Kriegsähnliche Zustände auf niederländischer Strandparty

Zwar haben sich Polizisten schon öfter gegen Randalierer mit Schusswaffen verteidigt, aber der Gewaltausbruch vor zwei Wochen überstieg alles bislang Dagewesenes

Was in der in- und ausländischen Presse zuerst als herkömmliche Schlägerei an einer frei zugänglichen DJ-Party an einem Strand in der Nähe von Rotterdam dargestellt wurde, scheint bei näherer Betrachtung ein Ausbruch exzessiver, kollektiver Gewalt. Polizeibeamten haben dabei zahllose Schüsse auf Personen abgefeuert, die sie mit massiven Gegenständen beworfen haben – mit einem 19-jährigen Toten und sechs Schussverletzten als Folge.

Unter den mindestens 40 000 Besuchern der Party „Sunset Grooves“ am Strand der Rotterdamschen Teilgemeinde Hoek van Holland (das Fest war für 15 000 Personen bewilligt), brachen schon am frühen Abend des 22. August 2009 Schlägereien aus, auch von verschiedenen Messerstechereien ist in den Zeugenberichten auf Internetforen und in der Tagespresse die Rede. Die Zahl dieser Verletzten wird von Augenzeugen zwar auf mindestens zehn geschätzt, in den offiziellen Berichten werden sie aber nicht erwähnt.

Während die Untersuchung noch läuft, geht die Polizei davon aus, dass am späteren Abend rund 80 Hooligans des Rotterdamschen Fussballclubs Feyenoord am Strandfest eintrafen. Angesichts eines im Internet veröffentlichten Handy-Videos steht fest, dass am späteren Abend vier zivil gekleidete Polizisten – nachdem sie als solche von Hooligans erkannt wurden – Rücken an Rücken ihre Schusswaffen drohend auf das einige Meter zurück gewichene, aber großenteils weiterhin tanzende Publikum richteten. Ebenfalls auf dem Video zu sehen ist die anschließende Flucht dieser verdeckten Ermittler in ein VIP-Zelt, welches kurz später von einer aufgebrachten Meute demoliert wird. Dokumentiert werden auf weiteren Handy-Videos auch die darauf folgenden, teilweise heftigen Gefechte zwischen einerseits uniformierten Polizisten und andererseits „Feyenoord! Hooligans!“ und „Juden! Juden!“ skandierenden Jugendlichen (antisemitische Parolen gehören zum Standardrepertoire der Feyenoordfans). Zu sehen sind Hunderte vor den Ausschreitungen flüchtende Partybesucher.

Laut dem staatlichen, niederländischen Fernsehsender NOS brachen die Ausschreitungen aus, nachdem die vier demaskierten Polizeispitzel zuerst Warnschüsse in die Luft abgegeben hatten, dann aber auch gezielt auf Hooligans schossen. Alle Verletzungen durch Schusswaffen sind nach dem Sender auf Schüsse aus Dienstwaffen zurückzuführen. Nach Verlautbarung der Staatsanwaltschaft, die diese Meldung nicht bestätigt und „alle Möglichkeiten offen hält“, gibt es aber auch „Anzeichen“ dafür, dass zuerst die Polizei mit Schusswaffen beschossen wurde. Worin diese Anzeichen bestehen, ist aber nicht bekannt: In der Presse äusserte sich kein Polizist dahingehend und von Schüssen verletzte Polizisten sind keine zu beklagen.

Aus den zahllosen Zeugenberichten auf dem Web, welche zögernd auch in der niederländischen Presse rezipiert wurden, und inzwischen auch aufgrund anonymer Berichte in der Tagespresse von an der Eskalation direkt beteiligten Polizisten, ergibt sich das Bild, dass die vier verdeckten Ermittler nach ihrer Demaskierung in die Dünen flüchteten, wo ihnen andere Polizisten zu Hilfe kamen. Eine Gruppe Hooligans und Partygäste verfolgte die zivil gekleideten Polizeibeamten und bewarf sie in der kurz nach Neumond großen Dunkelheit der Dünen mit Flaschen und anderen Gegenständen. Die Polizisten verteidigten sich nun – nach Schätzungen der anonym berichtenden Polizisten – mit mindestens 150 Schüssen auf die in der Finsternis attackierenden Personen. Dass dabei nur sieben Personen getroffen wurden, fanden die Polizisten selbst erstaunlich.

Es häufen sich inzwischen die Anzeichen dafür, dass sich der Veranstalter der Party und die Behörden gänzlich unangemessen auf die drohende Eskalation vorbereitet hatten. So wurden Besucher bei Einlass nicht auf Waffenbesitz untersucht. Es waren nur äußerst dürftige Möglichkeiten zur ambulanten, medizinischen Hilfeleistung vorhanden. Die polizeilichen Einsatzteams mussten aus der Ferne und über den verstopften, einzigen Zufahrtsweg zum Nordseestrand einrücken; obwohl den Behörden schon am Tag vor der Party bekannt war, dass Angehörige des harten Kreises um Feyenoord die Strandparty heimsuchen werden, um zu randalieren. Ausschreitungen waren also vorprogrammiert. Auch noch am Abend wurde die Situation vom zuständigen Polizeikommandanten völlig falsch eingeschätzt, verzichtete er doch bis zum Ausbruch des totalen Chaos gegen Mitternacht auf den Einsatz von Kriseninterventionsteams.

Sich mit scharfer Munition gegen angreifende Randalierer verteidigende Polizisten sind in den Niederlanden keine Seltenheit mehr. Vor „Sunset Grooves“ sah sich die Polizei zuletzt in Rotterdam an einem Musikfestival am 5. Mai 2009 anlässlich des Jahrestages der Befreiung von der deutschen Besetzung zu Schüssen zur Verteidigung genötigt. Bei solchen Vorfällen sind auch wiederholt Personen (schwer) verletzt worden. Dennoch übertreffen die kriegsähnlichen Szenen vom 22. August 2009 am niederländischen Strand bisherige Dimensionen. Nicht so sehr der Amok von Jugendlichen, sondern viel mehr jener der Polizisten sprengt dabei den Rahmen früherer Eskalationen um ein Vielfaches. Bilder von einander panisch „Leg dich hin!“ zuschreienden, scheinbar unbeteiligten Zivilisten, denen der Kugelregen eines polizeilichen Trommelfeuers um die Ohren pfeift, sind in den Niederlanden beispiellos. (Floriaan H. Went)

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