Krieg der Kriegsspiele

Battlefield 3. Bild: Electronic Arts

Im Blockbuster-Videospiel "Battlefield 3" kann der Spieler als US-Soldat in den Iran einmarschieren. Jetzt kontert die iranische Videospiel-Industrie

Seit Herbst 2011 kann man als US-Soldat in die iranische Hauptstadt Teheran einmarschieren – zumindest virtuell im First-Person-Shooter Battlefield 3 des US-Publishers „Electronic Arts“ (EA). Im Iran wurde der Verkauf des Spiels kurz nach Veröffentlichung aufgrund des Inhalts verboten. Die iranische Nachrichtenagentur FARS-News spricht seitdem von einem open war of media des Westens gegen die islamische Republik. Die zieht nun gleich mit mehreren eigenen Videospielen in die kulturelle Gegenoffensive.

Es ist der frühe Morgen des 31. Oktober 2014 in Teheran. Am Horizont zeichnet sich der charakteristische Borj-e Milad Fernsehturm ab. Nur einige Scheinwerfer und die Leuchtspuren von Flugabwehrgeschossen erhellen die Nacht. Ein Trupp US-Soldaten liegt auf einer Anhöhe vor den Toren der Stadt. Der Angriffsbefehl kommt, die Soldaten rennen los und kämpfen sich bis ins Zentrum – nur ein Level des Videospiels „Battlefield 3“. In Anderen zerstört der Spieler mit einem M1-Abrams-Kampfpanzer feindliche Stellungen in der Wüste vor Teheran oder bombardiert mit einem F16-Kampfjet den Hauptstadtflughafen Mehrabad International Airport.

Bei der iranischen Regierung kam das Spiel nicht gut an: schon wenige Tage nach Verkaufsstart erfolgte ein Verbot. Eine Gruppe namens „Iranische Jugend“ startete außerdem eine Online-Petition gegen das Videospiel: „Wir wissen, dass die Geschichte in einem Videospiel hypothetischer Natur ist [aber wir] glauben auch, dass das Spiel absichtlich zu einer Zeit veröffentlicht wurde, in der die USA der internationalen Gemeinschaft Angst vor dem Iran machen wollen“, soll es in der Petition lauten. Über 5.000 Personen sollen die Petition allein bis Ende November 2011 unterzeichnet haben.

Der Gründer der iranischen „National Foundation of Computer Games“, Behrooz Minaei, protestierte in Briefen an EA gegen das Teheran-Szenario in „Battlefield 3“ – der US-Konzern soll die Schreiben ignoriert haben soll. Darüber hinaus kündigte Behrooz Minaei ein von seiner Organisation finanziertes „Gegenspiel“ an. Der Auftrag dafür soll vom religiösen Führer Ali Chamenei persönlich gekommen sein. Das Videospiel mit dem Namen Attack on Tel Aviv thematisiert dem Titel zufolge einen Angriff auf Israel. Dies passt zur aktuellen Politik des Irans, der Israel bedroht (und seinerseits von Israel und seinen Verbündeten bedroht wird), verwundert aber zugleich, da Israel oder israelische Firmen an der Entwicklung von „Battlefield 3“ (soweit bekannt) in keiner Weise beteiligt waren: Publisher „Electronic Arts“ ist ein US-Unternehmen und das Entwicklerstudie „Digital Illusions Creative Entertainment“ hat seinen Sitz im schwedischen Stockholm. Wann „Attack on Tel Aviv“ erscheint, ist unklar.

„Die empfundene Provokation, weil es auch keinerlei Unterstützung für die iranische Position gab, wird nun durch eine bewährte Provokation zurück gespiegelt - bewährt darum, weil die Herrschenden im Iran wissen, womit sie den Westen provozieren können“, erklärt Dr. Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung in Erlangen. Schon 2007 mussten im iranische Videospiel „Special Operation 85: Hostage Rescue“ US- und israelische-Soldaten getötet werden, um zwei entführte Nuklearwissenschaftler zu retten.

Battle in Gulf of Aden. Bild: Amytis Games

Im Juni stellte nun das iranische Militär in Teheran das von ihr mitproduzierte Spiel Battle in Gulf of Aden vor. Das Spiel verwendet die "Unity"-Engine und verfügt über professionelle Grafik und guten Sound. Thematisch handelt das Spiel den Anti-Piraterie-Einsatz der iranischen Marine an den Küsten des Jemen und Somalias ab – den Einsatz gibt es auch in der Realität. Ein Video des First-Person-Shooters zeigt die Nähe des iranischen Spiels zu Shootern westlicher Unternehmen. Inhaltlich scheint sich „Battle in Gulf of Aden“ zwar nicht gegen den Westen zu richten, dafür werden aber die eigenen Soldaten zu heldenhaften Kämpfern für die internationale Sicherheit stilisiert.

Battle in Gulf of Aden. Bild: Amytis Games

Das nächste Anti-iranische Videospiel befindet sich schon in der Produktion: Anfang 2013 will das tschechische Software- und Rüstungsunternehmen Bohemia Interactive seinen neuen Militärsimulator ARMA 3 veröffentlichen. Darin tritt der Spieler auf westlicher Seite im Jahr 2034 gegen iranische Truppen an. Der in dem Szenario erstarkende Iran hat zuvor den NATO-Mitgliedsstaat Türkei eingenommen und versucht griechische Inseln in der Ägäis zu erobern. Der Spieler soll das verhindern.

ARMA 3. Bild: Bohemia Interactive

Medienwissenschaftlerin Dr. Sabine Schiffer beunruhigt die gegenseitige Provokation, sieht den Westen durch die neuen iranischen Videospiele allerdings auch in seiner Doppelmoral entlarvt: „Interessant ist, dass die iranischen Spiele offensichtlich für Aufregung sorgen, während Hersteller und ihre Vasallen sonst gerne behaupten, die Gewalt in den Spielen sei ja nur virtuell und mache gar nichts aus. Das ganze könnte sich zu einer ähnlichen Reaktion auswachsen, wie 2010 bezüglich des US-Spiels ‚Medal of Honor‘, wo es im Multiplayer-Modus zunächst möglich sein sollte, in die Rolle eines Taliban zu schlüpfen und auf Nato-Soldaten zu schießen. Plötzlich empörten sich Militärs über die Unmoral des Spiels, plötzlich hatte es also doch eine Bedeutung, auf wen man in solchen Simulationen schießt.“ Schiffer fordert eine gesellschaftliche Diskussion über die von Videospiel-Herstellern verbreiteten Inhalte, Feindbilder, Rollenmuster, Stereotype und vermittelnde Werte. Die Kulturhoheit in der westlichen Staatengemeinschaft sei heute in der Hand privatwirtschaftlicher Medienkonzernen und nicht der demokratischen Gesellschaft.

Battlefield 3. Bild: Electronic Arts

Die Videospiel-Hersteller blenden diese Verantwortung aus: noch kurz vor Veröffentlichung von „Battlefield 3“ behauptete Martin Lorber, PR Director und Jugendschutzbeauftragter bei EA-Deutschland: „Es werden in dem Spiel keinerlei politischen Aussagen getroffen.“ Heute will sich EA zum Videospiel-Streit, den man durch „Battlefield“ ausgelöst hat, nicht äußern. Für Dezember ist eine „Battlefield“-Erweiterung mit dem Titel „Aftermath“ geplant: zum Schlachtfeld für die Mehrspieler-Gefechte soll das winterliche, von Krieg und Erdbeben zerstörten Teheran werden.

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