Kostet Kanye West Biden Schlachtfeldstaaten?

Joseph Biden (Foto: Gage Skidmore, CC BY-SA 2.0) und Kanye West (Foto: David Shankbone, CC BY 3.0 )

Der dritte Kandidat lässt in Ohio und Wisconsin Unterschriften sammeln

Berichten von TMZ und dem Intelligencer nach hat der Rapper Kanye West die Firma Let the Voters Decide damit beauftragt, unter anderem in Ohio und Wisconsin die für einen Präsidentschaftswahlantritt in diesen Bundesstaaten nötigen Unterschriften zu sammeln. Da die Hürden mit 2.000 Unterschriften in Wisconsin und 5.000 Unterschriften in Ohio nicht sehr hoch liegen, ist die Firma, die dafür mehrere Dutzend Sammler einsetzt, zuversichtlich, die nötigen Unterschriften bis zum Ablauf der Frist zusammenzubekommen.

Ohio stellt mit 18 nicht nur die siebtmeisten Wahlmänner im Electoral College, sondern zählt auch zu den so genannten "Battleground States" - den umkämpften Schlachtfeldstaaten, in denen die Wahl im November entschieden wird. 2016 gewann Donald Trump diesen Rust-Belt-Bundesstaat - nun ist den Umfragen nach relativ offen, wer dort 2020 Sieger sein wird. In Wisconsin, das traditionell ebenfalls zu den Staaten mit eher unsicherem Siegern zählt, liegt Biden derzeit mit einem Vorsprung von fünf bis zehn Punkten recht klar vorne.

Motiv?

Ob Biden auch dann noch vor Trump liegt, wenn West im Herbst tatsächlich antritt, ist unklar. Echte Chancen, die komplette Präsidentschaftswahl zu gewinnen, hat der Rapper aber nicht mehr: In Indiana, New Mexico, North Carolina, South Carolina - und vor allem in den großen und einwohnerreichen Bundesstaaten Texas, Florida und Michigan kann er nämlich wegen versäumter Fristen nicht kandidieren. Dass Kanye West trotzdem nicht aufgibt, könnte mehrere Gründe haben: Er könnte den Wahlkampf als Übung für ein ernsthafteres Antreten bei den übernächsten Präsidentschaftswahlen 2024 sehen. Oder als Teil einer unkonventionellen Werbekampagne für sein angekündigtes neuen Albums Donda. Möglich ist auch, dass er einem der Kandidaten der beiden großen Parteien schaden will.

Vielleicht ist der Rapper aber auch nicht so berechnend, sondern handelt schlicht impulsiv. Sein Verhalten in der Vergangenheit lässt diese Option durchaus zu. Bei seinem Wahlkampfauftakt erklärte er, er habe "fast [s]eine Tochter getötet", als die damals noch nicht mit ihm verheiratete Kim Kardashian mit ihr schwanger war. Er habe aber rechtzeitig vor einer Abtreibung ein Zeichen Gottes erhalten, worauf hin er die armenischstämmige Anwaltstochter anrief und ihr sagte: "Wir werden dieses Kind haben!" Das alles, so West, erzähle er jetzt, obwohl ihm andere Leute davon abgeraten hätten, darüber öffentlich zu reden.

Kim Kardashian schien West vorher nicht über diese Offenbarung informiert zu haben. In jedem Fall kam es anschließend zu einer teilweise auf Twitter ausgetragenen Auseinandersetzung, während der West verlautbarte, seine Frau versuche, ihn zusammen mit einem Arzt "wegzusperren wie in dem Film 'Get Out'". Von seiner Ranch in Wyoming aus machte er Kardashian außerdem Vorwürfe wegen ihres karrierestartenden "Sextapes" und ihrer Aufnahmen für den Playboy. Später entschuldigte er sich ebenso öffentlich bei ihr. Inwieweit dieses Verhalten mit einer Bipolarität zusammenhängt, ist unklar. Einen entsprechenden ärztlichen Befund, den West 2019 an die Öffentlichkeit trug, bezeichnete er später als "Fehldiagnose".

77 Jahre und …?

Der Rapper ist allerdings nicht der einzige Kandidat in einer etwas unklaren medizinischen Situation: Joseph Biden redete bei den Vorwahl-Fernsehdebatten und in Reden teilweise so grob an der Realität vorbei, dass in Medien über eine Demenz spekuliert wird. Der heimliche Verdacht, dass der 77-Jährige geistig nicht mehr ganz auf der Höhe ist, könnte auch einer der nicht offen eingeräumten Hintergründe sein, warum ihm manche Parteigänger der Demokraten von der Teilnahme an den Fernsehduellen abraten, während sich Donald Trumps Sprecherin mehr als nur drei Debatten wünscht. Biden selbst gibt sich in dieser Frage bislang unerschrocken und meint, er könne es "kaum erwarten", dem Präsidenten vor den Kameras gegenüberzustehen.

Aktuell führt der Demokrat im Umfragedurchschnitt mit 50,2 zu 42,1 Prozent vor Donald Trump. Fernsehdebatten können so ein Stimmungsbild ändern, wie man seit dem Sieg von John F. Kennedy über Richard Nixon weiß. Aber es ist auch unsicher, ob der Umfragedurchschnitt tatsächlich den Wahlausgang vorhersagt. Erstens, weil in den drei Monaten bis zur Wahl noch viel mehr geschehen kann als drei Fernsehdebatten. Zweitens, weil der US-Präsident - ebenso wie der deutsche Bundeskanzler und der deutsche Bundespräsident - nicht direkt, sondern indirekt gewählt wird: über Wahlmänner, die die von ihm gewonnenen Bundesstaaten entsenden. Und drittens, weil es ein Institut gibt, das einen anderen Ausgang in Aussicht stellt.

Dieses Democracy Institute erfragte unter anderem, dass nur vier Prozent der Wähler, die derzeit angeben, für Trump stimmen zu wollen, bereit sind, ihre Entscheidung eventuell zu überdenken, während zehn Prozent der Biden-Nenner solch eine Änderung für möglich halten. Dabei spielt auch der Gesundheitszustand eine Rolle, weshalb als mitentscheidend gilt, wen sich Biden als Vizepräsidentschaftskandidaten wählt. Der Vizepräsident übernimmt nämlich das Amt, wenn der Präsident dazu nicht mehr in der Lage ist. Heimlich abgefilmte Zettel mit Notizen wie "Hege keinen Groll" deuten darauf hin, dass sich Biden hier - ohne dies bereits öffentlich bekannt zu geben - für Kamala Harris entschieden haben könnte, die Biden bei den Vorwahl-Fernsehdebatten bedingt fair attackierte. (Peter Mühlbauer)