"Krisen sind ein guter Grund, auf Wirtschaftsplanung zu setzen"

Ein Gespräch mit dem Politischen Ökonomen Philipp Dapprich über die Aktualität wirtschaftlicher Planung in Krisenzeiten.

Philipp Dapprich studierte Physik und Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie Politische Ökonomie an der University of Manchester, England. Seit 2016 Promotion und Lehre an der University of Glasgow, Schottland. Dapprich arbeitet derzeit an seiner Dissertation. Titel: "Rationality and Distribution in the Socialist Economy".

Sie beschäftigen sich im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der Universität Glasgow mit einem exotischen Thema, dem Aufbau einer Computersimulation einer Planwirtschaft. Gab es Probleme oder Widerstände bei der Realisierung dieses Vorhabens oder ist auch der wissenschaftliche Betrieb verstärkt auf der Suche nach ökonomischen Alternativen zum Status quo?
Philipp Dapprich: Aktiv auf der Suche ist man nicht, aber es gibt die Möglichkeit, sich mit alternativen Ansätzen auseinanderzusetzen. Bei mir war das Eigeninitiative. Einer meiner beiden Betreuer, der Computerwissenschaftler Paul Cockshott, beschäftigt sich seit langem mit dem Thema. Als ich ihm mein Projekt vorgestellt habe, war es für ihn also selbstverständlich, mich zu betreuen. Inzwischen ist er allerdings im Ruhestand.
Würde ich heute anfangen, hätte ich daher wahrscheinlich größere Probleme einen geeigneten Betreuer zu finden. Mein anderer Betreuer ist der liberale Philosoph Ben Colburn. Er kommt zwar aus einer anderen Richtung, ist aber aufgeschlossen gegenüber meinen Ideen. In einigen Punkten sind wir uns sogar einig. Manche Liberale sehen ein, dass sich ihre Ideale im Kapitalismus nicht verwirklichen lassen.
Finanziell wird meine Doktorarbeit durch ein Stipendium der Rosa Luxemburg Stiftung gefördert. Bei der "Rosa-Lux" passt mein Thema natürlich ins Programm.

"Warum den Markt nicht durch einen Algorithmus ersetzen?"

Das Thema Planwirtschaft schien angesichts der Erfahrungen mit dem real existierenden Sozialismus innerhalb des Wissenschaftsbetriebs als erledigt. Wieso haben Sie sich für dieses Thema entschieden?
Philipp Dapprich: Die Argumente gegen eine sozialistische Wirtschaftsweise überzeugen mich nicht und ich denke auch nicht, dass der Sozialismus aufgrund von verlorenen Debatten im Wissenschaftsbetrieb an Bedeutung verloren hat. Das entschiedenste Argument gegen die sozialistische Planwirtschaft ist wohl, dass diese im Vergleich zur Marktwirtschaft zu einem irrationalen und ineffizienten Einsatz von Ressourcen führen würde. Doch muss das wirklich so sein? Warum sollten wir den Markt nicht durch einen Algorithmus ersetzen können?
Gerade mit modernen Computern und dem Internet gibt es da enorme Möglichkeiten, welche noch nicht völlig ergründet sind. Ich möchte mit meiner Arbeit einen Beitrag dazu leisten.
Können Sie kurz die Grundzüge dieser simulierten Planökonomie darlegen, wie gestaltet sich konkret ökonomische Planung in dieser Simulation im 21. Jahrhundert?
Philipp Dapprich: Kern meiner Simulation ist das lineare Programmieren. Diese Methode zum Lösen von linearen Optimierungsproblemen wurde ursprünglich genau für die optimale Planung einer sozialistischen Wirtschaft entwickelt und zwar von dem sowjetischen Wirtschaftsnobelpreisträger Leonid Kantorowitsch.
Mit klassischer mathematischer Analyse lassen sich solche Probleme nicht lösen. Daher hat Kantorowitsch eine algorithmische Methode entwickelt, die sich schrittweise an eine optimale Lösung annähert. Ich habe mich für das lineare Programmieren entschieden, da dieses schon reif entwickelt ist. Mein Betreuer hat jedoch eine Optimierungsmethode entwickelt, die eine bessere Laufzeit hat und mit der also auch komplexere Probleme gelöst werden können.
Durch das lineare Programmieren wird unter gegebenen Bedingungen ein optimaler Produktionsplan berechnet. Das heißt, dass nach dem berechneten Plan mit den vorhandenen Produktionsmitteln so viel wie möglich hergestellt wird. Was an meiner Simulation neu eingeführt wurde, ist, dass die Art von hergestellten Produkten sich dynamisch an die Nachfrage der Endverbraucher anpasst.
Eine ähnliche Idee hatten mein Betreuer Paul Cockshott und sein Co-Autor Allin Cottrell schon in ihrem Buch "Alternativen aus dem Rechner". Sie benutzen dabei allerdings einen anderen Kostenindikator für Konsumgüter, nach dem sich entscheidet, ob von einem Produkt nun mehr oder weniger hergestellt werden soll. Bei ihnen waren das die klassisch marxistischen Arbeitswerte.
Ich benutze ein Maß für die Opportunitätskosten. Wenn wir Ressourcen wie Land, Maschinen und Arbeitskraft verwenden, um Äpfel herzustellen, dann können wir diese Ressourcen nicht mehr verwenden, um andere Sachen herzustellen. Diese Opportunitätskosten, also die verlorenen Möglichkeiten, sind meiner Meinung nach der beste Indikator für die Kosten eines Apfels. Das Schwierige war eine Methode zu finden, die Kosten verschiedener Produkte miteinander zu vergleichen.
Durch die Opportunitätskosten werden indirekt auch andere Faktoren wie der Verbrauch begrenzter Ressourcen oder auch umweltschädliche Emissionen mitberücksichtigt. In einigen Ausführungen meiner Simulation habe ich angegeben, dass Emissionen einen bestimmten Wert nicht überschreiten dürfen.
Eine solche Entscheidung könnten die Menschen in einer sozialistischen Gesellschaft bewusst treffen, um die Umwelt zu schonen. Durch eine solche Begrenzung der Emissionen steigen die Opportunitätskosten für emissionsreiche Güter wie Benzin oder Flugreisen dann aber, weil die verbrauchten Emissionsrechte nicht mehr anderswo zum Einsatz kommen können.

Was genau dabei berechnet wird

Können Sie unseren Lesern einige der genannten Begriffe erläutern, anhand von Beispielen konkretisieren? Wie berechnen Planer mittels linearen Programmieren einen optimalen Produktionsplan? Wie hätten wir uns eine solche Planwirtschaft vorzustellen? Und was sind Opportunitätskosten?
Philipp Dapprich: Für das lineare Programmieren gibt es inzwischen eine Reihe von Softwareanwendungen. Die meisten beruhen auf der sogenannten Simplex Methode, (entweder Symplexmethode oder Symplex- Methode) welche unabhängig von Kantorowitsch für das US Militär entwickelt wurde. Doch auch bei dieser Methode wird sich schrittweise an eine optimale Lösung angenähert.
Wie das genau abläuft, ist, denke ich, ist weniger interessant als das, was genau dabei berechnet wird. Optimieren heißt immer, dass der Wert einer mathematischen Funktion, genannt die Zielfunktion, maximiert wird. Die Zielfunktion gibt in meinem Modell an, wie viel Konsumgüter hergestellt werden sollen. Es soll also der Plan berechnet werden, mit dem am meisten hergestellt werden kann.
Dabei müssen aber bestimmte Randbedingungen berücksichtigt werden. Diese geben etwa an, wie viel Arbeitskraft, Ressourcen, Maschinen, usw. für ein bestimmtes Produktionsverfahren benötigt werden. Gleichzeitig sind die vorhandenen Ressourcen begrenzt. Der Produktionsplan darf nicht vorsehen, dass mehr fruchtbares Land für den Ackerbau verwendet wird, als tatsächlich vorhanden ist. Ebenso muss berücksichtigt werden, wie viele Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und wie lange diese arbeiten.
All diese Faktoren werden als lineare Ungleichungen formuliert. Eine solche Ungleichung sagt dann etwa, dass die verwendete Ackerfläche weniger oder gleich 10 Millionen Hektar sein muss, wenn nur so viel Fläche zur Verfügung steht. Wenn man die Zielfunktion und all diese Randbedingungen angegeben hat, kann der Computer mit Hilfe der Simplex Methode dann berechnen, welche Produktionsmethoden verwendet werden müssen, damit die Zielfunktion maximiert wird, also möglichst viele Konsumgüter hergestellt werden können.
Eine Sorge, die mir oft zu Ohren kommt, ist, dass es dabei kaum noch Mitbestimmungsmöglichkeiten für die Menschen gibt. Doch es gibt dafür bedeutende Möglichkeiten sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Der Optimierungsprozess soll nur dafür sorgen, dass die Entscheidungen der Menschen möglichst effektiv und ohne Verschwendung umgesetzt werden.
Wir können weiterhin entscheiden, was wir als Einzelne konsumieren wollen und der Plan wird dann daran angepasst. Gleichzeitig können wir als Gesellschaft festlegen, was die Randbedingungen sind. Zum Beispiel sollten wir wohl im Angesicht des Klimawandels unsere CO2 Emissionen deutlich begrenzen.
Auch die Arbeitszeit könnte durch demokratische Entscheidung begrenzt werden, wenn fortschreitende Automatisierung dies möglich macht. Dann würde bei der Berechnung des Plans etwa davon ausgegangen werden, dass jede Arbeiterin und jeder Arbeiter nur noch 30 Stunden statt 40 Stunden die Woche arbeitet.