Kostenlose Verhütung für sechs Millionen arme Frauen

Antibabypille. Foto: Matthew Bowden. Lizenz: FreeImages

Der philippinische Präsident legt sich mit der katholischen Kirche und dem obersten Gericht des Landes an

Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte erließ heute ein Dekret, das geschätzten sechs Millionen Frauen mit niedrigen Einkommen einen Anspruch auf den kostenlosen Bezug von Antibabypillen oder anderen Verhütungsmitteln gibt. Mit diesem Präsidentenerlass, mit dem er nach eigenen Angaben die Armut im Lande bekämpfen will, geht er auf Konfrontationskurs zum obersten Gericht des Landes, das seinem Vorgänger Benigno Aquino eine entsprechende Maßnahme untersagt hatte.

Außerdem legt er sich mit der katholischen Kirche an, die die Pille verbietet und der etwa 80 Prozent der gut 100 Millionen Philippinos angehören. Dass er dazu bereit ist, hatte er bereits im Wahlkampf durchblicken lassen. Dass er Papst Franziskus einen "Hurensohn" nannte, lag allerdings nicht an unterschiedlichen Meinungen zur Geburtenkontrolle, sondern an einem riesigen Verkehrsstau, den der katholische Religionsführer bei einem Besuch auf den Philippinen verursachte.

Nach Zahlen der gemeinnützigen Stiftung Weltbevölkerung würden weltweit deutlich mehr als 200 Millionen Frauen gerne weniger Kinder haben - aber ihnen fehlen ökonomische, rechtliche und soziale Instrumente zur Familienplanung (vgl. Stiftung Weltbevölkerung kritisiert Fehlen von Familienplanung). Würde ihnen geholfen, dann könnte man nach Ansicht der Stiftungsgeschäftsführerin Renate Bähr nicht nur ihr Leben verbessern, sondern auch den "Druck auf Umwelt und Klima" verringern. In diesem Zusammenhang kritisiert die Stiftung, dass das Thema freiwillige Familienplanung kaum auf internationalen Agenden steht.

Tatsächlich ist das Thema Verhütung, das noch in den 1970er Jahren eine wichtige Rolle in Plänen zur Lösung globaler Probleme spielte, heute weitgehend tabuisiert. Wichtige Rollen bei dieser Entwicklung spielten das politische Erstarken fundamentalistischer Christen in den USA und ein übertriebener Kulturrelativismus, der den Schutz archaischer Sitten vor Frauen- und Kinderrechte setzt.

Hinzu kam, dass die entwicklungspolitisch ausgesprochen erfolgreiche Ein-Kind-Politik in China im Westen mit teilweise unwahren Falschinformationen zur Diskreditierung von Familienplanung herangezogen wurde. Neutral besehen handelt es sich bei den unter diesem Schlagwort zusammengefassten lokal unterschiedlichen Regelungen aber weniger um unmittelbaren Zwang, als um ein System aus finanziellen Vor- und Nachteilen, wie es unter umgekehrten Vorzeichen (also zur Steigerung der Geburtenrate) auch in Deutschland existiert:

Neben hohen Kompensationszahlungen an den Staat ("shehui fuyang fei") schuf man nämlich in China auch Versorgungsanreize: Ein-Kind-Familien wurden bei der Gesundheitsversorgung, der Rente, beim Urlaub und bei der Wohnungsvergabe bevorzugt. Hinzu kamen flankierende Aufklärungsmaßnahmen: Bis 2003 wurde von jungen Paaren eine Art "Familienplanungsführerschein" gefordert, welcher Grundkenntnisse der Empfängnisverhütung zum Inhalt hatte. Dadurch konnte das Land, dessen Bevölkerung sich 1950 und 1980 nahezu verdoppelt hatte, die vorhandenen Kinder besser ausbilden und so den Teufelskreis aus Überbevölkerung und Unterentwicklung durchbrechen (vgl. Wie China den Hunger besiegte).

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