Konsequent konservativ

Menschen mit konservativer Grundeinstellung besitzen ein größeres Durchhaltevermögen und einen höheren Grad an Selbstkontrolle als Liberale. Eine Studie erklärt, warum

Bei gleicher Intelligenz erreichen konservative Studenten in den USA im Mittel bessere Noten als ihre liberalen Kommilitonen. Die Forscher, die das herausgefunden haben, dachten zunächst an eine naheliegende Ursache: Dominanzverhalten. Wer es wichtig findet, dass soziale Unterschiede erhalten bleiben, versucht eher, seinen Teil dazu beizutragen als jemand, der alle Menschen für grundsätzlich gleich hält.

Ein nachvollziehbarer Gedanke, doch auch andere Interpretationen sind möglich. Wäre es nicht ebenso wahrscheinlich, dass Konservative deshalb besser abschneiden, weil sie stärker an den freien Willen glauben, dieses "Yes, you can", als Liberale, die eher gesellschaftliche oder soziokulturelle Faktoren für ihre Leistung verantwortlich machen?

Es gehört zum Kern der konservativen Ideologie, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist, dass es rein von der eigenen Leistung abhängt, was ein Mensch im Leben erreicht. Wer an diese These glaubt, sollte auch im Alltag über eine bessere Selbstkontrolle verfügen.

Ob das tatsächlich der Fall ist, hat ein amerikanisches Psychologenteam nachgeprüft. Die Ergebnisse sind in den Veröffentlichungen der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS) nachzulesen.

Die Forscher haben ihre deutlich über 100 Probanden in drei Versuchen geprüft. Zunächst mussten die Teilnehmer eine längere Unterscheidungsaufgabe ausführen: Sie mussten möglichst schnell herausfinden, welches Wort nicht zu einer Wortgruppe passte. Dabei maßen die Forscher die Antwortzeiten.

Bei der (um andere Faktoren wie Alter, Hautfarbe und Geschlecht korrigierten) Auswertung zeigte sich: liberale und konservative Probanden gaben ähnlich viele richtige Antworten. Doch je konservativer sich eine Testperson eingeordnet hatte, desto schneller gab sie ihre Antworten.

Der Glaube an den freien Willen

Im zweiten Experiment stellten die Forscher die Verbindung zum Glauben an den freien Willen her. Die Probanden mussten dieselbe Aufgabe erfüllen, jedoch danach ihre Überzeugung vom Prinzip des freien Willens auf einer Skala angeben. Tatsächlich erwiesen sich konservative Einstellung und der Glaube an den freien Willen als direkte Prädiktoren der Antwortzeit.

Die Forscher fragten zusätzlich Motivation und Sparsamkeit ab (Sparsamkeit führt dazu, dass Menschen ihre Ressourcen bewusst schonen): Beide Gruppen, Liberale und Konservative, wiesen etwa denselben Grad an Motivation und Sparsamkeit auf.

In einem dritten Versuch versuchten die Wissenschaftler schließlich, die Meinungen der Probanden bewusst zu beeinflussen. Der einen Gruppe erklärten sie zuvor ausführlich, dass der Glaube an den freien Willen zu Fortschritt und Geistesruhe führe. Die andere Gruppe hingegen wurde mit der Behauptung konfrontiert, dass der freie Wille Frustration und Angst nach sich ziehe. Unabhängig von der tatsächlichen Anschauung der Probanden beeinflussten die Interventionen ihre Leistung.

Allerdings erfolgte das je nach Gruppenzugehörigkeit unterschiedlich. Wer als Konservativer vom positiven Einfluss des freien Willens gehört hatte, antwortete danach noch schneller. Die liberal eingestellten Teilnehmer hingegen beschleunigten ihre Antworten, nachdem sie vom negativen Einfluss des freien Willens gehört hatten.

Oder anders formuliert: Einen Menschen mit liberaler Grundeinstellung beeinflusst die "Yes, you can"-Mentalität eher negativ, während sich Konservative dadurch zu besseren Leistungen anspornen lassen. (Matthias Matting)