Krisengewinner Amazon und die "Helden der Arbeit"

Auch bei Amazon Leipzig wurde gestreikt. Bild: Medien-gbr/CC BY-SA-3.0

Kommentar zu den Streiks an einigen Amazon-Standorten

Wochenlang wurde die deutsche Öffentlichkeit zuvor mit dem einmütigen nationalen Lob auf die "Helden des Alltags" bei Laune gehalten: "Helden", die uns alle in der schweren Krise versorgen und dabei extrem schlecht bezahlt werden - Supermarkt-Kassiererinnen, LKW-Fahrer, Altenpflegerinnen und natürlich auch die Kollegen im Versandhandel.

Amazon hat nun klargestellt, wie dieses Lob gemeint war. Erfinder und Haupteigentümer Jeff Bezos hat - im Unterschied zu vielen anderen Unternehmern - die Corona-Krise zwar prima nutzen können: Sein privates Vermögen ist seit deren Beginn um sage und schreibe 34 Milliarden größer geworden, weil Versandhandel in der Lockdown-Phase enorm zugelegt hat. Das ist für Amazon allerdings kein Anlass, die Spendierhosen anzuziehen und die "Helden", die in dieser Zeit beim Sortieren und Verpacken ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben, am Ende gar freiwillig besser zu bezahlen.

Ganz im Gegenteil. Amazon weist die Forderungen der Gewerkschaft Verdi, die sich ausgerechnet hat, im Zuge der "Corona-Solidarität" gute Verhandlungs-Karten zu haben, cool zurück und lässt es auch auf Streiks ankommen.

Um was geht es bei den Forderungen? Verdi und diejenigen, die mitgestreikt haben, richten sich gegen einiges, was bei Amazon üblich ist: Pinkelpausen werden mitgestoppt; wer keine Krankheitstage anmeldet, kriegt einen Bonus; Löhne werden gleich ohne Tarif oder nach Logistiktarif statt nach dem besseren Einzelhandelstarif gezahlt.

So sieht's offenbar aus im modernen Kapitalismus, Stand 2020: Druck machen beim Pinkeln, Leute triezen, auch noch krank zur Arbeit zu gehen, beim Lohnzahlen bescheißen. Keine noch so kleinliche Methode beim Lohndrücken wird offenbar ausgelassen, um die Firmenbilanz zu verbessern.

Das setzt Arbeitnehmer voraus, die sich das gefallen lassen müssen, sprich: erpressbar sind. Davon gibt es in Deutschland offenbar genug - schließlich hat der Staat mit seinen Hartz-Gesetzen dafür gesorgt, dass jedes noch so beschissene Arbeitsangebot angenommen werden muss. Und die nationalen Gewerkschaften haben das mitgetragen und damit Geschäftspraktiken wie bei Amazon überhaupt erst möglich gemacht.

Weil sie in Firmen dieser Art inzwischen weitgehend ausgemischt sind, lamentieren sie heute über die "schlimme Ausbeutung" und versuchen, wieder ein Bein in solche Betriebe zu bekommen - als ob der "Ausbeutung" damit zu Leibe zu rücken wäre, dass Pinkeln und Krankwerden zugesichert und die tarifliche Einstufung in diesem Unternehmen geändert wird. (Nebenbei: Für Arbeiter im Logistik-Bereich sind solche Löhne offenbar okay!)

Die Mehrheit der Amazon-Mitarbeiter schließt sich nicht mal diesen mehr als bescheidenen Forderungen an. Migrantische Arbeitskräfte trauen sich nicht und ihre deutschen Kollegen, die die Freiheit in diesem Land gerne über den grünen Klee loben, wissen offenbar genau, wo man sich was rausnehmen darf und wo das eventuell eher nicht angebracht ist. Oder sie haben "gelernt", dass gewerkschaftliche Organisation sowieso nix bringt und man mehr auf sich und den eigenen Lebenskampf setzen muss. Einige von ihnen erklären auch noch YouTube-öffentlich die Arbeitsbedingungen in ihrem Laden für völlig okay - und sind vermutlich noch nicht mal gekauft! (Renate Dillmann)