterte zum Beispiel an der professionellen Glätte Macrons, als er ihn befragte). Aber seit LeFloids Unterhaltung mit Merkel sind auch ein paar Jahre vergangen. Vielleicht kommen da bald noch ein paar Überraschungen. Der politischen Öffentlichkeit täte das sehr gut.

Für die Parteien ist es wichtig, sich auf neue Konfrontationen einzulassen. Sie sind in vielem alt geworden und haben, wie ARD, ZDF und angeschlossene Rundfunkanstalten, die Qualitätsmedien wie auch Blogger, Schwierigkeiten, "die Jugend" noch zu erreichen. (Thomas Pany)