Konstruktion, Reflexionsgeschichte, Freiraum

Head Canon: Medien im epikritischen Zeitalter - Sechster und letzter Teil

Je mehr auf klare Linearität und Kausalität [...] gesetzt wird,
umso mehr wird der Dekonstruktivist verabscheut,
weil er zirkulär und systemisch denkt
und die Ordnung der Dinge scheinbar durcheinander bringt.

Kersten Reich1

Diese Essay-Reihe erscheint seit Herbst 2017 und kommt nun zum Ende. Alle Teile der Reihe kreisten um gesellschaftliche Ungewissheit, die von Medien offenbart und ggf. verstärkt wird, und die sich auch im Status dieser Medien zeigt. Als Klammer dafür habe ich den Kanon-Begriff genutzt, mal wortwörtlich, mal metaphorisch. Es ging u.a. um:

  • Head Canon als individuelles Füllen von Lücken in medial verbreiteten Narrationen (Teil I und Teil II der Reihe)
  • die Kanon-bildende Gatekeeper-Rolle von Massenmedien (Teil III der Reihe)
  • die Gefährdung der Gatekeeper-Rolle durch Zurückweisung oder Ersetzung dieser Medien (Teil III und Teil IV der Reihe)
  • um kulturelle Formationen eines Ortes wie Stadt, die im Alltag quasi-kanonisch, statisch behandelt werden (Teil IV und Teil V der Reihe)

Zuletzt ging es um die Hoffnung, dass ein dynamischeres Verständnis des täglich erlebten Lokalen dabei helfen kann, mit den gesellschaftlichen und medialen Ungewissheiten zurechtzukommen - als Alternative zur Kontrolle durch Abgrenzung. Diese Möglichkeit sah ich, wenn wir "zeitgemäße Formen der Kommunikation" entwickeln, "die den steten Wandel von Räumen und Orten einbeziehen."2 Diese Vorstellung steht natürlich ebenfalls in der Tradition eines Kanons, nämlich gewisser erkenntnistheoretischer und politischer Grundannahmen und bestimmter sozialwissenschaftlicher Positionen.

VI.1.1 Konstrukte und Wahrnehmungen

Erkenntnistheoretisch liegen meinem Denken konstruktivistische Vorstellungen zugrunde, zumindest sofern es um die Reflexion individueller Weltbilder und Wissensbestände sowie soziale Interaktion geht. Zur Annäherung an vorreflexive Wahrnehmung (die noch nicht in symbolischen Konstrukten repräsentiert ist) orientiere ich mich an neophänomenologischen Ideen.3 Auf der Ebene der Theoriebildung sind Konstruktivismus und Neophänomenologie nicht vereinbar, ihr komplementärer Gebrauch hat sich aber je nach Erkenntnisinteresse als viabel erwiesen.

Politisch folgen für mich aus dem skizzierten Zugang eher linksliberale Ansichten, die sowohl individuellen Wahrnehmungen als auch subjektiven Konstruktionen große Bedeutung beimisst. Dies ist natürlich auch Folge meiner Sozialisation in einer liberalen Gesellschaft. Die für mich selbstverständliche Annahme von Multiperspektivität und eines Bewusstseins dafür, dass "es auch noch anders sein [könnte]"4 entspringen Alltagserfahrungen im Leben in dieser Gesellschaft, lange bevor ich wusste, dass es sowas wie 'Erkenntnistheorie' gibt. Da ist schon immer dieser diffuse Eindruck, nicht ganz verstanden zu werden, weil die Sicht auf die Dinge als irgendwie 'komisch' beurteilt wird. Der mitunter frustrierte Wunsch, das Gegenüber möge doch bitte mal über den eigenen Tellerrand hinausschauen und andere Perspektiven nachvollziehen zu versuchen. Die Befriedigung, wenn beim Erlernen neuer Inhalte und Fähigkeiten an Vorwissen angeknüpft oder dieses verändert wird. Das Füllen wahrgenommener Lücken in Narrativen. Die Enttäuschung eigener Vorurteile und die Beobachtung, wie fremde Vorurteile enttäuscht werden. Der Job, in dem man die Perspektive unterschiedlichster Kunden verstehen muss. Die unterschiedliche Wahrnehmung alltäglicher Orte. Die Erfahrung, dass Normen und Werte subjektiv und kulturell unterschiedlich sind. Und nicht zuletzt Kommunikationsprobleme in zwischenmenschlicher Interaktion und bei der Techniknutzung.

Um solche und ähnliche Beobachtungen zu beschreiben, erschien mir die konstruktivistische Position geeignet. Die Arbeit mit solchen Ansätzen wurde zur Selbstverständlichkeit. Es gibt verschiedene Varianten des Konstruktivismus; in dieser Essay-Reihe zeigte er sich (bisher unausgesprochen) in Form systemtheoretischer Bemerkungen.5 Der Didaktiker Kersten Reich vertritt einen alltagstauglicheren Zugang, der zwar an Lehr-Lern-Situationen orientiert ist, aber von Reich gleichwohl als "Methode und Praxis der Konstruktion von Wissen […] in der Kultur"6 gedacht ist. Reich beschreibt einen Kreislauf aus Konstruktion, Rekonstruktion und Dekonstruktion. Der Schritt Konstruktion meint den Aufbau eigenständiger Konstruktionen, wie schon Jean Piaget es verstand, und die Reflexion dieser Konstruktionen vor eigenen Annahmen und möglichen anderer Perspektiven.7 Mir ist an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass Konstruktion und Reflexion nachgeordnet zu vorbewussten Wahrnehmungen sind. Sobald wir anfangen, von Konstrukten zu reden, sind wir auf der Ebene symbolischer Repräsentation. Der Konstruktivismus neigt dazu, die Bedeutung der Konstrukte besonders herauszustellen und die vorgelagerten Wahrnehmungen zu übergehen. Dafür wird sie von der Neophänomenologie kritisiert, die zu Recht die Bedeutung der Wahrnehmungen selbst für das menschliche Leben betont.8 (Davon zu unterscheiden ist, dass die Neophänomenologie als philosophische Forschungsrichtung selbst an Konstruktionen beteiligt ist, wenn sie empirische Erfahrung schriftlich fixiert.9)

Weil offensichtlich verschiedene Menschen zu ähnlichen Konstruktionen kommen, stellt Reich der Konstruktion die Rekonstruktion zur Seite, d.h. das Nach-Entdecken anderer Konstruktionen: "Die älteren Wissenden belächeln […] unser Selbstvertrauen, wenn wir so tun, als hätten wir das alles selbst allein für uns erfunden. Dabei haben wir es nur nacherfunden, d.h. entdeckt".10 Hier geht es Reich um die Einbeziehung des Kontext, wenn etwa behauptet wird, dass eine Expertenmeinung dieses und jenes meint; und dass man in dem Fall auch nach den Motiven für diese Meinung fragt. Eng verbunden mit diesem Schritt ist dann auch der dritte Schritt, die Dekonstruktion. Hier geht es um das Aufdecken blinder Flecken und die Einnahme anderer Perspektiven, sowohl in Bezug auf andere als auch auf die eigene Position.11 So sind dann auch neue Konstruktionen möglich. Dies ist ein entscheidender Gedanke: Man bleibt nicht bei der Dekonstruktion stehen und kritisiert einfach nur, sondern man ist sich bewusst, dass man selbst ebenfalls blinde Flecken hat, die ebenfalls dekonstruierbar sind. Am Ende des Dreischritts Konstruktion - Rekonstruktion - Dekonstruktion steht nicht einfach 'die Wahrheit' (wie es Massenmedien suggerieren, wenn sie Objektivität betonen und vom Fakten-checken reden, oder es Kritiker von Massenmedien fordern, wenn sie Motive anzweifeln und 'Fakten statt Meinung' fordern), sondern weitere Möglichkeiten für neue Konstruktionen. Der Kreislauf geht immer weiter.

So ein konstruktivistisches Weltbild hat Folgen. Die Wahrnehmung einer liberalen, aber ungewissen Gesellschaft und damit die Akzeptanz eines "Prinzips der Relativität"12 (nicht im Sinne von Beliebigkeit, sondern im Sinne des Aushandels der Relation unterschiedlicher Positionen) mag zum Konstruktivismus führen (weil er zumindest der subjektiven Erfahrung nach zu dieser Gesellschaft passt) oder im Gegenteil erst zu seiner Rückweisung (weil man keine ungewisse Gesellschaft will), aber wenn man dieses Weltbild hat, prägt das die weitere Wahrnehmung und das Handeln. Heinz von Foerster schlug dafür einen ethischen Imperativ vor: "Handle stets so, daß die Anzahl der Möglichkeiten wächst".13 Das ist eine Einladung zur Offenheit, aber auch eine Herausforderung, wenn man Kontingenz nicht aushalten kann, oder es als Problem ansieht, wenn Identität nicht als Stabilität, sondern als im Wandel begriffen verstanden wird. "Identität", so von Foerster, entsteht in der "Relation zwischen Du und Ich"14. Sie wird in Frage gestellt und kommunikativ immer wieder neu ausgehandelt. Der Maßstab dafür ist ihre Viabilität, ihre Brauchbarkeit, um Probleme zu lösen. Abweichungen von einer eben noch viablen Identität sind keine Bedrohung, sondern eine Möglichkeit, andere Probleme in den Blick zu bekommen.

Siegfried J. Schmidt bezeichnet Kultur daher als "Programm für erfolgreiches Differenzmanagement".15 Schmidt schwebt die "Anerkennung von Differenz ohne Aufgeben der eigenen Identität vor", wobei er das Fremde nicht als Gefahr wahrnimmt, sondern als Potenzial, die Anzahl der Handlungsmöglichkeiten zu erhöhen. "[N]icht der Schrecken [steht] im Vordergrund, den Kontingenz verbreitet. Vielmehr geht es in erster Linie um die kreativen Möglichkeiten der Kontingenzbearbeitung."16 Daraus leitet Schmidt das Entstehen von Toleranz ab: "Wer Differenz, Heterogenität und Pluralität akzeptiert, kann begründete Hoffnung auf die Veränderung von Verhältnissen hegen".17 Man möchte hinzufügen: Ein 'alternativlos' kann es damit nicht geben. Es gibt immer Alternativen, und auch zur Alternative gibt es Alternativen. Man muss nur willens sein, sie in den Blick und in den Griff zu bekommen. Die konstruktivistische Annahme, dass es auch "noch anders sein" könnte, wird zum Bewusstsein, dass man etwas auch 'anders machen' könnte.

VI.1.2 Offenheit und Abgrenzung

Nun muss man sagen, dass konstruktivistische Erkenntnistheorie im Alltag meist nicht in 'reiner' selbstreflexiver Form auftritt. Eher finden sich Spuren davon, etwa als unbewusster, sich selbst kaum in Frage stellender Hintergrund liberaler Politik, Bildung, Massenmedien u.ä. In diesen praktischen Zusammenhängen neigt man dazu, zu vergessen, dass "es könnte noch anders sein" notwendig die Alternative einschließt, dass andere Menschen eine offene multiperspektivische Gesellschaft nicht positiv als Chance und Raum für neue Anschlussmöglichkeiten wahrnehmen (wie man selbst), sondern negativ als Gefahr und raum-greifende, bis ans eigene Leben gehende Bedrohung. Ein Beleg für dieses Vergessen ist die Verwunderung und Ratlosigkeit über den Erfolg neurechter Bewegungen. Ein Konstruktivist muss (wenn es ihm ernst ist) akzeptieren, dass es diese (ihn mittelfristig selbst gefährdende) Weltsicht gibt und dass diese Sicht nicht willkürlich entsteht, sondern Gründe hat, die für jene, die sie vertreten, genauso vernünftig sind wie die Gründe, die Konstruktivisten für ihre Weltsicht als vernünftig erachten. Diese Ungewissheit muss der Konstruktivismus auf erkenntnistheoretischer Ebene aushalten, so wie sie eine liberale Gesellschaft auf politischer Ebene aushalten muss.

Das praktische Problem ist hier, dass die 'andere Seite' dieses Problem nicht hat. Wo es klare Welt- und Wertvorstellungen gibt, wird konstruktivistische Offenheit eher als Beliebigkeit wahrgenommen. Dem erkenntnistheoretischen "es könnte noch anders sein" steht ein "die Welt ist so, und so auch erkennbar" entgegen. Der liberalen Offenheit für fremde und neue Lebensmodelle schlägt "Wir wollen das nicht!" entgegen. Menschen sind an Verbindlichkeit interessiert, an Planbarkeit, an Wahrheiten, die nicht jeden Tag aufs Neue in Frage gestellt werden. Wenn ein beobachtendes System die heutige Vielzahl von Irritationen (z.B. in der Arbeitswelt, in der Politik, in den Medien, in der Technik, oder im persönlichen Alltag) nicht mehr bearbeiten kann, dann erscheinen neue Perspektiven und Möglichkeiten nicht als Einladung, etwas Neues zu probieren, sondern sie bedrängen. Sie gefährden die Stabilität des Systems, und engen das wahrnehmende Subjekt in ihrer Zuspitzung leiblich spürbar ein.

Wegen der leiblichen Engung sprach ich vom epikritischen Zeitalter. Die epikritische Konstruktion aus liberaler Sicht lautet: Liberale Gesellschaften entwickeln sich derzeit in bestenfalls konservativer, schlimmstenfalls rechtsradikaler Richtung, und das ist zu bedauern wegen der zu erwartenden Einschränkung von Freiheiten. Eine epikritische Konstruktion aus rechter Sicht mag lauten: Die liberale Gesellschaft würde durch zu viele Migranten oder durch 'den Islam' bedroht, deswegen bräuchte es die Rechten schon, um die Liberalen vor sich selbst und den Folgen ihres Handelns zu schützen. Das sind die beiden Seiten, die einander bedrängen. Das 'konstruktivistische System' wird dadurch zunehmend irritiert. Ein echtes Bewusstsein für die Subjektivität von Konstruktionen anderer Menschen kann nur zu Diskurs führen, nicht Zwang, aber das funktioniert nur, wenn dieses Bewusstsein geteilt wird. Gelebter Konstruktivismus braucht eine Gesellschaftsform, die zu ihm passt. Zurzeit entwickelt sich die Gesellschaft in die entgegengesetzte Richtung: von Offenheit zu Geschlossenheit, von Diskurs zu Normativität, und vielleicht bald von liebgewonnenen Freiheiten zu neuen Zwängen.

VI.1.3 Anschluss- und handlungsfähig bleiben

Gegner der liberalen Gesellschaft (ob nun Rechte, nicht-liberale Linke, religiöse Fundamentalisten, u.a.) akzeptieren "Differenz, Heterogenität und Pluralität" (Schmidt) nicht. Bei ihnen steht, plakativ gesagt, der "Schrecken im Vordergrund" (Schmidt). Was sie sich wünschen, ist nicht Diskurs18, sondern Durchsetzung und Sicherung der eigenen, unhinterfragt für wahr und richtig gehaltenen Position. Zu diesem Zweck werden Alternativangebote geschaffen. Noch beschreiben diese Angebote vor allem eine alternative Sicht ("noch anders sein"), aber wenn daraus Handeln wird ('auch anders machen'), ist es fraglich, ob die Offenheit, die das Entstehen dieser Alternativen erst erlaubt hat, noch durchgehalten würde. Nichtliberalen Positionen geht es um die Verdrängung liberaler Positionen; eine Dekonstruktion zwar, aber ohne grundsätzliche Infragestellung ihrerselbst. Nun wäre zwar auch in einer nichtliberalen (z.B. rechtskonservativen bis rechtsextremen Gesellschaft) theoretisch nichts alternativlos und das Prinzip der Relativität wirkte weiterhin - und sicherlich gäbe es innerhalb des dortigen Mainstreams noch Abstufungen. Aber man sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass man liberale Alternativen unter nichtliberaler Kontrolle noch so einfach würde diskutieren oder gar umsetzen können wie es z.B. den Rechten zurzeit mit ihren eigenen Positionen gelingt.

Unter diesen veränderten Umweltbedingungen hat das konstruktivistisch orientierte System drei Möglichkeiten, anschlussfähig zu bleiben bzw. das liberal sozialisierte Subjekt drei Möglichkeiten, handlungsfähig zu bleiben:

  • (a) Das System betont seine Abgrenzung zur Umwelt. Hier besteht die Gefahr, dass keine strukturellen Kopplungen mehr mit dieser Umwelt möglich sind. Das Subjekt zieht sich z.B. aus der Gesellschaft zurück oder tritt in offenen Widerstand gegen die Gesellschaft.

  • (b) Das System differenziert sich aus. Hier besteht die Gefahr, dass es sich selbst zur Unkenntlichkeit verändert, z.B. indem es seine konstruktivistische Position aufgibt, was aber hinter einem blinden Fleck verborgen bleibt. Das Subjekt entwickelt z.B. eine ideologische 'Verbohrtheit' und handelt selbst ausgrenzend, ohne das zu merken.

  • (c) Das System gibt die konstruktivistische Position bewusst auf, weil es sie als nicht mehr viabel erkennt. Das Subjekt erkennt z.B., dass es mit Aufweichung oder Aufgabe liberaler Positionen besser in einer nichtliberalen Gesellschaft zurechtkommt.

Alle drei Möglichkeiten erscheinen wenig erstrebenswert. Eine vierte Alternative (und die einzig wirklich konstruktivistische und liberale) wäre, (d) trotz allem weiter den Diskurs zu suchen. Eine Form von Kommunikation zu finden, die es anhand der konkret erfahrbaren Lebenswelt ermöglicht, Verständnis für scheinbar unvereinbare Perspektiven zu schaffen. Auch in einer nichtliberalen Gesellschaft Identität nach wie vor nicht im 'Ich', sondern in der "Relation zwischen Du und Ich" (von Foerster) zu suchen. Nicht dem Gedanken erliegen, sich 'verteidigen' zu müssen (denn damit säße man rechter Freund-Feind-Logik auf). Aber wie kann so etwas gelingen?

Im vorigen Teil dieser Essay-Reihe wurde ein Beispiel gezeigt: Arlie Russell Hochschilds Buch "Fremd in ihrem Land", in dem die liberale Autorin auf einfühlsame Weise Verständnis für rechtskonservative Tea-Party-Anhänger vermittelt, ohne deren Sicht zu übernehmen oder diese von ihrer Sicht zu überzeugen zu versuchen. Hochschilds Ansatz war die Rekonstruktion einer subjektiven "Tiefengeschichte" ihrer Interview-Partner. Hochschild arbeitet vollständig auf der Ebene symbolischer Repräsentationen (durch Interviews, durch Beschreibungen ihrer Arbeit, durch die Ausformulierung der Tiefengeschichte), doch die von ihr vorgelegten Beschreibungen verweisen auf leibphänomenologisch bedeutsame Momente.

In Hochschilds Vorgehen steckt implizit ein hilfreicher Hinweis: Ein rein konstruktivistischer Blickwinkel ignoriert nicht nur die Bedeutung vorbewusster leiblicher Wahrnehmung für das menschliche Leben, sondern auch das menschliche Bedürfnis nach Gewissheit. Ein bloßer Fokus auf leibliche Wahrnehmung hingegen birgt die Gefahr, Wahrnehmungen auch dann für sich stehen zu lassen, wenn diese z.B. von einer Art sind, die direkt zu affektgesteuertem Handeln führen und über die man im Sinne eines kooperativen Zusammenlebens in einer liberalen Gesellschaft gegebenenfalls sprechen sollte. Daher scheint mir ein komplementärer Beobachtungs- und Kommunikationsansatz, wie ihn Hochschild demonstriert, am sinnvollsten.

Am Ende des vorigen Teils dieser Essay-Reihe wurde Giselas Brinker-Gablers Idee des "Kanon als Assemblage" auf die kulturellen Formationen des Lebensraums Stadt übertragen. Anstatt diese Formationen als feststehenden Kanon anzusehen, der möglichst unveränderlich ist, wurden sie als dynamisch begriffen. Man könnte von Stadt als wahrgenommener Assemblage sprechen. Darin sei "[d]as Lokale […] nicht mehr, was je nach verfolgtem Kanon oder Tradition normativ sein soll ('ich will, dass in der Stadt … / dass … nicht ...'), sondern das, was sich im Wechselspiel der verschiedenen Wahrnehmungen von Situationen dynamisch ergibt."19 Um jedoch die wahrgenommenen unterschiedlichen Perspektiven füreinander deutlich zu machen, seien "zeitgemäße Formen der Kommunikation" nötig, "die den steten Wandel von Räumen und Orten einbeziehen."20 Damit geht zwangsläufig Reflexion einher, womit wir wieder am Anfang dieser Essay-Reihe sind, insofern Reflexion immer mit Narrationen verbunden ist. Es ist aber eine andere Art von Narration und das Produkt ein anderer "Head Canon" als bisher. Es geht nicht mehr darum, eine scheinbare Lücke in einer Erzählung anderer zu füllen, oder etwas als falsch oder wahr zu erkennen, sondern darum, eine neue gemeinschaftliche Erzählung zu gestalten, die auch die Leiblichkeit von Wahrnehmung einbezieht und ernstnimmt.

In Soziologie und Philosophie wird diese Notwendigkeit zunehmend erkannt. In seinen "22 Thesen zur nächsten Gesellschaft"21, die eher poetisch als wissenschaftlich formuliert sind, ordnet Baecker so gut wie jedes gesellschaftliche Teilsystem vor der allgemeinen Ungewissheit ein.22 Die Gegenwart wird ohne allgemeingültige Narration (mit Anbindung an Vergangenheit und Erwartung einer bestimmten Zukunft) als einzige Krise wahrgenommen. Die traditionell für Sicherheit sorgenden Teilsysteme sind überfordert: Die Politik verspricht, das Vertraute zu bewahren, kann dies aber nicht einlösen23 (denn weder linke noch rechte Parteien machen die negativen Effekte der Globalisierung ungeschehen bzw. halten diese auf24). Die Wirtschaft versucht, "Zeit zu gewinnen [und dem] Kapitel einen Schritt voraus zu sein"25, indem sie das Eintreffen der ungewissen Zukunft zu verzögern sucht (indem sie z.B. den Klimawandel leugnet oder lediglich feigenblattartige Maßnahmen ergreift, die sie selbst nicht gefährden26). Die Religion "schaut umso fremder auf die Menschen [zurück], je weiter dieser in sie hineinschaut"27, d.h. alte und neue Religionen locken mit quasi hyper-gewissen Heilsversprechungen, deren Unerreichbarkeit aber umso deutlicher erscheint.

Baecker fragt, wie Menschen unter diesen Bedingungen "zukunftsfähig" bleiben können. Er findet die Antwort in der Wissenschaft, aber nicht in der Wissenschaft der strengen zweiwertigen Logik, sondern - seiner eigenen akademischen Herkunft entsprechend - in der radikalkonstruktivistischen Auslegung der Spencer-Brown'schen Laws of Form, wie sie durch Heinz von Foerster populär gemacht und durch Niklas Luhmann in die Soziologie eingeführt wurde.28 Baecker fordert eine "Mathematik rekursiver Komplexität"29 und erkennt in seinem Buch "Studien zur nächsten Gesellschaft" (2007) die Spencer-Brown'sche Figur der form als geeignete "Kulturform", die "Trittsicherheit auf der Suche nach Anschlussmöglichkeiten"30 gebe.

Was heißt das in der Praxis? Zunächst einmal, dass man sich ständigen Reflexionsschleifen aussetzt. Die form, wie Baecker sie verwendet, hat mindestens zwei Seiten, zwischen denen man beobachtend hin- und her oszilliert, wobei das Entscheidende ist, dass das Ergebnis dieser Unterscheidung in die Innenseite wieder eingeführt wird. Baeckers Forminventar31 hat dafür zahlreiche Beispiele: "Identität" ist etwa Differenz von Abweichung und Norm. Das heißt, dass Identität zwar auf Normen aufbaut, dass aber die Abweichung von den Normen immer schon mitgedacht werden muss, wenn man sich mit Identität befasst, und dass die Abweichung von der Norm die Identität selbst beeinflusst. Die Form "Kontrolle" funktioniert analog als Differenz von Abweichung und Ziel. Wichtig ist hier, dass Baecker die Abweichung jeweils auf die Innenseite der form setzt. Das heißt nämlich, dass Identität und Kontrolle mit Abweichung beginnen, nicht mit Norm und Ziel. Die Abweichung ist das Entscheidende, Normen und Ziele sind nur deren Implikationen32, um Stabilität zu schaffen. Wenn man dann noch die Form "Netzwerk" (im Sinne von Beschreibungen der Gesellschaft als Netzwerk) dazunimmt, die Baecker als Differenz von Kontrolle und Identität definiert, dann wird die Labilität gesellschaftlicher Setzungen deutlich. Das Netzwerk ist die ganze Zeit damit beschäftigt, variable Identitäten durch eine Kontrollform stabil zu halten, die selbst nicht stabil ist. Man kann Baeckers Formeninventar als schematisch kritisieren (v.a. wenn man den Fehler macht, seine Vorschläge als absolute Setzungen zu verstehen), aber wenn man es als Kondensat kommunikationssoziologischer Beobachtungen nimmt, hat Baecker gut auf den Punkt gebracht, warum es überhaupt Kommunikation gibt.

Die Konsequenz dieser Formen ist jedenfalls (ganz im Sinne konstruktivistischer Ansätze, wie sie zu Beginn skizziert wurden), dass "zur Suche nach je eigener Identität das Bewusstsein für die gleichrangige Möglichkeit anderer Identitätsentwürfe tritt, und […] die Hintergründe, zu denen Identitäten in Differenz treten, expliziert werden".33 Um kontextuell angemessen zu handeln, ist Differenzieren nötig, aber permanentes Reflektieren, um Differenzen aufzuarbeiten, kann Handeln lähmen. Als Ausweg aus diesem Dilemma schlägt Baecker vor, dass es nicht um ständige Reflexion geht, sondern dass eine Reflexionsgeschichte34 dabei helfen kann, "aus dem Teufelskreis auszubrechen"35. Es geht hier letztlich darum, sich bewusst zu machen, dass man schon immer mit Alternativen rechnet. Auch wenn es Ungewissheiten gibt, zeigt die Geschichte der eigenen Reflexion, dass man damit zurecht gekommen ist. Das ist gewissermaßen eine begründete Form des Optimismus. Bruno Latour, der französische Soziologe, der erst mit der Akteur-Netzwerk-Theorie bekannt wurde und dann durch seine eigene Kritik an ihr, sich schließlich mit der Moderne befasste und später feststellte, dass es die Moderne nie gegeben hätte, und sich nun fragt, welche Alternative es zwischen links und rechts, global und lokal, noch geben kann - Bruno Latour also hat in "Das terrestrische Manifest" (2018) einen Vorschlag gemacht, wie eine solche Reflexionsgeschichte aussehen kann (aber ohne sich auf Baeckers Anregungen zu beziehen). Im Schreiben von Reflexionsgeschichten sieht Latour zurzeit eine vordringliche Aufgabe: "Wenn es stimmt, dass durch das Verschwinden des Attraktors des Globalen alle Lebensprojekte der Erdverbundenen - und das gilt nicht nur für Menschen - orientierungslos geworden sind, muss die vorrangige Aufgabe darin bestehen, sich wieder an die Arbeit zu machen und alle Lebewesen zu beschreiben"36 d.h. "aufzulisten, was [ein Erdverbundener] für sein Überleben benötigt und was er folglich bereit ist zu verteidigen".37

Mit dem Begriff "Erdverbundener" (oder "Terrestrischer") will Latour vermeiden, dass der Mensch sich selbst und seinen auf Ressourcenausbeutung zielenden Zugang zur Umwelt in den Mittelpunkt stellt. Erdverbundene sind viele. Ganz im Sinne seiner älteren Akteur-Netzwerk-Theorie betont Latour, dass "die aufgelisteten Agentien, Akteure, Lebewesen, Wirkmächte ihren je eigenen Verlaufsweg und ihr je eigenes Interesse haben."38 Wäre zum Beispiel das lokale Umfeld eines Menschen zu beschreiben, dann wäre nicht nur aufzulisten, welchen Wohnraum, welche Nahrung, welche Infrastruktur oder welche sozialen Beziehungen für diesen Menschen lebenswichtig (nützlich) sind, sondern es wäre auch zu beschreiben, wovon die Herstellung des Wohnraums, die Erzeugung der Nahrung, der Aufbau der Infrastruktur und nicht zuletzt das Überleben der anderen Menschen abhängt, und welche Konsequenzen das für diverse nichtmenschliche Akteure hat, die man meist als Umwelt bezeichnet, die aber für Latour alle gleichberechtigte Akteure neben dem Menschen sind.39

Die Konsequenz so einer Beschreibung kann nur Demut vor dem Anderen und Inklusion des Anderen sein. Zwar wird anerkannt, dass man als Mensch eine Verbundenheit mit seinem Boden braucht40, "aber ohne dass dies […] mit den Ingredienzien verwechselt wird, die dem Lokalen beigemischt sind: ethnische Homogenität, Musealisierung, Historizismus, Nostalgie, falsche Authentizität."41 Der Boden in Latours Sinne ist also nicht die sprichwörtliche Scholle, die bestellt wird. Der Boden ist kein Staatsgebiet, das durch Grenzen geschützt werden könnte. Er "lässt sich nicht aneignen. Man gehört ihm, er gehört niemandem. [Hervorh. M.D.]"42 Und "er erbt von der Welt […] Existenzformen, die es verbieten, sich auf eine Lokalität zu beschränken, sich hinter eine beliebigen Grenze zu verschanzen".43 Denn "[Europa kann] den Folgen seiner früheren Taten nicht entkommen." Latour provoziert Leserinnen und Leser, die ihn als Fürsprecher einer Blut-und-Boden-Ideologie missverstehen44 wollen: "Wenn Sie Angst haben vor dem Großen Austausch45, hätten Sie nicht beginnen dürfen, die 'jungfräulichen Erden' durch unsere eigenen Lebensweisen zu ersetzen."46 Und Latour beschränkt sich nicht auf menschliche Migration. Er sieht die "anderen Erdverbundenen […], die sich nun ebenfalls in Marsch setzen und [Europas] Grenzen überrollen werden: die Gewässer der Ozeane, ausgetrocknete oder anschwellende Flüsse, Wälder, die rasch wandern müssen […], Mikroben und Parasiten."47

Das Schreiben einer Reflexionsgeschichte, die all diese Akteure einbezieht und eine Politik ermöglicht, die ein Gleichgewicht aller Akteure ermöglicht, erscheint praktisch kaum machbar, doch Latour ist optimistisch. Er verweist auf die Zeit vor der französischen Revolution. Damals entstanden die sogenannten Beschwerdehefte, in denen die einzelnen Stände jeder Gemeinde den für sie zuständigen Abgeordneten der für 1789 einberufenen Ständeversammlung (Generalstände) mitteilten, welche Probleme besonders dringend zu lösen wären.48 Für den Verlauf der Revolution spielten diese Hefte keine Rolle mehr, sie sind aber insofern einzigartig, als dass noch 60.000 von ihnen erhalten sind und sie, mit einiger Vorsicht, als historische Quelle für die Befindlichkeiten der Stände jener Zeit dienen können. Die Beschwerdehefte sind für Latour ein Beleg dafür, dass "ein Volk, dem nachgesagt wurde, völlig unfähig zu sein, in wenigen Wochen in der Lage [war], sich Konflikte um Territorien vorzustellen, auf deren Reform es drängte."49 Latour ist offensichtlich beeindruckt von diesem Vorgang und erstaunt, dass so etwas seitdem nicht wieder in diesem systematischen Umfang versucht worden wäre.50 Aber ist das so?51

Alles, was in dieser Essay-Reihe mit dem Label "Head Canon" zusammengefasst wurde, trägt das Potenzial einer Reflexionsgeschichte in sich. Wir haben in Arlie Russel Hochschilds Projekt ein Beispiel gesehen: Die "Tiefengeschichte" der Menschen, die Hochschild befragt hat, ist Reflexionsgeschichte. Auch wenn man dieser Geschichte ausgehend vom Code Wahrheit/Unwahrheit nicht zustimmt (so wie Hochschild es letztlich auch nicht tut), ist diese Geschichte erstmal ernstzunehmen.

Die Kommentarbereiche in Online-Medien weisen in eine ähnliche Richtung. Es ist zweitrangig, ob die Kommentare von Lesern eines Artikels der Sicht des Artikels widersprechen oder eine alternative Sicht zu dem Artikel darlegen. Es geht auch nicht darum, einem Medium vorzuwerfen, es berichte lückenhaft, oder darum, ein Medium gegen solche Vorwürfe zu verteidigen. Entscheidend ist, dass jeder Artikel und jeder Kommentar auf die Reflexionsgeschichte eines Individuums verweist. Im Gegensatz zur erratisch wirkenden Twitter-Persona des Donald Trump sind die meisten Massenmedien in ihrer Ausrichtung konsistent und die Beiträge der meisten Online-Kommentatoren in sich kohärent. Das ist immerhin eine gute Grundlage, um weiter Diskurse zu führen. Natürlich lässt sich die Frage nach wahr/falsch dabei nicht vermeiden, und dass diese Frage an eigenen politischen Überzeugungen hängt, ist ebenso klar. Aber ein Urteil, ob etwas in einem politischen Kontext jeweils als wahr, falsch oder lückenhaft wahrgenommen wird, kann begründet werden. Dann kann darauf auf Augenhöhe reagiert werden.

Die traditionell erfolgreichen Massenmedien übersehen diese Chance noch zu oft, sei es, weil die Zeit dafür fehlt, sei es, weil man Kritik als Angriff auf die eigene Professionalität empfindet. Statt also Diskurse zu führen, wird im Rahmen der eigenen Arbeit reagiert: Es werden verteidigende Statements verfasst, mit denen die traditionelle Gatekeeper-Funktion stabilisiert wird (siehe das Beispiel Tagesschau in Teil III der Essay-Reihe) oder Aufrufe wie "Rettet die Wahrheit!" (Claus Kleber, 2017) in Buchform veröffentlicht, die den Code wahr/falsch in den Vordergrund rücken. Dass aber in den Kommentarbereichen selbst mitdiskutiert wird und die Ergebnisse solcher Diskurse Eingang in die weitere Arbeit finden, kommt nur sehr selten vor.

Auf der anderen Seite jedoch müssen sich Online-Kommentatoren bewusst sein, dass auch sie nur eine Perspektive vertreten. Genauso wie es zur Perspektive der Massenmedien Alternativen gibt, gibt es auch zur Kritik an dieser Perspektive Alternativen. So kann man sicherlich als Antwort auf einen politischen ZEIT-Online Artikel einen Bericht von RT Deutsch verlinken, oder auf wissenschaftliche Studien über den menschengemachten Klimawandel mit anderen Studien antworten, die diesen Wandel leugnen. Das bringt für den Diskurs aber nur etwas, wenn man sich bewusst ist (und im Kommentar auch zeigt), dass die verlinkten Alternativen eigene, womöglich ebenfalls hinterfragungsbedürftige Interessen vertreten. Das aber geschieht kaum. Während man den kritisierten Medien Weglassen bis hin zur Unwahrheit vorwirft, nach dem Hintergrund der jeweiligen Autorinnen und Autoren recherchiert und scheinbar reflektiert "cui bono?"52 fragt, bringt man Alternativen einen Vertrauensvorschuss entgegen, so als würden die Alternativen ohne Eigeninteressen so etwas wie 'objektive' oder 'vollständige' Wahrheit verbreiten. Das ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls unehrlich, und vor allem verhindert es echten Diskurs, bei dem man auch sich selbst in Frage stellt, im Sinne des eingangs skizzierten konstruktivistischen Dreischritts von Konstruktion, Rekonstruktion und Dekonstruktion.

Head Canon als konstruktivistische Reflexionsgeschichte statt einfacher Wahrheits-Setzung - das wäre ein Projekt, das Massenmedien und Rezipienten gemeinschaftlich angehen könnten. Aber das verlangt, sich auch selbst in Frage zu stellen, und das ist anstrengend und unangenehm. Es ist einfach, einen kritischen Kommentar unter einen Artikel zu setzen, wenn man von der Wahrheit der eigenen Ansichten überzeugt ist. Es ist auch einfach, seine Publikationsmacht zu nutzen, entsprechende Kommentare zu widerlegen. Würde man sich beim Publizieren oder Kommentieren selbst in Frage stellen, oder sich auch nur fragen: "Was wird eigentlich impliziert, wenn man meine Sichtweise drei, vier Schritte weiterdenkt?" gäbe es wohl weniger Publikationen und weniger Kommentare, denn so eine Steigerung der Komplexität würde mit Zeit erkauft. Außerdem bevorzugen Menschen Komplexitätsreduktion; Steigerung von Komplexität ist belastend und lähmt schnelles Handeln. Deswegen dürften in den heutigen westlichen Gesellschaften, in denen scheinbar viele Menschen schnelles Handeln herbeisehnen und entsprechende Parteien wählen, Komplexität steigernde Forderungen kaum Erfolg haben.

Darum dürfte auch Bruno Latours Vorschlag, obschon theoretisch reizvoll, nur einer unter vielen sein, der in Feuilletons und unter Fachkollegen besprochen wird, aber keine Breitenwirkung entfalten wird. Latour weiß selbst nicht, wie der von ihm erkannte und u.a. an Donald Trump festgemachte "Rückfall in die Barbarei"53 aufzuhalten wäre. Er überträgt die Verantwortung "einer gemeinsamen Welt"54 auf ein Europa der "zweiten Chance, die Europa eigentlich nicht verdient hat".55 Diese gemeinsame Welt ist keine, in der Europa erneut nur versuchen würde, die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Latour schwebt ein "provinzielles Experiment [vor] dazu, was es heißt, eine Erde nach der Modernisierung zu bewohnen, zusammen mit jenen, die die Modernisierung endgültig von ihrem Mutterboden vertrieben hat".56 Damit ist Latour am Ende seines Essays in der Utopie angelangt. Ein Europa, in dem alle Akteure gemeinsam das Projekt des "Terrestrischen" verfolgen; Menschen, die schon lange dort leben zusammen mit Menschen, die erst seit kurzem angekommen sind. Sie alle würden nicht mehr der negativen, durch Ausbeutung gekennzeichneten Globalisierung hinterher rennen, um auszubeuten oder um als Ausgebeutete zu partizipieren. Sie würden sich ebensowenig hinter geschlossenen Grenzen eines statischen Lokalen verstecken und so tun, als könnte man die Herausforderungen des Lebens auf einer Erde aussperren.

Vielleicht bestünde ein erster Schritt zu so einer zwar lokalen, aber dynamischen Gesellschaft darin, gemeinsam Freiräume zu schaffen und zu beleben, gar nicht unähnlich dem "Urst Urban"-Projekt, das 2016 in Magdeburg durchgeführt wurde.57 Wie im kleinen das Ladenlokal ohne festen Zweck ließen sich auch im Großen Orte schaffen, an denen sich Menschen verschiedenster Hintergründe (Herkunft, Alter, Berufe, Religionen usw.) begegneten, ohne einer extrinsischen Motivation (Einkaufen, Essen, Unterhaltung, Sport u.a.) zu folgen. An die Stelle ständiger Aktivität, um Freizeit zu füllen, kann im Freiraum das Innehalten treten, das Anhalten, das zu-sich-selbst kommen, und zwar nicht nur um 'sich selbst zu finden', sondern um einander wahrzunehmen, Geschichten zu teilen und ein Bewusstsein für die Relativität des eigenen Head Canon, der eigenen Perspektive zu entwickeln. Im normalen Alltag hat man kaum Zeit und Raum dafür; Freiraumprojekte könnten zumindest den Raum dafür liefern.

Freiräume könnten so auch das epikritische Drängen dieser Zeit lindern. Dem massenmedialen Kampf um Wahrheit und Deutungshoheit begegnete man mit dem Bewusstsein, dass dieser Kampf überhaupt nicht zielführend ist, weil es längst um mehr geht. Zumindest diese Gewissheit stellte man dem massenmedial, politisch oder soziologisch verbreiteten Kanon der Ungewissheit entgegen.

Das wäre auch eine Form der Reduktion von Komplexität, aber eine, die nicht auf Zwang und Kontrolle beruht, sondern auf Vertrauen.58 (Mario Donick)

Anzeige