Konjunkturprognose in Deutschland drastisch gesenkt

Obwohl die deutsche Wirtschaft praktisch schon in der Rezession ist, wird noch immer ein Wachstum von 0,8% prognostiziert - wenn es keinen harten Brexit gibt

Die fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Konjunkturprognose für das laufende Jahr drastisch gesenkt. Hatten sie bisher noch erwartet, dass die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr um 1,9% wachsen werde, sollen es nach der neuen Prognose nur noch 0,8% sein.

Damit schließen sich die Institute der Prognose der fünf Wirtschaftsweisen an, die schon im März ihre Prognose deutlich auf 0,8% gesenkt hatten. "Der langjährige Aufschwung der deutschen Wirtschaft ist zu Ende", heißt es im Frühjahrsgutachten der Experten, da sich die Konjunktur "deutlich abgekühlt" habe.

Die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen hätten sich wegen politischer Risiken weiter verschlechtert. Die Risiken für die deutsche und die weltweite Konjunktur haben sich gegenüber dem Herbst 2018 vergrößert. Auf internationaler Ebene lägen Gefahren im Handelsstreit zwischen den USA und China sowie im weiterhin ungeklärten Brexit-Verfahren. In Deutschland bremsten ein Fachkräftemangel, Lieferengpässe sowie Schwierigkeiten in der Autoindustrie die Konjunktur.

"Die Gefahr einer ausgeprägten Rezession halten wir jedoch bislang für gering", erklärte Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und stellvertretender Präsident des gastgebenden Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) bei der Vorstellung der Prognose.

Das ist einigermaßen erstaunlich, da Deutschland praktisch schon in der Rezession ist und offiziell nur daran vorbeigeschrammt ist, weil seit einiger Zeit auch illegale Geschäfte in das Bruttosozialprodukt eingerechnet werden, wie an dieser Stelle dargelegt wurde.

Tatsächlich trauen sich auch die fünf Forschungsinstitute nicht, eine tiefergehende Rezession auszuschließen. Ein harter Ausstieg Großbritanniens aus der EU sei seit Abschluss der Prognose Ende März "zwar weniger wahrscheinlich geworden, aber noch nicht ausgeschlossen", schreiben die Forscher.

Kommt es zu einem No-Deal-Brexit, dürfte das Wirtschaftswachstum in diesem und im kommenden Jahr deutlich niedriger ausfallen als in dieser Prognose ausgewiesen.

Frühjahrsgutachten der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute

Berechnet haben die Institute den Fall nicht. Ihnen fehlen dafür Vergleichsmöglichkeiten, aber sie befürchten eine erhebliche Abkühlung auch für Deutschland, wegen erheblicher Einschränkungen des grenzüberschreitenden Güterhandels, sollte es kein Brexit-Abkommen geben.

Einige Beobachter sprechen ohnehin längst in Deutschland von einer schweren Industrierezession angesichts der Abhängigkeit von Exporten und die Zahlen seien nur vergleichbar mit der Rezession in der Finanzkrise 2009.

Umfragedaten bei Einkaufsmanagern weisen darauf hin, dass sich Lage im März weiter verschlechtert hat. Das verarbeitende Gewerbe in der Währungsunion befinde sich "im schärfsten Abschwung seit der Eurokrise 2012", meint Chris Williamson, Chefökonom des Datenanbieters IHS Markit. Er hat die neueste Einkaufsmanagerumfrage durchführt. Der Erholungseffekt im Januar habe sich als kurzlebig erwiesen, wird festgestellt. (Ralf Streck)

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