Krank und Autonom

Schlingensief startet neues Online-Projekt

Was Christoph Schlingensief macht, das macht er richtig. Offenbar sind ihm halbe Sachen fremd. Und so populär wie jetzt, war der Aktionskünstler, Film- und Theaterregisseur wohl noch nie zuvor. Dank seines Buches „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein: Tagebuch einer Krebserkrankung“, das im April erschienen ist und sich ziemlich schnell auf den Bestsellerlisten etabliert hat. Ja, dieser hochemotionale innere Monolog, den er kurz nach seiner Krebsdiagnose auf Band gesprochen hat, berührt tatsächlich viele Menschen – gesunde wie kranke.

Doch Schlingensief belässt es nicht beim Schreiben, sondern er hat inzwischen das Netzforum Krank und Autonom eröffnet, das sich direkt an Menschen wendet, die an Krebs oder Amyotrophe Lateralsklerose erkrankt sind. Eben an, wie er es nennt, „geschockte Patienten“. Sie werden aufgefordert, zu ihrer Krankheit zu stehen, darüber öffentlich zu sprechen:

Also raus mit den Sorgen, raus in die Welt! Darüber reden, sprechen, denken und ganz viele schöne Dinge tun, die man eigentlich nicht mehr tun wollte. Und wenn Sie ab und zu nur einen kleinen Schimmer Freude verspüren, dann ist da noch was! Bewahren Sie diese kleinen Momente unbedingt auf.

Schlingensief

Bisher ist die Resonanz auf dieses allerdings noch recht neuen Projekts relativ gering. Dennoch hofft Schlingensief, dass aus ihm zu einem späteren Zeitpunkt ein Verein entstehen könnte, „der geschockten Patienten - gerade zu Beginn ihrer Erkrankung - Beratung, Information und Hilfestellung anbieten soll, in dieser schwierigen Situation weiterhin ihre Autonomie bewahren zu können.“ Denn: Merke! Ohne Verein geht in Deutschland sowieso nichts. Noch nicht einmal die Autonomie.

Derzeit beteiligen sich aktiv jedenfalls erst 15 Personen, die sich auf der Netzseite steckbriefähnlich vorstellen oder sogenannte Patientenbriefe veröffentlicht haben.

Da schreibt beispielsweise Frederike von Stechow: „Am Anfang als ich erfahren habe, dass ich krank war, konnte ich mit niemandem darüber reden. Ich hatte Angst zu sagen, ich habe Krebs. Das kann ich auch heute noch nicht leicht sagen, jetzt wo ich wieder Krebs haben soll. Ich habe mich sogar geschämt als ich meine Haare verloren habe während der Chemo.“ Worte, die zeigen, wie wichtig solch ein Projekt ist. Auch in dem angehängten Diskussionsforum, an dem sich übrigens Schlingensief persönlich beteiligt, überwiegen die positiven Stimmen.

Simone_k: „Ich sehe eine Vision hinter diesem Projekt: verzweifelte, schwer kranke Menschen können sich austauschen in einem (hoffentlich) geschützten Raum! Die Gemeinsamkeit, die dabei entsteht, wird jeden persönlich bereichern und neu beleben. Die Kraft, die der Einzelne gewinnt und weitergibt, kann sich potenzieren.“

Aber es gibt auch skeptische Äußerungen:

Kleiber: „Also das ist ja nicht so einfach, sich in so einem Forum mit seinen verletzlichsten Seiten zu zeigen, dann so privates wie Träume und Gedanken vor allen auszubreiten, da gehört doch schon ein ganz schönes Risiko dazu.“

Ergänzt werden diese Statements durch eine Rubrik „Arbeiten von Patienten“, die auf Bilder, Videos oder Bücher der Betroffenen verlinkt. Und in Zukunft ist auch ein Notfalltelefon angedacht. Was jedoch irritiert, ist das „Barometer der Geschockten Patienten“, dass die durchschnittliche Stimmung der Erkrankten ermittelt und anzeigt. Und dort steht gerade: „Irgendwie gleichgültig.“ (Ernst Corinth)

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