Krebs: Debatte um Glyphosat

WHO-Organisation stuft das Unkrautvernichtungsmittel als wahrscheinlich krebserregend ein und löst damit eine Expertendiskussion aus

Ein Fachgremium der "Internationalen Agentur für Krebsforschung" (IARC) hat mehrere Pestizide als krebserregend eingestuft. Für Aufregung sorgt dabei die Neueinschätzung von Glyphosat, das weltweit – speziell bei gentechnisch veränderten Pflanzen – in großen Mengen eingesetzt wird. Die IARC hält das Herbizid inzwischen für "wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen" (probably carcinogenic to humans, Gruppe 2A).

Man hätte Studien aus den USA, Kanada und Schweden ausgewertet, gab das WHO-Institut am 20. März bekannt. Ein kurzer Bericht darüber erschien im Wissenschaftsmagazin "The Lancet", woraus hervorgeht, dass siebzehn Wissenschaftler aus elf verschiedenen Ländern an der IARC-Expertise beteiligt waren.

Wohl auch weil derzeit die Verlängerung der Zulassung des Herbizids auf EU-Ebene verhandelt wird, rief der Artikel große Resonanz in Fachkreisen hervor. Im Vergleich zu anderen Mitteln wäre Glyphosat "harmloser" und gut getestet, wurde bisher immer wieder von Herstellern, aber auch von vielen offiziellen Stellen betont.

Als 2012 eine Debatte darüber entbrannte, ob Glyphosat negative Auswirkungen auf die Darmflora haben könnte, beruhigte beispielsweise das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR ) die Öffentlichkeit. Auch in der aktuellen Diskussion meldete sich das Institut zu Wort und zeigte sich überrascht bis skeptisch über die IARC-Ergebnissen. Diese seien für das "BfR auf Basis der vorliegenden Informationen wissenschaftlich schlecht nachvollziehbar und offenbar nur mit wenigen Studien belegt". Man wolle aber auf jeden Fall sorgfältig prüfen, versichert das Institut: "Die Entscheidung der IARC kann jedoch nicht abschließend beurteilt werden, da die finale IARC-Monographie in der die Entscheidung ausführlicher begründet werden wird, noch nicht vorliegt."

Auf dem Portal Science Media Centre.org finden sich noch weitere – inhaltlich unterschiedliche – Reaktionen von renommierten Wissenschaftlern.

Zitiert wird zum Beispiel Prof. Andreas Kortenkamp, Human-Toxikologe von der Brunel University London. Er betont die Seriosität der Neueinschätzung der IARC und fordert die zuständigen EU-Behörden auf, entsprechende Maßnahmen zum Schutz der Verbraucher einzuleiten. Speziell wäre es auch wichtig, dass Hobby-Gärtner diese Mittel nur mit größter Umsicht anwenden sollten, so der Toxikologe sinngemäß. Tatsächlich gibt es noch immer zahlreiche frei verkäufliche Mittel, die oft in Unkenntnis über Risiken von Kleingärtnern angewandt werden (Gift in meinem Garten?). Dahingegen äußern sich die meisten anderen zitierten Wissenschaftler tendenziell distanziert. Alan Boobis etwa, Biochemie-Professor am Imperial College London, sieht keinen Grund für erhöhten "Alarm".

Der mit Roundup lange Jahre größte Hersteller von glyphosathaltigen Herbiziden, Monsanto, hat umgehend auf die IARC-Ergebnisse reagiert und eine umfassende Website zu dem Thema eingerichtet. Glyphosat sei eines der am besten getesteten Mittel, betont der Konzern. "All labeled uses of glyphosate are safe for human health", so ein führender Mitarbeiter. Es gebe keine Hinweise auf gesundheitliche Gefahren bei sachgemäßer Anwendung.

Das Patent von Monsanto auf Glyphosat ist inzwischen in den meisten Staaten abgelaufen und es gibt auch andere Hersteller, die es für ihre Produkte verwenden. "Insgesamt wurden 2011 mehr als 110.000 Tonnen verbraucht, davon ein Großteil im Soja- und Maisanbau. ... Etwa die Hälfte des Angebots stammte im Jahr 2010 aus China. Neben Roundup sind Dutzende anderer glyphosathaltiger Herbizide auf dem Markt, beispielsweise Clinic von Nufarm, Touchdown von Syngenta, Vorox (Compo) oder GlyphoMAX von Dow AgroSciences", fasst Wikipedia das Ausmaß des Einsatzes zusammen.

Über mögliche negative Auswirkungen auf die Gesundheit gibt es seit langem Diskussionen. Augenfällig waren die Probleme in Argentinien (Gier, Gift und kranke Kinder). Die Hersteller gaben dort aber den Anwendern die Schuld an den Auswirkungen. Diese hätten die Mittel nicht ordnungsgemäß angewandt. - Setzt sich die neue IARC-Einstufung als "wahrscheinlich krebserzeugend" durch, könnte das für viele Hersteller zu empfindlichen Umsatzeinbrüchen führen. - Wie sich die neue Einschätzung des IARC auf den laufenden EU-Bewertungsprozess von Glyphosat auswirken wird, bleibt vorerst abzuwarten.

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