Kriegsführung 4.0: Wenn der Code zur Waffe wird

Telepolis Salon am 22. Oktober auf der Alten Utting mit KI-Expertin Yvonne Hofstetter

Weiterhin werden die Risiken, die mit dem Einsatz von Cyberwaffen oder dem Ausbruch eines Cyberwar einhergehen können, unterschätzt oder gar nicht wahrgenommen. Zwar wissen wir, dass Militärs und Geheimdienste längst in die Netze anderer Länder eingedrungen sind, dort spionieren, sabotieren und Daten verändern können, nach Möglichkeiten suchen, die Infrastruktur lahmzulegen oder zu manipulieren, oder bereits Waffen in den Systemen versteckt haben, um sie bei Bedarf zu aktivieren. Bedroht ist die ganze Gesellschaft, wenn die Strom- oder Wasserversorgung, der Verkehr und die Daten- und Kommunikationsnetze zusammenbrechen.

Noch gab es nur vereinzelte Angriffe mit begrenztem Schaden, die Täter bleiben oft unbekannt, aber in vielen Staaten werden Cyberkommandos und Geheimdienste aufgerüstet, um offensiv zuschlagen zu können. Dabei werden die Systeme durch KI komplexer, lernfähig und auch immer autonomer. Ähnlich wie im Hochfrequenzhandel oder im Wettrüsten mit Hyperschallraketen interagieren KI-Systeme miteinander und können Menschen aufgrund der Geschwindigkeit und der riesigen Datenströme nicht mehr mithalten und werden immer mehr "out the loop" fallen. Anders als bei konventionellen Waffen werden die Cyberwaffen aber nicht auf Paraden vorgestellt und wissen auch die Menschen nichts über den Stand der Dinge sowie die Risiken.

Mit EMP-Waffen (elektromagnetischer Impuls) lassen sich gezielt elektrische und elektronische Systeme ausschalten, die größte Bedrohung ist ein Angriff mit einer in großer Höhe explodierenden Atombombe, deren elektromagnetischer Impuls ganze Länder in einen Blackout stürzen und so buchstäblich ausschalten kann. Je höher technisiert Gesellschaften sind, desto stärker sind sie abhängig vom Funktionieren der technischen Systeme und desto größer können die Folgen sein. Mit dem Internet der Dinge, der Industrie 4.0, autonomen Fahrzeugen und den Smart Cities sowie Smart Homes wird die Umgebung für den Cyberwar geschaffen.

Im Telepolis-Salon werden wir mit der KI-Expertin Yvonne Hofstetter über den Cyberwar sprechen. Frau Hofstetters neues Buch "Der unsichtbare Krieg. Wie die Digitalisierung Sicherheit und Stabilität in der Welt bedroht", das am 1. Oktober erscheint, diskutiert den Cyberwar im Kontext der aktuellen weltpolitischen Lage, in der die Großmächte in ein Wettrüsten eingetreten sind und die Risiken eines Konflikts wachsen: "Basierte das strategische Gleichgewicht zwischen den Staaten vormals auf Verteidigung, verschiebt es sich heute zugunsten der Offensive. Denn in einer vernetzten Welt wird der Code zur vernichtenden Waffe, mit der hochsensible Daten ausspioniert, kritische Infrastrukturen sabotiert und die Menschen durch Fake News aufgehetzt werden - ohne dass es eine offizielle Kriegserklärung gäbe."

Yvonne Hofstetter ist Gast im Telepolis Salon am 22. Oktober im "Hecksalon" auf der Alten Utting. Beginn ist 20 Uhr.

Alte Utting Lagerhausstraße 15 81371 München Eintritt: 5 Euro Anfahrt: U-Bahn: U3/U6 Poccistraße oder Implerstraße Bus: 132 / 62 Lagerhausstraße

Yvonne Hofstetter begann ihre Karriere in international führenden Unternehmen der Informationstechnologie und Rüstungsindustrie im Jahr 1999. Von 2009 bis 2019 war sie Geschäftsführerin der Teramark Technologies GmbH, eine auf die intelligente Auswertung von Big Data spezialisierte Firma. Heute ist sie vor allem als Publizistin und Keynote-Speakerin zum Thema Digitalisierung tätig. 2014 veröffentlichte sie "Sie wissen alles", gefolgt von "Das Ende der Demokratie" im Jahr 2016 - beide Bücher wurden zu Bestsellern. 2018 wurde sie mit dem 53. Theodor Heuss Preis ausgezeichnet und 2019 zum Mitglied der Chatham House Kommission zu Demokratie und Technologie in Europa ernannt.

Thesen von Yvonne Hofstetter:

1. Sicherheitsbehörden stellen immer häufiger fest, dass digitale Angriffe von Regierungen anderer Staaten beauftragt oder orchestriert sind, die sich privater Helfer bedienen, um online zu spionieren, Sabotageakte vorzubereiten und subversiv zu handeln.

2. Digitale Technologien bringen nicht nur wirtschaftlichen Nutzen, sondern auch politische und militärische Überlegenheit.

3. Die Unterschiede beim Einsatz künstlicher Intelligenz zwischen dem Westen und China bzw. Russland sind das Ergebnis zweier ungleicher Systemalternativen, die erstmals aufeinanderprallen: der Neoliberalismus und die Logik der Rente, kommuniziert als chinesischer Traum von der Weltherrschaft.

4. Heute befinden sich unter den neuen Mächtigen nicht nur Staaten, sondern auch Individuen, Firmen oder mehr oder weniger organisierte Gebilde wie Terrorgruppen oder Hackerorganisationen. Die Digitalisierung ermächtigt die Kleinen und Schwachen. So verschieben sich Machtstrukturen weiter - von einst unipolar zu multipolar.

5. Die digitale Unterentwicklung kann sogar vor Angriffen schützen. Sich technologisch hochzurüsten ist deshalb mit großer Verantwortung und hohem Risiko gleichermaßen verbunden.

6. Sicherheit kann zweitrangig werden, wenn sich nur mit dem Krieg, nicht aber mit dem Frieden, ein Geschäft machen lässt.

7. Das Netz von Menschen, ihren Gedanken, Absichten, Psychen und Gegenständen wird täglich wertvoller, und mit ihm wachsen die Begehrlichkeiten, sich die Umgebungsintelligenz politisch und militärisch nutzbar zu machen, um damit Geopolitik zu betreiben.

8.Viele digitale Verwundbarkeiten sind auf den Leichtsinn der Nutzer zurückzuführen.

9. Kriege im 21. Jhd. sind multimodal, habe viele Dimensionen und werden nicht nur im physischen Schlachtfeld, sondern auch im Informationsraum ausgetragen. Die beteiligten Akteure erzählen Geschichten und verbreiten Narrative, um Menschen emotional zu berühren und deren Unterstützung zu sichern.

10. Menschen sind kontextsensitiv, Maschinen sind das (noch) nicht. So entstehen die oft beschworenen Filterblasen und Echokammern. Sie sind die Gummizellen unseres Lebens.

11. Es ist ein Mythos, dass intelligente Maschinen objektiv und vorurteilsfrei entscheiden. Ihre Entscheidungen sind immer nur so gut wie die Qualität der Rohdaten, die einer maschinellen Entscheidung zugrunde liegen.

12. Sprache, das ist absehbar, wird künftig weiter verarmen, auch deshalb, weil Menschen immer öfter mit Maschinen reden werden, aber Maschinen (noch) nicht über die selbe semantische Vielfalt verfügen wie der Mensch.

13. Wäre das elektromagnetische Spektrum durch einen Angriff lahmgelegt, würde unser Leben in die Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts zurückkatapultiert werden.

14. Kombiniert man Radartechnologie mit künstlicher Intelligenz, erhält sie kognitive Fähigkeiten.

15. Mit immer größerer Notwendigkeit müssen sich auch Sicherheitsexperten auf künstliche Intelligenz verlassen, die automatisiert Bedrohungen analysiert.

16. Die europäischen Staaten und ihre Unternehmen verbessern die Abwehr von digitalen Angriffen zwar stetig, aber die schiere Anzahl der Nadelstiche ist überwältigend. Und sie werden raffinierter.