Krankenhäuser: Zahl der Intensivbetten ist schon vor Corona angestiegen, aber das Personal ist knapp

Seit Jahren sinkt die Zahl der Krankenhäuser und Krankenbetten, die der privaten Kliniken ist stark angestiegen

In Deutschland lobt man sich wegen des guten Gesundheitssystems, mit dem man auch bislang die Corona-Pandemie gut bewältigt habe. Man habe viele Krankenhäuser und Betten, vor allem aber auch viele Intensivbetten. Mit über 30.000 Intensivbetten kommen knapp über 30 auf 100.000 Einwohner, in anderen Ländern, die auch von Covid-19 stärker erwischt wurden, sind es deutlich weniger. Derzeit (8.10.) sind fast 8500 frei und 21.780 belegt, davon 487 mit Covid-Patienten, von denen 239 beatmet werden müssen. Die Zahl der Covid-Patienten auf Intensivstationen ist von Dienstag auf Mittwoch um 21 gestiegen, 14 mussten beatmet werden, von Mittwoch auf Donnertag um 17, 6 müssen beatmet werden (Wie ausgelastet sind die Intensivstationen?).

Die Zahl der Intensivbetten ist schon vor Corona angestiegen. 1991 gab es nach dem Statistischen Bundesamt 20.200 Intensivbetten, 2018 bereits 27.500. Das sind 36 Prozent mehr. Nicht erfährt man hier, aus welchem Grund der Ausbau erfolgte, der aber zur Folge hatte, dass das Pflegepersonal knapp wurde. Nach einer Umfrage im Jahr 2018 waren deswegen durchschnittlich auf jeder Intensivstation 1-2 Betten gesperrt, 2019 wurden in 37 Prozent der Krankenhäuser wegen Personalmangel Intensivbetten geschlossen. Dadurch sei die Notfallbehandlung oft beeinträchtigt. Das Personal ist oft überlastet und sieht eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Es ist liegt auf der Hand, dass die Arbeitsbelastung mit der abnehmenden Zahl der Pflegekräfte steigt und der Betreuungschlüssel sinkt. Ein Artikel von Prof. Dr. med. Christian Karagiannidis im Ärzteblatt aus dem Jahr 2019 gibt auch einen Hinweis, warum die Intensivbetten ausgebaut wurden - sie tragen mehr als die normalen Betten zur Finanzierung bei:

Durch den zunehmenden Personalmangel in der Intensivmedizin droht eine weitere Schließung von Intensivbetten, der nicht nur einen unstrukturierten Verlust von dringend benötigter intensivmedizinischer Versorgung der Bevölkerung nach sich zieht, sondern der auch eine Gefahr für die Finanzierung der Krankenhäuser darstellt. Denn diese sind ganz wesentlich an die Einnahmen aus der Intensivmedizin gebunden.

Ernüchternd für die Beurteilung der angeblichen Qualität des Gesundheitssystems heißt es weiter:

Ein Kernproblem ist sicherlich das nahezu ausschließlich erlösorientierte Abrechnungssystem in Deutschland. Das DRG-System hat dazu geführt, dass die Quantität die Qualität der Leistungen dominiert. In den vergangenen Jahren wurden die Intensivkapazitäten in der Folge immer weiter ausgebaut. Innerhalb Europas hat Deutschland mit Abstand die meisten Intensivbetten. Gründe dafür sind neue Therapieverfahren und ökonomische Interessen. Die ständige Verschärfung der Komplexpauschale für intensivmedizinische Leistungen hat zu einem Wettrüsten geführt. Dabei wurden Kapazitäten dort aufgebaut, wo die Erlöse am höchsten erschienen.

Das hat übrigens auch dazu geführt, dass im Sommer nach 7000 verschwundenen Intensivbetten gesucht wurde. Im Juni waren im Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) 32.411 Intensivbetten angegeben, während die Krankenhäuser für 39.716 Intensivbetten eine Förderung durch das COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz forderten. Die Förderung war allerdings nicht daran gebunden, dass die bereitgestellten Betten auch mit den erforderlichen Personalstellen versehen waren, während der DIVI nur Intensivbetten gemeldet werden dürfen, für die auch Personal zur Verfügung steht. Offenbar hat sich das Personalproblem nicht verbessert, sondern verschlechtert, da die Zahl der bei DIVI gemeldeten Betten seit Sommer zurückgegangen ist, was aber auch daran liegen könnte, dass zu viele Betten für Covid-19-Patienten freigehalten wurden. Gleichwohl finden sich mehr als die Hälfte der Intensivbetten in öffentlichen Krankenhäusern. Sie machen 29 Prozent aller Krankenhäuser aus, sind aber oft deutlich größer als Privatkliniken.

Es gibt hinter der Erfolgsmeldung also durchaus eher Bedenkliches zu finden, was dann in der Folge der Mitteilung des Statistischen Bundesamt auch anhand der normalen Krankenhausbetten und der Zahl der Krankenhäuser deutlich wird. Hier reiht sich Deutschland in die anderen Länder ein, in denen ein Abbau des öffentlichen Gesundheitssektors mit einer zunehmenden Privatisierung einherging - was dann auch zu den Corona-Folgen wie in Italien, Frankreich oder Spanien führte. 1991 gab es in Deutschland in 2411 Krankenhäusern noch 666.000 Betten gegeben, 2018 waren es nur noch 1925 Krankenhäuser mit 498.000 Betten, 25 Prozent weniger.

Der Abbau ging seitdem weiter. Im Hintergrund steht eine Ideologie, die mit den Fallpauschalen das Gesundheitssystem endgültig ökonomisiert hat und aus Einsparungsgründen propagiert, es gebe zu viele Krankenhäuser, vor allem kleinere in ländlichen Gebieten und öffentliche Kliniken. Die Bertelsmann Stiftung ist hier ein Vorreiter: "Eine starke Verringerung der Klinikanzahl von aktuell knapp 1.400 auf deutlich unter 600 Häuser, würde die Qualität der Versorgung für Patienten verbessern und bestehende Engpässe bei Ärzten und Pflegepersonal mildern", lautet das Versprechen in dem Bericht "Eine bessere Versorgung ist nur mit halb so vielen Klinken möglich" aus dem Jahr 2019 (Fresenius statt Daimler). Trotz des bereits erfolgten Abbaus steigen die Kosten der Krankenkassen für Krankenhausbehandlungen stetig an.

1991 waren nur 15 Prozent der Krankenhäuser privat, 2018 waren es bereits 37 Prozent, während der Anteil öffentlicher Krankenhäuser von 46 Prozent auf 29 Prozent schrumpfte. Auch die Zahl der Kliniken von freigemeinnützigen Trägern wie Kirchengemeinden, Stiftungen oder Vereinen ging leicht von 39 auf 34 Prozent zurück. Interessant ist auch, dass die Zahl der jahresdurchschnittlichen Vollzeitäquivalente im ärztlichen Dienst im selben Zeitraum um 73 % auf 165.000 anstieg, aber im Pflegedienst stagnierte die Zahl der Vollzeitäquivalente. Sie lag mit 331.000 im Jahr 2018 nur geringfügig höher als 1991 mit 326.000.

Dabei sind die Fallzahlen seit 1991 bis zum Jahr 2017 um fast 30 Prozent gestiegen und die Verweildauer der Patienten hat sich von 14 auf 7,3 Tage halbiert, was eine erhöhte Arbeitsbelastung bedeutet: "Trotz der Erhöhung von Fallzahlen und Fallquoten hat sich die Zahl der Krankenhausbetten verringert - von 666 Tausend auf 497 Tausend. Je 10.000 Einwohner werden 2017noch 60,2 Betten bereitgehalten - gegenüber 83,2 Betten im Jahr 1991. Dies entspricht einem Rückgang von 27,6%", so das IAQ in einem Bericht. Das ist vor allem eine Folge der Einsparungsmaßnahmen im Zuge der nach der Einführung der Fallpauschalen beschleunigten Ökonomisierung. 80 Prozent des nichtärztlichen Personals sind Frauen, von denen über die Hälfte Teilzeit arbeitet. (Florian Rötzer)