Korrektur zum Telepolis-Artikel "Der schwedische Corona-Weg: Erfolg oder Misserfolg?"

Bild: euromoma

Die Aussagen zur Gesamtmortalität haben sich fast nicht verändert, aber diejenigen zur Covid-Mortalität haben sich ins Gegenteil verkehrt

Durch mehrere Zuschriften sehr aufmerksamer Telepolis-Leser wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass es zu den anfangs offiziell vom des schwedischen Staatsfernsehen berichteten schwedischen Verstorbenen-Zahlen immer erhebliche Nachmeldungen gibt und dass die Zahlen dann schrittweise aktualisiert werden, sodass man sie eigentlich erst nach etwa 10 Tagen seriös verwenden kann. Dass ich mit der fehlerhaften Verwendung der Zahlen am aktuellen Rand nicht allein bin (Johns Hopkins University, statista, worldometers.info und viele andere verwenden sie auch) macht es nicht besser. Dieser Fehler tut mir sehr leid. Mein Artikel vom 10.12.: Der schwedische Corona-Weg: Erfolg oder Misserfolg?).

Deshalb wurden die Zahlen, die Tabelle und der Chart des oben genannten Artikels alle noch einmal gründlich überarbeitet und neu berechnet. Für die Covid-Mortalität wurden nur noch die Zahlen bis 30. November, für die Gesamtmortalität die Werte von Kalenderwoche 1-44 (bis einschließlich 15. November) statt 1-47 (bis 6. Dezember) verwendet. Außerdem wurden statt worldometers.info die Zahlen von statista.com hergenommen.

Die Aussagen zur Gesamtmortalität haben sich dadurch fast nicht verändert, aber diejenigen zur Covid-Mortalität, v.a. am aktuellen Rand, haben sich ins Gegenteil verkehrt: Schweden hat in letzter Zeit (Monate Oktober und November) keine deutlich niedrigere, sondern eine höhere Covid-Mortalität pro 100.000 Einwohner als Deutschland, und zwar um etwa 25 bzw. 50 Prozent in den beiden Monaten Oktober und November. Hier die korrigierten Ergebnisse:

Gesamtmortalität

Die folgende Tabelle zeigt die Gesamtmortalität in Schweden seit 2010 in den jeweils ersten 44 Wochen des Jahres, also bis Mitte etwa November. Die Zahl der Verstorbenen wurde durch die Einwohnerzahl geteilt und dann mal Tausend genommen. So erhält man die Gesamtmortalität pro tausend Einwohner. Die Zahl der Verstorbenen stammt von The Human Mortality Database, dessen Direktor am Max Planck Institut arbeitet und die die Zahlen vom statistischen Zentralamt Schwedens (SCB) verwenden. Für die Bevölkerungszahlen wurde statista verwendet (Stand 5.12.2020. Tabelle: eigene Berechnungen).

Hier der Chart dazu:

Man sieht, dass innerhalb der letzten 11 Jahre 2020 die viertniedrigste Gesamtmortalität aufwies. Das heißt, in drei Jahren (2019, 2018 und 2016) hatte Schweden eine niedrigere Gesamtmortalität als 2020 und in sieben Jahren eine höhere Mortalität. 2020 ist also ein Jahr mit recht niedriger Sterblichkeit, jedenfalls besser als der Median der letzten 11 Jahre. Man kann deshalb bis Mitte November nicht von einer Sterbewelle in Schweden sprechen oder von einem verantwortungslosen epidemiologischen Umgang, der besonders vielen Menschen das Leben kostete, im Gegenteil. Von der Sterblichkeit her betrachtet ist 2020 eines der vier besten Jahre innerhalb der letzten 11 Jahre. Angesichts dieser Zahlen kann man nicht von einer Gesamt-Übersterblichkeit in Schweden im Jahr 2020 sprechen.

Dieses Ergebnis bestätigen auch die Daten von Euromomo, die die Gesamt-Übersterblichkeit von Schweden genauso niedrig ausweist wie die seiner Nachbarländer Norwegen, Finnland, und Dänemark und so niedrig wie die deutsche. In all diesen Ländern liegt laut Euromomo "keine Übersterblichkeit" vor, im Gegensatz zu den meisten Ländern im Westen und Süden Europas. Schweden gehört, zusammen mit sieben anderen Ländern, zu der Gruppe mit der niedrigsten Übersterblichkeit in Europa. Daraus abzuleiten, dass der schwedische Corona-Weg unter Gesamtmortalitätsgesichtspunkten fehlgeschlagen sei, ist nicht haltbar. Hier ein Chart von Euromomo (abgerufen 12.12.) dazu:

Dass es in Schweden 2020 keine Gesamt-Übersterblichkeit gab, ist umso bemerkenswerter, als es 2018 und 2019 bis in die ersten Wochen von 2020 hinein eine extreme Untersterblichkeit in Form von zwei Tälern gab. 2019 verzeichnete Schweden die niedrigste Anzahl von Verstorbenen seit 1977. Daher konnte man nach der dry tinder (trockener Zunder)-Hypothese mit einer deutlichen Übersterblichkeit 2020 rechnen. Insofern muss man berücksichtigen, dass das Land 2020 in einer verwundbareren Situation als seine Nachbarn war.6

Covid-Mortalität

Gehen wir nun weg von sämtlichen Verstorbenen und richten den Blick lediglich auf die Covid-Toten, vor allem auf den aktuellen Rand. An oder mit Covid starben in Schweden bis Ende November insgesamt etwas weniger als 10 Prozent aller Hingeschiedenen. Über 90 Prozent aller Toten starben also an anderen Ursachen. Das erklärt auch, warum in Schweden, obwohl die Covid-Sterblichkeit vergleichsweise hoch ist, die Gesamtsterblichkeit nicht hoch ist. Laut statista.com gab es in Schweden im Oktober 147 Covid-Verstorbene, in Deutschland 989, im November in Schweden 1118, in Deutschland 6211 (abgerufen 12.12., eigene Berechnung).

Berücksichtigt man die Größe der Bevölkerung (Deutschland 2019 83,2 Millionen, Schweden 10,33 Millionen) heißt das, dass in Schweden im Oktober etwa 25 Prozent mehr Menschen pro 100.000 Einwohner und im Oktober gut 50 Prozent mehr als in Deutschland an Corona gestorben sind.

Das Argument, dass in Schweden bis heute (zumindest bis einschließlich Ende November) mehr Menschen an Corona starben und sterben als in Deutschland, ist also korrekt. Allerdings darf man daraus nicht ableiten, dass Schweden eine insgesamt höhere Gesamtmortalität hat und durch seine epidemiologischen Maßnahmen eine insgesamt höhere Sterblichkeit hervorgerufen hat oder hervorruft. Denn das stimmt nicht. Im Gegenteil. Angesichts der historisch niedrigen Sterblichkeit 2019 weist 2020 einen überraschend milden Verlauf der Gesamtsterblichkeit auf.

Corona-Maßnahmen in Schweden

Welche Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung ergreifen die Schweden eigentlich momentan, also Stand Anfang Dezember? Richten wir den Blick vor allem auf die Unterschiede zu Deutschland: Gesichtsmasken, also Mund-Nasen-Schutz-Masken gibt es in Schweden praktisch gar nicht. So gut wie alle Menschen laufen mit offenen Gesichtern herum. Die Schulen (bis zur achten Klasse) waren das ganze Jahr hindurch geöffnet, die Schüler tragen keine Gesichtsmasken. Restaurants, Cafés, Hotels, Fitnessstudios und sonstige private Geschäfte sind geöffnet.

Öffentliche Veranstaltungen sind seit Kurzem auf acht Menschen begrenzt, nach 22 Uhr gilt ein Alkoholverbot und von 7.12.2020 bis 8.1.2021 gibt es Homeschooling für Oberstufen-Schüler. Eine Maskenpflicht wird derzeit nicht einmal ernsthaft diskutiert und privat dürfen sich auch mehr als acht Schweden treffen. Kurz: Schweden setzt nach wie vor auf einen äußerst liberalen Kurs in der Pandemie-Bekämpfung, appelliert ganz überwiegend an die Vernunft der Bürger*innen statt eine Vielzahl von Verboten einzuführen. Erhebliche Einschränkungen in die Grundrechte gab es nie: Das Notfall-Pandemie-Gesetz, das im April verabschiedet worden war, lief Ende Juni aus, ohne jemals genutzt worden zu sein. Für Menschen mit starkem Freiheitsdrang und Abscheu vor Gesichtsmasken klingt das nach wie vor paradiesisch.

So schreibt die Südwest Presse am 7.12.2020:

Manches in Schweden wirkt für Mitteleuropäer wie aus einer anderen Welt: Während Masken aufgrund von wissenschaftlichen Zweifeln an ihrem Nutzen komplett verpönt sind, wurden Personen mit positiv getesteten Familienmitgliedern im Haushalt bis vor Kurzem weiter zum Arbeiten geschickt. Ebenso sollten die Geschwister von positiv getesteten Kindern anfangs weiter die Schule oder die Tagesstätte besuchen, statt in Quarantäne zu gehen.

SWP, Hervorhebung im Original

Ökonomische Entwicklung

Vergleicht man die ökonomische Entwicklung von Deutschland und Schweden, so zeigt sich, dass Schweden hier deutlich erfolgreicher ist. Das deutsche Sozialprodukt ist in den ersten drei Quartalen 2020 um insgesamt 5,8 Prozent4 gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen, das schwedische um 3,13 Prozent5. Der deutsche Wirtschaftsabschwung war also 1,85 Mal stärker als der schwedische, die deutsche Volkswirtschaft ist also fast doppelt so stark abgestürzt wie die schwedische.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der schwedische Corona-Weg ist nach wie vor ein liberaler Sonderweg. Es gibt praktisch keine Gesichtsmasken und sehr wenige gesetzliche Grundrechtseinschränkungen. Das Leben in Schweden ist sehr viel freier als in Deutschland und den meisten anderen Industrieländern.

Die Gesamtmortalität in Schweden ist 2020 die viertniedrigste innerhalb der letzten 11 Jahre, es gibt 2020 keine Übersterblichkeit, sondern einen überraschend milden Verlauf der Gesamtsterblichkeit. Allerdings ist die Covid-Mortalität in Schweden pro 100.000 Einwohner unverändert deutlich höher als in Deutschland. Da es keine nennenswerten Lockdwons gab, ist die schwedische Wirtschaft 2020 nur etwa halb so stark abgestürzt wie die deutsche.

Prof. Dr. Christian Kreiß, Jahrgang 1962: Studium und Promotion in Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsgeschichte an der LMU München. Neun Jahre Berufstätigkeit als Bankier, davon sieben Jahre als Investment Banker. Seit 2002 Professor an der Hochschule Aalen für Finanzierung und Volkswirtschaftslehre. Autor von sieben Büchern: Gekaufte Wissenschaft (2020); Das Mephisto-Prinzip in unserer Wirtschaft (2019); BWL Blenden Wuchern Lamentieren (2019, zusammen mit Heinz Siebenbrock); Werbung nein danke (2016); Gekaufte Forschung (2015); Geplanter Verschleiß (2014); Profitwahn (2013). Drei Einladungen in den Deutschen Bundestag als unabhängiger Experte (Grüne, Linke, SPD), Gewerkschaftsmitglied bei ver.di. Zahlreiche Fernseh-, Rundfunk- und Zeitschriften-Interviews, öffentliche Vorträge und Veröffentlichungen. Homepage Menschengerechte Wirtschaft

(Christian Kreiß)