Kongo: Pygmäen gegen Bantu

Twa-Pygmäe mit Pfeil und Bogen. Foto: Edirisa. Lizenz: CC BY-SA 2.5.

UN-Erkundungskonvoi mit Pfeilen angegriffen

Wie die UN-Kongo-Mission Monusco erst jetzt bekannt gab, wurde einer ihrer Erkundungskonvois letzte Woche in der an der Grenze zu Tansania gelegenen Provinz Tanganjika angegriffen - und zwar nicht von einer der Milizen, die im Kongo aktiv sind, sondern von Twa. Dass dabei nur ein Blauhelmsoldat verletzt wurde, dürfte daran gelegen haben, dass die Twa schlechter ausgerüstet waren sind als andere bewaffnete Gruppen: Sie hatten den Konvoi mit Pfeilen angegriffen. Serge Haag, der Sprecher der Monusco-Mission, betonte bei der Bekanntgabe des Angriffs, dass die Blauhelmsoldaten zurückschießen hätten dürfen, dies jedoch unterließen.

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Über den Konflikt, den die Expedition erkunden sollte, ist im Ausland bislang wenig bekannt. Die Twa sind Pygmäen, die in Ruanda, Burundi, Sambia und dem ehemals belgischen Kongo leben. Außer ihnen gibt es noch weitere Pygmäengruppen: Die Mbuti im Ituri-Regenwald und die Mbenga in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und dem ehemals französischen Kongo. Sprachlich unterscheiden sich die Pygmäen im Regelfall nur wenig von den sie umgebenden Bantuvölkern. Sie sind im Durchschnitt aber deutlich kleiner und weisen mit der Haplogruppe B (Y-DNA) eine genetische Eigenart auf, die zeigt, dass dieser Unterschied nicht nur auf die Ernährung zurückzuführen ist.

Twa sind in der Provinz Tanganjika klar in der Minderheit. Die Mehrheit dort sind die Luba - ein Bantuvolk, das im 16. Jahrhundert ein eigenes Königreich gründete. Zwischen diesen Luba und den Pygmäen gibt es bereits seit Ende 2013 blutige Auseinandersetzungen mit Toten und Vertriebenen. Dabei spielt Vergeltung eine zentrale Rolle.

Im Oktober 2016 kamen dem Abgeordneten Kalunga Mawazo nach beispielsweise in der Ortschaft Kabalo innerhalb von drei Tagen mindestens 16 Twa und mindestens vier Luba ums Leben. Auslöser dieses Konflikts war ein Streit um eine Abgabe für die Ernte von Raupen, die den Pygmäen traditionell als wichtige Proteinquelle dienen. Die Twa verweigerten diese Abgabe, die sie als illegale Steuer ansahen, und töteten zwei Luba, die sie eintreiben wollten, mit Pfeilen. Daraufhin rächten sich die Luba mit einem Massaker mit Macheten.

Ein wichtiger Brandbeschleuniger der Konflikte zwischen Bantu und Pygmäen ist, dass die Pygmäen, die traditionell den Regenwald durchstreiften, wo sie sich vom Jagen und Sammeln ernährten, heute häufig dort leben, wo auch die Bantu siedeln. Der Grund dafür ist nicht nur, dass Wald und Wild in den letzten Jahrzehnten durch Holzeinschlag weniger wurden, sondern auch, dass Regierungen und NGOs wie der Worldwide Fund for Nature (WWF) versuchten, dieser Entwicklung durch die Einrichtung von Naturschutzgebieten entgegenzuwirken. Dazu siedelte man Pygmäen in Ruanda, Uganda und dem Kongo in großem Maßstab um und verbot ihnen die Jagd in ihren angestammten Gebieten.

Ohne ihre Jagdreviere gerieten viele Pygmäen in die Abhängigkeit von Bantu-Bauern, die sie für Unterkunft und Essen - aber oft ohne Bezahlung - für sich arbeiten lassen. Andere Pygmäen entdeckten den Anbau von Marihuana als alternative Erwerbsquelle, was sie jedoch in Konflikte mit Soldaten und Milizen stürzte, die an den Geschäften beteiligt werden wollen und die illegale Ware konfiszieren, wo sie sie finden.

Der Konflikt zwischen Pygmäen und Bantu ist nicht der einzige Kriegsherd, der im Kongo brennt: Dort hat sich George Okoth-Obbo, dem stellvertretenden Leiter der des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, nach die Zahl der Binnenflüchtlinge im letzten halben Jahr auf 3,8 Millionen Menschen verdoppelt. Wichtigste Ursache dafür ist der Krieg in der Region Kasai im Süden des Landes, wo etwa 1,4 Millionen Menschen ihre Dörfer und Felder verließen.

Hier kämpft die örtliche Luba-Rebellengruppe Kamwina Nsapu gegen Sicherheitskräfte der Zentralregierung, die im August ihren damaligen Führer Jean-Pierre Mpandi erschossen. Seitdem kamen bei Kämpfen mehrere Hundert Menschen ums Leben - vor allem Luba-Rebellen, aber auch Polizisten, Soldaten und Zivilisten (die von den Kamwina Nsapu vor allem dann getötet werden, wenn sie kein Tsiluba sprechen, was auch auf einen ermordeten Schweden, einen erschossenen Amerikaner und mehrere in einem Massengrab gefundene Kinder zutraf). Nachdem UN-Inspektoren über 40 Massengräber ausfindig machten, forderte Said Raad al-Hussein, der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, die Regierung des Kongo dazu auf, den Vorwürfen über illegale Hinrichtungen durch Soldaten nachzugehen, da sich andernfalls auch der Internationale Strafgerichtshof in den Haag darum kümmern könne. (Peter Mühlbauer)

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