Krank durch Biosprit

Die Umrüstung der weltweiten Kraftfahrzeugflotten auf Ethanol verlängert die Ölreserven - Städte müssen aber mit höherer Luftbelastung rechnen, hat ein US-Forscher ermittelt

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Wer etwa als Fahrradfahrer täglich die Auspuffgase benzin- und dieselgetriebener Autos schnüffelt, der weiß schon instinktiv, was die Chemiker auch messen können: Gesund ist das nicht. Bei der Verbrennung von Benzin im KFZ-Motor entstehen unter anderem krebauslösende Stoffe wie Benzen und Butadien. Immerhin drei Viertel der Benzen-Emissionen in die Luft gehen auf Autobenzin zurück. Der aus nachwachsenden Rohstoffen herstellbare Kraftstoff Ethanol hingegen verbrennt sauber, so jedenfalls das gängige Urteil, zu Wasser und Kohlendioxid.

Dass die Verwendung von Bio-Sprit als Treibstoff die Belastung der Erdatmosphäre mit dem Treibhausgas Kohlendioxid vermindert, ist trotzdem unumstritten - das freigesetzte CO2 haben die Pflanzen ja vorher aus der Luft aufgenommen. Ethanol wird deshalb in Deutschland heute noch nicht wie ein fossiles Mineralöl besteuert - diese Regelung läuft aber bald aus (Vorwiegend heiter, nur über dem Biosprit Wolken). Europaweit gibt es Pläne und Direktiven, dem Benzin einen Mindestanteil an Alkohol beizufügen. Dabei geht es zunächst um einen Anteil von gut fünf Prozent (den jeder herkömmliche Benzinmotor verkraftet) - während in Ländern wie Brasilien, Kolumbien und den USA schon 85-prozentige Mischungen aus Ethanol und Benzin („E85“) an Tankstellen zu haben sind (die nur für speziell konstruierte Motoren brauchbar sind).

Allerdings ist es auch bei einer kompletten Umrüstung der Autoflotten auf solche Mischungen immer noch gesünder, das Auto in der Garage zu lassen. In städtischen Gegenden würde sich durch E85 sogar die Umweltbelastung erhöhen: Der US-Forscher Mark Jacobson von der Universität Stanford hat mit Hilfe von Computermodellen errechnet, dass sich die Sterberate durch abgasbedingte Umweltverschmutzung in großen amerikanischen Städten durch E85 um mehrere Prozent erhöhen ließe. Seine Ergebnisse hat er im Fachmagazin Environmental Science & Technology (ES&T veröffentlicht. Schuld daran ist vor allem das Ozon - ein aus drei Sauerstoffatomen bestehendes Molekül. Bereits heute steigen die Ozonniveaus in großen Städten an manchen Tagen auf ein gesundheitsgefährdendes Niveau.

Künftige Sterberaten in den USA durch Benzin und Ethanol. Bild: Mark Jacobson, Stanford University

Dieser Trend würde sich in Zukunft noch verstärken. Allein Los Angeles müsste 2020 mit rund 650 zusätzlichen Krankenhauseinlieferungen rechnen, die auf zu hohe Ozonlevel zurückzuführen sind. Gegenüber Telepolis betont der Wissenschaftler, dass seine Ergebnisse auch für städtische Regionen in Europa gültig sind. „Am stärksten sind die Effekte in Städten, deren Luft stark mit Stickoxiden belastet sind, wie sie etwa von Diesel-LKWs kommen.“, so Jacobson. Außerdem hat er noch eine paradox erscheinende Einschränkung zu machen: In Städten mit „Grüner Lunge“, vielen öffentlichen Parks und Grünanlagen werden die schädlichen Auswirkungen von Ethanol weniger deutlich. Das liegt aber nicht daran, dass die Pflanzen die Giftgase reduzieren - im Gegenteil, deren eigenen organischen Emissionen übersteigen dann die durch E85 betriebener Fahrzeuge.

Wird denn die Tatsache, dass Stadtbewohner durch E85 mehr Husten müssen, zumindest dadurch ausgeglichen, dass sie seltener an von Abgasen ausgelösten Krebserkrankungen sterben? Vermutlich nicht: Aus dem Auspuff von ethanolgetriebenen Fahrzeugen kommen dafür mehr Formaldehyd und Acetaldehyd, die ebenfalls als Krebsauslöser bekannt sind. Weil diese Faktoren zu dem ethischen Dilemma hinzukommen, Sprit aus Nahrung herzustellen (Biosprit und die Angst vor steigenden Bierpreisen), plädiert Forscher Jacobson für Wasserstoff-Autos in Form von Hybrid- oder Brennstoffzellen-Fahrzeugen, deren Rohstoffe sich umweltfreundlich mit Hilfe von Wind- und Sonnenenergie erzeugen lassen.

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