Kostüme und "kulturelle Aneignung"

Plakat der Kampagne "Ich bin kein Kostüm"

Eine Plakatkampagne soll verhindern, dass sich Karnevalsteilnehmer als Indianer oder Scheich verkleiden

Das in Sozialen Medien derzeit mit am meisten diskutierte Thema ist die von der Amadeu-Antonio-Stiftung und dem Parlamentsclub der Linkspartei finanzierte Plakatkampagne "Ich bin kein Kostüm", mit der Karnevalsteilnehmer dazu gebracht werden sollen, sich nicht als Indianer, Frau, Scheich, Geisha etc. zu verkleiden. Die Vorstellung von "kulturellem Eigentum", die dabei zum Ausdruck kommt, ähnelt der von Urheberrechtsextremisten, deren Vorstellung, wie Kreativität funktioniert, ebenso unzutreffend verkürzt ist wie die Identitätspolitik derjenigen, die "kulturelle Aneignung" kritisieren und nicht wissen, dass es in Europa im Mittelalter Weichselzöpfe gab, dass aber ihr eigener Nasenschmuck eher in Melanesien als im Orient verbreitet war.

Tatsächlich ist Kultur ein andauernder Prozess der "Durchlässigkeit und Instabilität", des Austauschs und der Vieldeutigkeit oder der "Kreolisierung"1 Der Begriff dafür stammt nicht zufällig aus New Orleans - einer Stadt, in der sich Afro-Amerikaner beim Mardi Gras als Indianer oder Zulu verkleiden und in der die lokale Spielart des Rap vor allem von Transvestiten gemacht wird. Das all das aus dauernden Austausch-, Verständnis- und auch Missverständnisprozessen entsteht, wird unter anderem in der vom The-Wire-Autor David Simon geschriebenen Serie Treme recht eindrucksvoll dargelegt.

Hier wird auch sichtbar, dass die Indianerkostüme, der Bounce und der Zulu King längst eigene Bezugssysteme geworden sind, die mit Indianern, Hip Hop und Afrika nur noch sehr bedingt etwas zu tun haben: Sie beziehen sich nicht mehr vorwiegend auf etwas Reales, sondern auf etwas Vorgestelltes, auf eine Tradition, die ebenso sehr Eigenes wie Fremdes ist.

Mit ähnlichen Unterstellungen wie die Musiker, die in Fulda aus der Autonomenszene bedroht wurden, weil ihre Kostüme an die deutscher Kolonialtruppen erinnern, hatten vor hundert Jahren Herero in Namibia zu kämpfen, von denen die englischen Kolonialbehörden glaubten, sie würden mit den von ihnen getragenen alten deutschen Uniformen eine Wiederkehr der alten Kolonialherrn herbeisehnen (obwohl diese die Volksgruppe massiv dezimierten).

Tatsächlich dienten die Uniformen den "Truppenspielern" eher als Hierarchie- und Statussymbole, nachdem sie die vorher dafür verwendeten Rinder im Krieg von 1904 weitgehend verloren hatten. Heute fordern Herero-Vertreter in Uniformkostümen, die die Briten damals verboten, für diesen Krieg Reparationen von der deutschen Bundesregierung.

Auch für die Herero sind die Uniformen ebenso sehr eigene Tracht und Tradition wie Bezugnahme auf etwas (nur früher einmal) Fremdes. Genau so verhält es sich mit Karnevalskostümen, was Schüler im oberbayerischen Markt Indersdorf, die das möglicherweise besser begriffen hatten als ihre Lehrer: Als die Schule ihnen verbot, am unsinnigen Donnerstag (wie gewohnt) kostümiert zum Unterricht zu kommen, erschienen sie einfach in bayerischer Tracht. Seit öffentlich wurde, dass man sie deshalb nach Hause schickte, sind die Lehrer das Lieblingsgespött der Lokalmedien.

Ähnlich erging es der "Ich-bin-kein-Kostüm"-Kampagne, die in Sozialen Medien eifrig parodiert wird:

In vielen Kommentaren zur Kampagne kommt außerdem die Vermutung zum Ausdruck, dass die Verbotsdynamik der "Ctrl-Left" wahrscheinlich nicht von selbst stoppt, sondern immer weiter geht, weil sich diese Gruppe mit dem Befolgen neuer Tabus distinguiert und deshalb neue erfinden und befolgen muss, wenn sie sie dem Rest der Bevölkerung aufgezwungen hat, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu in seinem Hauptwerk Die feinen Unterschiede darlegt. Dann könnten weitere Kostüme in die Kritik geraten: von Politikern bis hin zu Clowns und allem dazwischen.

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