Kopfkribbeln

Podcasting - eine neue Form politischer Öffentlichkeit?

Eine der bemerkenswertesten Premieren im Online-Wahlkampf zur Bundestagswahl fand am 29. August weit abseits des digitalen Glanzpapiers im "Kampagnen-Mainstream" (vgl. Renovierungsarbeiten und Ansätze zu Interaktion) statt: Der erste "Podcast-Thementag" (vgl. Stay tuned!) versammelte zahlreiche Beiträge der noch jungen Community zu verschiedenen Aspekten der vorgezogenen Neuwahl. Zu beachten ist dabei nicht allein die technische Dimension der Aktion, die das bislang weitgehend auf Bild und Text fixierte Netz um zahlreiche Tondokumente erweitert. Denn mit ihrer konzertierten Aktion schufen die Podcaster unter dem programmatischen Motto "Wir sind die Sender" eine neue Form politischer Öffentlichkeit.

Wie in beinahe jedem Online-Wahlkampf seit dem Durchbruch des World Wide Web Mitte der neunziger Jahre achten die Analysten vor allem auf neuartige technische Lösungen im Wettstreit um erfolgreiche Polit-PR – waren es 1998 noch Partei- und Kandidaten-Websites, galten 2002 Wahlkampf-Chats und angriffslustiges "negative Campaigning" als State-of-the-Art. Im aktuellen Wahlkampf streiten sich Weblogs und Rekrutierungsseiten um den Titel des innovativsten Features.

Doch das Potenzial des Internet als Wahlkampfinstrument zeigt sich nicht nur in der Entwicklung neuartiger Formate und Foren politischer Kommunikation, relevanter war schon in den Vorjahren die Einflussnahme neuer Medien auf den politischen Prozess selbst oder die Etablierung neuer – und nicht immer willkommener – Teilnehmer im Wettstreit um die Ressource Aufmerksamkeit. So haben sich in den Wahlkämpfen seit 1998 immer wieder neue Akteure Zutritt zu den medialen Arenen verschafft. Im Jahr 2005 melden sich neben den Webloggern nun auch die Podcaster zu Wort und übernehmen in der Tradition offener Kanäle Produktionstechniken und Distributionswege, um das Mediensystem der Republik mit zusätzlichen Positionen und Inhalten anzureichern.

Potenzial zur Vernetzung mittelgroßer Nutzergruppen

Lohnenswert ist dabei eben nicht nur die Anerkennung der technologischen Avancen, sondern auch die Verortung des Phänomens innerhalb des politischen Systems: So lässt sich der Thementag mit einer eingeführten Kategorie des politischen Kommunikationsalltags beschreiben. Die gut vorbereitete und präzise getimte Platzierung der wahlbezogenen Tondokumente entspricht wesentlichen Kriterien "politischer Versammlungen", die auch als "Veranstaltungsöffentlichkeiten" gelten können. Damit fügen sie sich in das Netz unterschiedlicher Öffentlichkeitsebenen und nehmen eine Scharnierposition ein, denn Versammlungen gelten als die mittlere Stufe zwischen dem Kleinstformat der "Begegnung" und der diffusen "Öffentlichkeit der Massenmedien".

Die Besonderheit des Thementages liegt damit im Potenzial zur Vernetzung mittelgroßer Nutzergruppen, die sich über politische Themen informieren, wobei ihnen in der Regel ein kurzer Weg zur Rückkopplung offen steht: Podcasts werden häufig auf Websites mit zahlreichen Interaktionsmöglichkeiten angeboten und verschanzen sich nicht hinter den Hochglanzfassaden des Online-Wahlkampfes.

Doch was qualifiziert den Podcast-Thementag als politische Veranstaltung? Üblicherweise gelten diese als räumlich und zeitlich festgelegte Zusammenkünfte von mehr als zwei Personen, die politische Angelegenheiten diskutieren, beraten oder entscheiden möchten. Genau diesen Tatbestand erreicht das koordinierte Anbieten wahlkampfbezogener Informationen über die Online-Plattform www.themencast.de. Die Festlegung auf gemeinsames Thema und Veröffentlichungsdatum unterstreicht das Interesse der Podcaster, sich in einen laufenden Diskurs der Medienöffentlichkeit einzuklinken und sichtbar zu agieren: als exemplarischer "politischer Körper", dem mittels digitaler, interaktiver Kommunikationsmedien eine Stimme verliehen wird.

Bereits die Bezeichnung des Mini-Medienereignisses zwischen dem TV-Format "Themenabend" und dem Technik-Tool "Patch-Day" verweist dabei auf die kommunikationstechnische Positionierung zwischen den Polen "push" und "pull". In der Präambel der Satzung des in Gründung befindlichen Verbandes deutschsprachiger Podcaster wird dementsprechend Bertolt Brecht zitiert. Dessen Radiotheorie fungiert mit dem Postulat "Der Rundfunk müsste (...) aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren" als Bezugspunkt auch anderer Audio-Aktivisten (so ordnet Wanda Wieczorek etwa die Aktionsformen Radioballet und Radiodemo ganz ähnlich ein 1).

Akustische Graswurzelarbeit

Wodurch zeichnen sich die Beiträge des Podcast-Thementages konkret aus? Die zwanzig verschiedenen Sendungen mit einer Gesamtlaufzeit von mehr als drei Stunden, die auf themencast.de aufgeführt und mit Inhaltsangaben versehen sind, weisen bereits eine respektable inhaltliche wie formale Bandbreite auf. Deutlich zu erkennen ist in den meisten Fälle eine Affinität zum Rundfunk-Feature, das zahlreiche Quellen wie Interviews, O-Töne und Kommentar vermischt. Nur selten wird dabei die vertraut-tonlose Stimmlage gewählt, sondern betont "locker" geredet – ein Paradebeispiel sind etwa die Beiträge des auch schon über die Podcasting-Szene hinaus bekannten Thomas Wanhoff. In der Themencast-Ausgabe seiner Reihe "Wanhoffs wunderbare Welt der Wissenschaft" besucht der Podcaster eine Grillfeier der Jungen Union Hessen und konfrontiert Studierende mit ihren Zukunftschancen: "Wofür braucht man eigentlich so viele Mathematiker?"

Auch das in Gütersloh angesiedelte "NormCast" fragt bei der Basis nach – per Funk-Interview gibt "Hans" Auskunft über den ganz normalen Frust eines einfachen SPD-Mitglieds. Stimmen von der Straße sind eine weitere Quelle für die Beiträge. So hört sich Daniel Peters, Haupt-Organisator des Thementages, unter Kölner Jugendlichen um und fragt nach deren individuellen Wahlpräferenzen und Informationsgewohnheiten ("Kopfkribbeln"). Das ganze geschieht handwerklich solide und technisch fehlerfrei, so dass die Beiträge weit mehr sind als nur "Spielerei". Der durchschnittliche Themencast-Beitrag ist semi-professionell und trifft den Charakter des Medienformates "Podcast" besser als die bislang lediglich auf Wiederverwertung angelegten Sendungen etablierter TV-Broadcaster wie "Tagesschau" oder "Hart aber fair". Neben politisch-appellativen (z.B. "Gegen jeder für sich", "JUcast") existieren informativ-erklärende Beiträge im "Sendung-mit-der-Maus"-Stil (z.B. "Elbrauschen", "Podspektiven"). Letztere folgen dem Wikipedia-Prinzip: Gut informierte Bürger teilen ihre Kenntnisse mit (z.B. über das TV-Duell oder die Arbeit im Wahllokal) oder wenden sich in Interviews an vermeintlich kompetente Personen wie Politiker. Demgegenüber stehen subjektiv-kommentierende Sendungen (z.B. "Nachtfunk", "Simonas Podcast"), in denen die Sprecher ihre Gedanken zum Thema "Politik" zwar meinungsfreudig an einzelnen Aspekten (z.B. Einführung des Euro) aber ohne eindeutige Überzeugungsabsicht formulieren.

Diese Podcaster verstehen sich häufig explizit als politikfern oder sogar –verdrossen, verlassen aber anlässlich des Thementags den vorpolitischen Raum. Für diese Form der Artikulation ist auch die Reproduktion von verbreiteten Ressentiments gegen die politische Klasse im allgemeinen typisch. Trotzdem gilt Wahlabstinenz (vgl. Einfach "Nein"?) oder Protestwahlverhalten den wenigsten als legitime Option. Und natürlich gibt es auch einfach schlechte Podcasts: Beim Durchhören der Beiträge stören minutenlange Besinnungsreferate zur allgemeinen Lage im Land, langweilig und vorhersehbar geführte Interviews oder auch unkonzentrierte Antworten nicht übermäßig motivierter Experten – der Thementag als Polit-Palaver. Während eine interne Evaluation also noch aussteht, sind die Konkurrenzangebote aus dem Lager der parteipolitischen Podcasts jedoch bereits Gegenstand einer kurzweiligen Kritik ("Podestrian").

iCampaigning: Kauder, Münte und die auditive Mobilisierung

Der Podcast-Thementag lässt sich nämlich auch als eine Alternative zur Aneignung der akustischen Graswurzelarbeit von Audio-Aktivisten durch die Manager des aktuellen Bundestagswahlkampfs verstehen. Begonnen hat der Einsatz von Podcasts als Medium der Wahlkampfkommunikation in Deutschland mit der Jungen Union Hessen, die am 15. August mit "JUcast" auf Sendung ging. Dabei handelt es sich zunächst um ein klassisches Podcast-Format im Radio-Stil. Die Macher organisieren Gesprächsrunden und Telefoninterviews mit Nachwuchs-Funktionären, behaftet mit dem Charme des Amateurhaften: Ein Versprecher wird ebenso dokumentiert wie der Abbruch einer Telefonverbindung.

Und zum Weltjugendtag gibt ein Kölner JU-Aktivist die Auskunft: "Als der Papst angekommen ist, war die Hölle los." Aber natürlich wird auch Meinung im Sinne der Mutterorganisation CDU gemacht. Eher unfreiwillig dokumentiert gleich die erste Sendung das Frauenverständnis der konservativen Netzfunker: Die Landesgeschäftsführerin darf eine Kampagne vorstellen, bei der die Jungunionisten(innen) Eis verteilen und dabei T-Shirts mit der Aufforderung "Leck mich" tragen. Inzwischen ist man aber auch dazu übergegangen, kommentarlos kurze Auszüge von Reden des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch zu verschicken beziehungsweise ihn im Rahmen des Thementags zu interviewen.

Andere Politiker wenden sich mit Audio-Blogs direkt an ihre potenziellen Wähler, so der Generalsekretär der CDU, Volker Kauder, oder der CDU-Bundestagsabgeordnete Helge Braun, die ihre Podcasts mit der von Apple geprägte Vorsilbe "i" versehen und im Fall von "iBraun" auch visuell die iPod-Werbekampagne zitieren. Darüber hinaus lassen die kurzen Soundbites eine gewisse Standardisierung erkennen: Sie bedienen sich oft Jingles mit elektronischer Musik und Volker Kauder beendet seine Statements mit dem Slogan "Rot-Grün muss weg – helfen Sie mit". Inhaltlich geht es im Tagebuch-Stil über aktuelle Ereignisse, eigene Termine und vermeintliche Fehltritte des politischen Gegners.

Die CDU hat unterdessen sogar einen ihrer Video-Spots versendet und setzt damit ein Zeichen im Kampf um die technologische Vorherrschaft im Internetwahlkampf. Demgegenüber vertraut die SPD vor allem auf Prominenz. So wendet sich der Parteivorsitzende Franz Müntefering persönlich an die "Liebe(n) Wahlkämpfer" und verkündete etwas voreilig "Wahlkampf macht Spaß". Neben dessen Wortmeldungen hat die SPD auch Statements von anderen sozialdemokratischen Spitzenpolitikerinnen und Endorsements prominenter Unterstützer wie Ottfried Fischer via Podcast verbreitet.

Insgesamt dürften diese Audio-Angebote vor allem als Instrumente der Mobilisierung von Mitgliedern und Sympathisanten fungieren. Ähnlich der Ansprache mittels E-Mail oder SMS ermöglichen sie tagesaktuelle Angaben, wirken aber durch die Aufzeichnung von Stimmen, die den Hörern zudem bereits bekannt sein können, persönlicher. Dies evoziert emotionale Effekte und öffnet einen weiteren Kanal, um prägnante Botschaften direkt zu kommunizieren.

Offline nicht allein

Ein Schlüsseleffekt der Podcasts dürfte die sukzessive Verlagerung der Online-Nutzung vom Bildschirm-Arbeitsplatz zugunsten einer individuellen Informationserfassung sein. Das handliche Angebot der Audiodaten erlaubt es entsprechend ausgerüsteten Usern, die Inhalte des Politfunks auch abseits des Schreibtisches zu konsumieren. Mittels geeigneter Software werden die Podcasts vom Arbeitsplatzrechner aus dem Netz gefischt und dann an die mobile Info-Einheit übertragen. Die auditive Auseinandersetzung erfolgt dann zumeist im privaten Schutzraum der Kopfhörer. Diese Verlagerung typischer Online-Inhalte vom starren PC-Arrangement in Richtung individueller, mobiler Datenhörgeräte steht exemplarisch für einen neuen Entwicklungsschritt digitaler, interaktiver Kommunikationstechnologien (eine nächste Variante stellen "punchcasts" für Smartphones dar). Was schon vor Jahren als "Ausweitung der Infosphäre" angekündigt wurde, vollzieht sich nun in der Nutzung eines vermeintlichen Unterhaltungswerkzeugs. (Erik Meyer und Christoph Bieber)

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