Krieg aus sicherer Distanz

Beispiel: Mosul (Das "befreite" Mosul liegt noch immer in Trümmern). Bild: Tasnim News Agency/Juki 2017/CC BY-SA-4.0

Nie wieder Afghanistan: Die Zukunft gehört dem Krieg aus der Ferne, glauben britische Forscher

17 Jahre dauert die Intervention in Afghanistan nun schon an, ohne dass sich die anfänglichen Hoffnungen erfüllt hätten, das Land zu demokratisieren und zu stabilisieren. Immer noch stehen westliche Truppen, darunter die Bundeswehr, am Hindukusch. Ein Einsatz ohne Ende, bislang. Auch in direkten Gesprächen haben Washington und die Taliban bislang keinen Ausweg gefunden.

Humanitäre Interventionen und mit ihnen der Versuch, Kriege zu beenden, Diktatoren stürzen und demokratische Gesellschaften aufzubauen, sind inzwischen deutlich weniger populär als noch vor zwanzig Jahren. Stattdessen hat eine andere Art der Kriegsführung an Bedeutung gewonnen: Remote Warfare, was sich als Krieg mit der Fernbedienung oder Krieg aus der Ferne übersetzen lässt.

Anstatt Interventionsarmeen aufzustellen und Nachkriegsordnungen schaffen zu wollen, sind Länder wie Großbritannien längst dazu übergegangen, den Krieg aus der Ferne führen, konstatiert die britische Nichtregierungsorganisation Oxford Research Group in ihrem Bericht "Remote Warfare. Lessons learned from contemporary theatres", in dem Emily Knowles, Direktorin des Remote Warfare Programme, und Abigail Watson den Krieg aus sicherer Distanz bilanzieren.

Solche Einsätze gab es in der jüngeren Vergangenheit viele: von Nigeria über Kenia und Somalia, Libyen, Syrien, Irak bis nach Afghanistan. Überall war britisches Militär aktiv, aber kaum mit eigenen Soldaten. Stattdessen wurden lokale Verbündete politisch, finanziell und materiell unterstützt. Ein Beispiel dafür wären die britischen Waffenlieferungen an Saudi-Arabien für den Jemen-Krieg. Andere Möglichkeiten sind militärische Ausbildung, logistische Unterstützung und Versorgung mit Geheimdienstinformationen, etwa aus Luftaufklärungsdaten.

Schließlich flogen westliche Militärs auch Luft- und Drohnenangriffe auf dschihadistische Gruppen wie Al-Qaida und Islamischen Staat oder die Al-Shabaab in Somalia oder griffen angebliche syrische Chemiewaffenproduktionsstätten an. Das war dann der sprichwörtliche Krieg per Fernbedienung.

Als Beispiel wird die Tötung des IS-Mitglieds Reyaad Khan angeführt: Die Royal Air Force tötete den britischen Staatsbürger 2014 durch eine Drohne. Nach Einschätzung der Geheimdienste war er eine "sehr ernste Bedrohung" und soll Anschläge auf britische Bürger und Verbündete geplant haben. "Es ist das erste Mal, dass eine RAF-Drohne benutzt wurde, um einen britischen Bürger anzugreifen in einem Land, mit dem man sich nicht im Krieg befindet", notierte seinerzeit die BBC.

In ihrem Bericht untersuchen die Forscherinnen diese Art Kriegsführung genauer. Es sei die erste Untersuchung ihrer Art und gerichtet an "militärische Entscheidungsträger, um Mängel bei den Fähigkeiten, beim Training und den Einsatzdoktrinen bei den britischen Streitkräften aufzudecken", schreiben sie. In der Remote Warfare sehen die Forscherinnen massive Vorteile: Militär könne eingesetzt werden ohne "boots on the ground", also ohne dass irgendein britischer Soldat seinen Stiefel auf den felsigen Hindukusch oder in den irakischen Wüstensand setzen muss.

Krieg aus der Ferne müsse aber nicht unbedingt auch per Fernbedienung bedeuten: "Kurz gesagt, das 'remote' in Remote Warfare meint eher die strategische als die physikalische Entfernung", schreibt die Oxford Research Group. Die Forscherinnen warnen aber auch vor falschen Erwartungen: Remote Warfare sei nicht billig, sauber und diskret. Regierung und Militärs seien immer noch zu sehr auf Geheimhaltung bedacht, anstatt - im Rahmen von Information Warfare - Transparenz als Stärke zu nutzen, kritisieren sie. Das gelte auch für die falsche Vorstellung, das Militärschläge jemals "sauber", unblutig und ohne Opfer sein könnten. Da müsse dagegen gehalten werden mit einer "nuancierten" Betrachtung, propagieren sie.

Außerdem müssten die Streitkräfte für diese Art der Kriegsführung auch angemessen ausgerüstet sein. Gegenwärtig gebe es die Tendenz, sich für den großen Krieg vorzubereiten und anzunehmen, dass die Streitkräfte dann automatisch zu kleineren Einsätzen fähig sind. Das sei aber ein Fehlschluss, tatsächlich bräuchte es besondere Fähigkeiten: So müssten Erfahrungen ausgewertet werden etwa im Umgang mit lokalen Verbündeten oder auch bezüglich ziviler Opfer.

Dann aber sei der Krieg aus sicherer Entfernung durchaus von Vorteil, konstatieren die Forscherinnen: Die Risiken lassen sich dadurch gering halten. Gleichzeitig lässt sich Krieg abseits der Öffentlichkeit führen wie im Fall Syrien: "Es gab keine Antikriegsproteste auf den Straßen von London, die große Beachtung gefunden hätten, und (…) Großbritannien war in der Lage, weitgehend ungehindert seine Alliierten zu unterstützen."

Die Befreiung von Raqqa und Mossul vom Islamischen Staat habe gezeigt, dass dieses Modell funktionieren könne. Auch dort unterstützte der Westen lokale Gruppen bzw. die irakische Armee, um die Dschihadisten zu vertreiben. Zumal auch heute eine große Unterstützung für Militärinterventionen kaum zu erwarten sei und westliche Regierung kaum bereit seien, Risiken einzugehen. Außerdem fehle Geld und Terroristen seien oft in Gegenden, in denen der Westen eher schwach vertreten ist. Deshalb könne Remote Warfare nach Ansicht der Oxford Research Group als "spezielles Werkzeug für begrenzte Ziele" gut funktionieren.

Zugleich wirbt die NGO aber auch für eine bessere parlamentarische Kontrolle, die in Großbritannien deutlich schlechter ist als in vergleichbaren westlichen Staaten. Gewöhnlich kommentiert das Verteidigungsministerium Einsätze von Spezialkräften wie der Special Air Service (SAS) in den Konfliktgebieten dieser Welt einfach nicht. Im Gegensatz dazu gibt es in Ländern wie den USA, Dänemark, Frankreich, Kanada und Norwegen ähnliche Einheiten, aber auch eine gewisse parlamentarische Kontrolle.

Die Oxford Reasearch Group hat deshalb untersucht, wie die parlamentarische Kontrolle verbessert werden könnte. "Transparenz und Verantwortlichkeit sind wichtig, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in britische Einsätze im Ausland zu steigern", postuliert die NGO in ihrem Bericht "Britain's Shadow Army: Policy Options for External Oversight of UK Special Forces". Natürlich könnten bei Spezialeinheiten nicht alle Einsatzdetails öffentlich gemacht werden, aber es gebe dennoch zwei gangbare Möglichkeiten: Kontrolle durch das Intelligence and Security Committee (ISC) oder durch das House of Commons Defence Committee (HCDC). Das ISC überwacht bereits die Geheimdienste. Der Verteidigungsausschuss im Unterhaus prüft bereits heute das Verteidigungsministerium, seine Befugnisse könnten ausgeweitet werden.

Nicht nur Großbritannien, auch die USA sind übrigens längst auf Remote Warfare eingeschwenkt: Seit Obama und auch unter Trump setze die US-Regierung auf eine Strategie der kleinen Kriege, diagnostizierte Paul Staniland, Politikwissenschaftler an der Universität von Chicago, kürzlich in der Washington Post. So wolle Washington einen neuen Konflikt von der Dimension Afghanistan oder Irak vermeiden und mehr Ressourcen haben für den Wettbewerb der Großmächte.

Herausgekommen sei eine Art Gewaltmanagement, zu der Luftangriffe, wenig Personal vor Ort und Bündnisse mit lokalen Kräften gehören. "Sein Ziel ist, militante Organisationen zu schwächen und zu zerstören in einer chaotischen, zersplitterten politischen Landschaft, aber nicht viele Soldaten und Ressourcen einzusetzen, um stabile neue Regierungen aufzubauen."

Auch Staniland bescheinigt der Strategie, dass sie es ermögliche, in Konfliktgebieten Einfluss zu nehmen, während die politischen Kosten dafür zu Hause recht niedrig sind. Die Einsätze würden einfach nicht beachtet, die Regierung fliege damit sozusagen "unterhalb des heimischen politischen Radars", schreibt Staniland, das Gewaltmanagement sei der "realen politischen Debatte in den Vereinigten Staaten entkommen". Bezeichnend gewesen sei die Überraschung amerikanischer Senatoren, als sie erfuhren, dass US-Spezialkräfte im Niger aktiv sind. "Minimale Aufmerksamkeit ist der neue Normalzustand", so Staniland.

Allerdings habe auch das Gewaltmanagement seine Risiken: Es verwickele die USA in Konflikte überall auf der Welt und ziehe vielleicht größere Einsätze nach sich. Und es reduziere zwar die Zahl amerikanischer Opfer, aber nicht die von Zivilisten: "Sein Ziel ist Zerstörung, nicht gute Regierung, und daher hat der Schutz von Zivilisten geringere Priorität." Ein weiteres Problem ist, dass lokale Kräfte ihre eigene Agenda verfolgen. Ihre Unterstützung kann ganz unbeabsichtigte Folgen haben. Und schließlich lässt das Gewaltmanagement das Problem völlig ungelöst, wie denn stabile politische Verhältnisse aufgebaut werden können.

Darauf geht übrigens auch die Oxford Research Group - bei allem Lob für Remote Warfare - ein. "Die britischen Bemühungen im Anti-Terror-Kampf könnten darin enden, die Stabilität zu untergraben, die sie schaffen wollen", schreiben wiederum Emily Knowles und Abigail Watson in einem anderen, ebenfalls neuen Bericht "No such thing as a quick fix. The aspiration-capabilities gap in British remote warfare".

Vielleicht schwingt da die Ahnung mit, dass Aufstandsbekämpfung ein Problem ist, an dem sich schon viele Militärs die Zähne ausgebissen haben. Wie der Historiker Martin van Creveld 2009 in seinem Buch "Gesichter des Krieges" schrieb, sind seit 1945 "praktisch alle Versuche, Aufstände zu bekämpfen, gescheitert". 99 Prozent der Literatur über Aufstands- und Terrorbekämpfung seien daher "aus Sicht der Verliererseite" geschrieben, frotzelte er, was bedeute, dass sie "so gut wie wertlos" ist. (Dirk Eckert)

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