Konstruktion, Reflexionsgeschichte, Freiraum

Fussnoten

1

Reich, Kersten: Konstruktivistische Didaktik. Lehren und Lernen aus interaktionistischer Sicht. Neuwied 2002, S. 143.

2

Teil V dieser Essay-Reihe, letzter Absatz.

3

Vgl. Teil IV dieser Essay-Reihe, wo ich leibliche Aspekte der Wahrnehmung von Stadt am Beispiel Magdeburgs beschrieben habe.

4

Reich 2002, S. 143.

5

Luhmanns Systemtheorie ist zwar recht bekannt und konnte gerade in den 1980er bis 1990er Jahren eine gewisse Breitenwirkung auch außerhalb der Universitäten entfalten, ist aber umstritten. Neben Problemen der Theoriebildung selbst und Kritik an Luhmanns Rezeption der von ihm genutzten Theoretiker wird v.a. der fehlende Subjektbegriff der Systemtheorie kritisiert. Da Luhmann konsequent von Systemen statt von Subjekten spricht, wird der Systemtheorie manchmal vorgeworfen, technokratische, neoliberale oder gar totalitäre Gesellschaftsmodelle zu fördern. Doch ist die Systemtheorie zunächst nur ein Werkzeug zur Beschreibung von Beobachtungen, und je nach Erkenntnisinteresse kann ihre eher distanzierte Perspektive durchaus hilfreich sein. Das heißt nicht, dass man dabei stehen bleiben muss und nicht hinterher die Relevanz der Beobachtungen für das Subjekt herausstellen könnte, ggf. unter Einbeziehung weiterer Erklärungsansätze.

6

Reich 2002, S. 140.

7

Ebd., S. 141.

8

Die Kritik, die z.B. Jürgen Hasse aus neophänomenologischer Perspektive am Konstruktivismus bringt, bezieht sich auf die recht große Dominanz konstruktivistischer Ansätze in den Sozialwissenschaften der letzten Jahrzehnte. Ähnlich wie Hermann Schmitz, der die Naturwissenschaften kritisiert, dass sie sich nur auf den sicht- und messbaren Körper fokussierten und dabei leibliche Phänomene außer acht ließen, kritisiert Hasse den Fokus auf symbolische Konstruktionen in den Sozialwissenschaften als reduktionistisch. Vgl. Hasse, Jürgen: Der Leib der Stadt. Freiburg/München 2015, S. 61; Hasse, Jürgen: Kampf um Identitäten. Perspektiven einer phänomenologisch fundierten Kulturkritik. In: Großheim, Michael / Kluck, Steffen (Hrsg.): Phänomenologie und Kulturkritik. Über die Grenzen der Quantifizierung. Freiburg/München 2017, S. 162; Schmitz, Hermann: Der Leib. Berlin 2011, S 5f.

9

Jürgen Hasse bringt in seinem Band "Der Leib der Stadt" ein Beispiel, mit dem er durch künstliche Objekte angeregte leibliche Wahrnehmung verdeutlichen möchte: "die Spitzen von 'Diamantquadern', die die vorbeigehenden Passanten zur Zeit der Rennaissance leiblich und autoritätsgebietend auf Distanz halten sollten […] als Medium der Kommunikation von Macht" (Hasse 2015, S. 59). Hasses symbolische Repräsentation des eigentlichen leiblichen Phänomens kann beim Lesen durchaus leibliche Wahrnehmung auslösen, die wäre aber von der direkten Wahrnehmung der beschriebenen Objekte verschieden.

10

Reich, S. 142.

11

Ebd., S. 143f.

12

von Foerster, Heinz: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Frankfurt/Main 1993, S. 48.

13

Ebd.

14

Ebd., S. 49.

15

Schmidt, Siegfried J.: Geschichten & Diskurse. Abschied vom Konstruktivismus. Reinbek bei Hamburg 2003, S. 148.

16

Ebd., S. 148f.

17

Ebd, S. 149.

18

Denn "[d]ann hat er [der politische Feind, M.D.] schlicht und ergreifend gewonnen", erteilt die identitäre Philosophin Caroline Sommerfeld in ihrem Blog den von linksliberaler Seite gemachten Diskurshoffnungen eine Absage; Diskurshoffnungen, wie sie auch das Buch "Mit Rechten reden" (Daniel-Pascal Zorn, Maximilian Steinbeis, Per Leo, Stuttgart 2017) repräsentiert. Sommerfeld ist Mitautorin des rechten Gegenentwurfs "Mit Linken leben".

19

Teil V dieser Essay-Reihe.

20

Ebd.

22

Die Darstellung dieses und des folgenden Absatzes orientiert sich im Aufbau an Kap. 8.1 meiner Dissertation, in der ich Dirk Baeckers Überlegungen in derselben Reihenfolge wie hier nenne und dahingehend reflektiere, inwieweit eine Teilhabe des Menschen an der Computergesellschaft nötig ist (Donick, Mario: "Offensichtlich weigert sich Facebook, mir darauf eine Antwort zu geben". Strukturelle Analysen und sinnfunktionale Interpretationen zu Unsicherheit und Ordnung der Computernutzung, Hamburg 2016, S. 327-330).

23

Baecker 2013, These 5.

24

Zu links und rechts siehe weiter unten die Bemerkungen zu Bruno Latours "terrestrischem Manifest" (2018).

25

Baecker 2013, These 6.

26

Hierzu vgl. man ebenfalls die folgenden Bemerkungen zu Latour (2018) sowie erinnere man sich nochmals an Arlie Russell Hochschilds Studie "Fremd in ihrem Land" (2017), in dem sie den Umgang mit dem Klimawandel als Aufhänger nutzt, mit amerikanischen Rechten ins Gespräch zu kommen (siehe Teil 5 meiner Essay-Reihe; Russell Hochschild, Arlie: Fremd in ihrem Land. Reise ins Herz der amerikanischen Rechten. Frankfurt / New York 2017.)

27

Baecker 2013, These 9.

28

Vgl. zu einem Überblick und zur Kritik an der Nutzung der Laws of Form in systemtheoretischer Kommunikationsforschung Donick 2016, S. 75-101.

29

Baecker 2013, These 8.

30

Baecker, Dirk: Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt/Main 2007, S. 125.

31

Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation, Frankfurt/Main 2007, S. 281f.

32

Dies deshalb, weil die Laws of Form auch in Aussagenlogik übersetzbar sind, wobei dann die Außenseite die Implikation der Innenseite ist (vgl. Spencer-Brown, George: Laws of Form, Leipzig 2011, S. 91).

33

Donick 2016, S. 329.

34

Baecker, Dirk: Beobachter unter sich, Frankfurt/Main 2013, S. 164.

35

Ebd., S. 162.

36

Latour, Bruno: Das terrestrische Manifest. Berlin 2018, S. 113.

37

Ebd., S. 110.

38

Ebd.

39

Über die Herleitung von Latours Konzept, die bis zurück zu James Lovelocks Gaia-Hypothese aus den 1970er Jahren reicht (was unter dem Gesichtspunkt des Klimawandels als Aufhänger in Latours Essay zumindest nachvollziehbar ist), wäre an anderer Stelle zu diskutieren, dabei ggf. auch unter Einbeziehung von Überlegungen zur künftigen Entwicklung des Menschen, wie sie etwa Volker Demuth in "Der nächste Mensch" (Berlin 2018) anstellt (u.a. zu den Stichworten Transhumanismus und Postökologie).

40

Latour 2018, S. 65: "die Notwendigkeit der Zugehörigkeit zu einem Boden [muss] zur Sprache kommen"

41

Ebd.

42

Latour, Bruno: Das terrestrische Manifest. Berlin 2018, S. 107.

43

Ebd.

44

Vgl. Ebd., S. 24f.

45

Der von Latour kritisierte Begriff "Großer Austausch" meint ein Narrativ rechter Ideologie, das Befürchtungen beschreibt, die angestammte Bevölkerung eines Landes würde durch Zuwanderung und geringe einheimische Geburtenraten zur Minderheit im eigenen Land. Der Begriff wurde vom französischen rechtsnationalen Autor Renaud Camus geprägt und wird auch von der Identitären Bewegung vertreten.

46

Latour 2018, S. 119.

47

Ebd., S. 119f.

48

Ebd., S. 112.

49

Ebd.

50

Ebd., S. 113.

51

Abgesehen davon, dass ich Latours Forderung "Zunächst beschreiben" ein "Zunächst wahrnehmen" voranstellen würde. Wie in früheren Teilen dieser Essay-Reihe bereits erwähnt, steht vor der Reflexion die Wahrnehmung, die in sich bedeutsam ist, aber oft negiert wird. Wir denken schnell in Konstrukten, in Konstellationen, dabei steht davor die Wahrnehmung etwa von Atmosphären.

52

"wem nützt es", d.h. hier wer profitiert von der Berichterstattung, der Studie, usw.?

53

Latour 2018, S. 122.

54

Ebd.

55

Ebd., S. 123. Nicht verdient, weil Europa "für die Geschichte der ökologischen Entfesselung schließlich am meisten verantwortlich" sei (ebd.)

56

Ebd.

57

Mehr zu dem Projekt in Teil IV dieser Essay-Reihe. Vgl. Neßler, Miriam: Freiraum für alle(s). Ein empirisch-kulturwissenschaftlicher Versuch einer Freiraumtheorie. Bachelor-Arbeit, HafenCity Universität Hamburg, 2016.

58

Sie wäre Reduktion von Komplexität, weil scheinbar komplexe Ungewissheiten als bloße Nebenschauplätze erkannt würden. Sie beruhte auf Vertrauen, weil die eigenen Reflexionsgeschichte zeigt, dass man solche Ungewissheiten schon früher erfolgreich bearbeitet hat. Zwang und Kontrolle sind systematisch betrachtet Abkürzungen, um die Stabilität eines Systems sicherzustellen, wenn Vertrauen nicht möglich ist. Vgl. Luhmann, Niklas: Vertrauen. Stuttgart 2009, S. 75.

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