Kosmogramm senden oder nicht?

Bild: NRAO/AUI

Streit auf der diesjährigen in San José abgehaltenen Triple-A Konferenz

Die Diskussion um Active SETI ist nicht neu und hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht - Teil 1

Wie hoch ist das Risiko, dass wir feindlich gesinnten Zivilisationen beim Verschicken einer Flaschenpost nicht nur die Position der Erde verraten, sondern von uns selbst vorschnell Informationen preisgeben, die eine oder mehrere aggressiv geartete Spezies auf den Plan rufen oder eine halbwegs neutrale dazu ermuntern könnte, unser Wissen ohne eine Gegenantwort oder Gegenleistung einfach zu inkorporieren? Das ist die Kardinalfrage, die sich Active SETI-Befürworter und -Gegner auch auf dem diesjährigen Treffen der American Association for the Advancement of Science (AAAS) stellten. Erneut entfachte an dieser Frage eine Kontroverse, von der erstmals viele Medien verstärkt Notiz nahmen, auch weil die Active SETI-Gegner ein unzweideutiges Statement veröffentlichten.

Anfangs stempelten viele Wissenschaftler die Idee von der gezielten Suche nach außerirdischen Technologien noch als esoterisch ab. Doch inzwischen hat sich der aus der Radioastronomie hervorgegangene Zweig mit dem Kürzel SETI (Suche nach außerirdischer Intelligenz) in der Astronomie etabliert.

Gleich acht Nobelpreisträger, hierunter Sir Francis Crick (Medizin 1962) oder Linus Pauling (Chemie 1954/Friedensnobelpreis 1963) und angesehene Astrophysiker wie Fred Hoyle, Kip S. Thorne, Sir Martin Rees und nicht zuletzt Stephen W. Hawking, werteten Ende 1982 in einer im renommierten Wissenschaftsmagazin Science erschienenen Petition mit ihrem Namenszug das Unternehmen SETI auf. Und als im selben Jahr die knapp 7000 Mitglieder der Internationalen Astronomischen Union (IAU) die neue Kommission Bioastronomie ins Leben riefen, kam die Suche nach außerirdischem Leben und damit auch SETI zu unerwarteten Ehren. Ein erlesener Zirkel von zumeist konservativen Astronomen gab dem neuen Fachgebiet den Ritterschlag und nahm SETI offiziell in seine Tafelrunde auf.

Fred Hoyle (1915-2001). Der weltbekannte Astronom unterstützte SETI. Auf dem Bild ist er während einer Folge der sechsteiligen Radiosendung "The Nature of the Universe" zu sehen. Während einer Folge (25. Februar 1950) kreierte er den Begriff "Big Bang" und wollte damit den Urknall-Verfechtern keineswegs schmeicheln. Bild: Public Domain

Freilich konnte nach nunmehr knapp 55 Jahren noch kein SETI-Forscher eine interplanetare Flaschenpost aus dem Wellenmeer des kosmischen Ozeans fischen, auch wenn heute kaum ein ernst zu nehmender Wissenschaftler mehr am Dasein hochstehender Kulturen im All zweifelt und die Suche nach absichtlich oder unabsichtlich hinterlassenen Spuren außerirdischer Technologien gutheißt.

Eingedenk der bislang höchst mageren Ausbeute haben SETI-Astronomen die alten Pfade ihrer Vorgänger verlassen und suchen abseits des klassischen SETI-Forschungsfeldes nach neuen Wegen. Zumindest drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man den Berichten der Medien Glauben schenkt, die sich auf die Active SETI-Debatte beziehen, die während des diesjährigen Treffens der American Association for the Advancement of Science, AAAS (Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Naturwissenschaften) große Aufmerksamkeit erregt hat.

Dass der schon seit einigen Jahren latent unter den Wissenschaftlern gärende Disput längst in einem Kleinkrieg gemündet ist, bei dem sich die beiden unversöhnlich gegenüberstehenden Lager mitunter harte Wortgefechte liefern, hat auch die Presse auf den Plan gerufen. Ihr ist nicht entgangen, dass die teilweise sehr emotional geführten Debatten über die Jahre hinweg immer schärfer geworden sind und sich die Fronten verhärtet haben.

Die Triple A-Konferenz ist das weltweit größte Treffen von Naturwissenschaftlern, das jedes Jahr stattfindet. Dieses Jahr wurde sie vom 12. bis 16. Februar in San José in Kalifornien abgehalten. Bild: SETI

Das Interesse der Medien an der Frage und den sich anschließenden Diskussionen, ob man gezielt eine Flaschenpost ins All schicken solle oder nicht, war größer als jemals zuvor. Dass selbst Zeitungen wie die New York Times, die Washington Post, die Süddeutsche Zeitung, aber auch Nachrichtendienste wie NBCnews, BBC News oder die AAAS höchstpersönlich auf ihrer Website über das fraglos ungewöhnliche Sujet berichteten, lag auch an der Gewichtung des Programms in San José.

Denn erstmals berief man nicht nur eine Pressekonferenz ein, die Active SETI und METI (=Messaging to Extra-Terrestrial Intelligence) zum Gegenstand hatte, sondern wertete das Thema auch mit fünf großen, sehr gut besuchten Vorträgen auf, die zudem von den drei entscheidenden Köpfen der Szene gehalten wurden.

Seth Shostak (rechts). Bild: SETI Institute

Einer der Referenten, Seth Shostak, war von der Resonanz der Teilnehmer sichtlich beeindruckt, wie er diesem Magazin bestätigt: "Ich denke, dass es in der Tat das erste Mal war, dass dieser Gegenstand ein großes Forum hatte und vor vielen Besuchern diskutiert wurde und nicht zuletzt eine starke Medienpräsenz bedingte."

Seth Shostak zählt mit seinen 71 Jahren zu den wichtigsten und erfahrensten SETI-Protagonisten. Der Radioastronom und Direktor des SETI-Instituts in Mountain View (Kalifornien) organisiert und managt parallel zu seinem Job auch einen Großteil der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Er ist regelmäßig im Radio zu hören und greift auch für seinen Blog zur elektronischen Feder, schreibt für Zeitungen und veröffentlichte auch zwei populärwissenschaftliche Bücher. Er hat unzählige Konferenzen besucht, Vorträge gehalten und Diskussionen geleitet und plädiert nicht erst seit dem AAAS-Treffen in San José mit besonderen Nachdruck dafür, es nicht allein bei der traditionellen passiven SETI-Suchweise zu belassen, sich nicht allein auf das konventionelle Lauschen und Abhorchen zu beschränken.

Einige von uns aus dem Institut sind an Active SETI interessiert. Wir wollen nicht mehr nur zuhören, sondern selbst etwas zu einigen erdnahen Sternsystemen senden. Vielleicht besteht hier eine Chance, jemanden aufzuwecken und eine Antwort zu erhalten

spekuliert Shostak

Dabei will es der engagierte Astronom nicht allein bei einer einzigen Botschaft belassen. Vielmehr schwebt ihm vor, so viel Informationen wie nur irgend möglich ins All zu pulsen. Und hierfür böte sich das Internet an, das im World Wide Web konzentrierte Wissen. Per Radiosignal ließen sich die Bits und Bytes als kompakte Lieferung verschicken. Mittels eines Infrarot-Laserstrahls könne die ganze Prozedur, so Shostak, innerhalb von nur zwei Tagen abgewickelt sein.

Ich persönlich bevorzuge, den Inhalt des kompletten Internets zu senden. Senden wir es! Denn wenn man eine Menge Information sendet, gibt es eine realistische Chance auf Erfolg.

Anzeige