Korsen demonstrieren für Autonomie

Korsische Küste bei Bonifacio. Foto: Myrabella. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Regionalregierungschef Simeoni warnt Emmanuel Macron vor einem Wiederaufflammen des Terrors, falls dieser den Forderungen nicht nachkommt

Morgen besucht der französischen Staatspräsident Emmanuel Macron eine Region, die Frankreich 1769 der italienischen Republik Genua abkaufte: Die nördlich von Sardinien gelegene viertgrößte Mittelmeerinsel Korsika. Anlass des Besuchs ist unter anderem der zwanzigste Jahrestag des Attentats auf den damaligen französischen Statthalter Claude Érignac, den der später zu lebenslanger Haft verurteilte korsische Separatist Yvan Colonna am 6. Februar 1998 mit einer Neun-Millimeter-Beretta erschoss.

Am Wochenende gab es in der korsischen Hauptstadt Ajaccio große Demonstrationen für mehr Autonomie, an denen nach Angaben der Veranstalter mehr als zwanzigtausend Menschen teilnahmen. Für eine Stadt mit nur 70.000 und eine Insel mit weniger als 330.000 Einwohnern eine beachtliche Zahl. Die Demonstranten schwangen die korsische Flagge und sangen dazu ihre 1675 vom heiliggesprochenen Jesuiten Francesco de Geronimo komponierte Nationalhymne Dìu vi salvi Regina, ein Marienlied.

Der korsische Exekutivratschef Gilles Simeoni meinte zum französischen Staatssender France 2, die Demonstration vor dem Besuch Macrons solle einen "fruchtbaren Dialog" fördern. In einem anderen Interview hatte er letzte Woche gewarnt, die französische Staatsführung "spiele mit dem Feuer", wenn sie das Ergebnis der korsischen Regionalwahlen ignoriert und nicht auf die Forderungen nach mehr Autonomie eingeht. Denn, so der Korse, wenn Wahlen nichts ändern, dann würden sich viele Leute fragen, ob die Demokratie nicht eine "Einbahnstraße" ist, und eventuell zum Einsatz von Gewalt zurückkehren, auch wenn er in dieser Frage persönlich anderer Ansicht sei.

Bei den Wahlen am 3. Dezember hatte das aus der Autonomiepartei Femu a Corsica und der Separatistenpartei Corsica Libera bestehende und von Simeoni und Jean-Guy Talamoni angeführte Bündnis Pè a Corsica ("Für Korsika") die Zahl seiner Sitze im Départementsrat von 24 auf 41 der insgesamt 63 gesteigert, wodurch es jetzt über eine bequeme absolute Mehrheit verfügt (vgl. Korsika: Autonomie in Etappen). In einigen Rathäusern ersetzte man danach die Trikolore durch das Paolibanner.

Unter diese Flagge kämpfte Pasquale di Paoli im 18. Jahrhundert gegen die Franzosen und die Genueser, die die 1736 und 1755 ausgerufene Unabhängigkeit der Insel nicht akzeptieren wollten. Vorher herrschten dort unter anderem Etrusker, Römer, Byzantiner, Langobarden und arabische Seeräuber. Als Benito Mussolini 1936 Ansprüche auf die Insel erhob, erklärten korsische Schriftsteller den dort gesprochenen Dialekt (der den in der Toskana gesprochenen sehr viel näher ist als die süd- und norditalienischen) zu einer eigenen Sprache, um diesem Anspruch entgegenzutreten.

Die französischen Behörden dankten ihnen das jedoch nicht und versuchten das Korsische über ihre Schulen und Behörden nach dem Zweiten Weltkrieg weiter zu verdrängen. Das, und eine Einwanderung aus dem ehemals französischen Algerien, führten zur Stärkung des Unabhängigkeitsgedankens, der sich nicht nur in der Gründung von Parteien, sondern auch in der von Terrorgruppen Bahn brach. Die wichtigste unter ihnen, die 1976 gegründete Frontu di Liberazione Naziunalista Corsu (FLNC), erklärte 2014 einen "Waffenstillstand".

Außer den Korsen gibt es in Frankreich mehrere andere alteingesessene ethnische Minderheiten: Keltische Bretonen, alemannische Elsässer, rhein- und moselfränkische Lothringer, Basken am Golf von Biskaya und Katalanen im Hinterland von Perpignan. Auch Okzitanisch und Frankoprovenzalisch werden teilweise nicht als französische Dialekte, sondern als eigene Sprachen gewertet.

Der Wille zu mehr Selbständigkeit ist in den verschiedenen Regionen unterschiedlich stark ausgeprägt: Während bei den Korsen die Autonomisten und Separatisten dominieren und die Bretonen mit Paul Molac von der Unvaniezh Demokratel Breizh einen Abgeordneten in die aktuelle Nationalversammlung entsenden konnten, blieb die Elsässerpartei Unser Land bislang relativ bedeutungslos. (Peter Mühlbauer)

Anzeige