Kritik der paranoiden Vernunft

Schwarze Utopie und Feindbestimmung

Darin ähneln Verschwörungstheorien den Religionen, argumentiert der Experte Michael Butter (Tübingen). Verschwörungstheorien fungierten für moderne Menschen als eine Art Religionsersatz.

Denn sie erklären alles aus einer einzigen Einsicht, die sich, wie bei Religionen, nur Gläubigen offenbart. Sie "stiften Sinn und Identität" - also zwei Elemente, die viele Menschen, gerade Ungebildete und Angehörige abgehängter Teile der Gesellschaft in der "gott- und prophetenlosen Moderne" (Max Weber) vermissen.

Verschwörungstheorien sind Komplexitätsvermeidungsstrategien und Vereindeutigungsstrategien. Eine Abwehr des Zufalls. Der mit dem Zufälligen verbundene Kontrollverlust scheint eine der wesentlichen Ursachen für den Boom von Verschwörungstheorien zu sein. Katharina Nocun (siehe Literaturangaben am Ende des Artikels) schreibt:

"Es hat sich gezeigt, dass Menschen bei Elektroschocks weniger Schmerz empfinden wenn Sie das Gefühl haben, die Kontrolle über die Situation zu besitzen."

In einer zunehmend komplexer werdenden Welt bieten Verschwörungstheorien klare konsistente Erklärungen. Sie formen einen Raum, dieser Raum kann ein Generationsraum sein, er ist aber meistens ein Milieu- und Gesellschaftsraum.

Zum Beispiel eine Sekte, eine Partei, eine Klasse, eine regionale Herkunft. Verschwörungstheorie funktioniert als zusammenschweißendes und gemeinschaftskittendes Element, das zusammenführt - so wie es die Schwärmerei für einen Popstar tun kann oder das Fantum für ein Fußballclub.

Die Paranoia ist insofern auch eine Utopie, allerdings eine schwarze Utopie. Aber sie erfüllt die Hoffnung auf grundlegende Ordnung der Welt, auf das Anti-Chaos.

Feindbestimmung

Daher tauchen Verschwörungstheorien immer wieder besonders in Zeiten des Umbruchs auf: In der Spätantike (Heiden), im ausgehenden Mittelalter (Juden), im Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen (Freimauer, Illuminaten, Rosenkreuzer). Im 18. Jahrhundert kursierte das Gerücht, dass Wolfgang Amadeus Mozart von Freimaurern ermordet worden sei.

Die Theorie, dass der Dauphin "Ludwig XVII." noch lebe, war schon im ausgehenden 18. Jahrhundert und dann im frühen 19. Jahrhundert überaus populär, ebenso die Theorie von der Wiederkehr von Napoleon Bonaparte.

Im deutschen Zusammenhang wäre auch an die absurde Episode zu erinnern, dass kein anderer als Heinrich Himmler einst eine deutsche Expedition in den Himalaya schickte, um dort nach dem heiligen Gral zu suchen.

Die wohl berühmteste Verschwörungstheorie ist längst als Fälschung entlarvt, aber ungebrochen wirksam: Die "Protokolle der Weisen von Zion", eine russische Schrift aus dem Jahr 1903, die ein fiktives Komplott der "Führer des Weltjudentums" konstruiert, wurde zur einflussreichsten Programmschrift des Antisemitismus. Einst beriefen sich die Nazis in ihrem Mordfuror auf die "Protokolle", heute ist es die palästinensische Hamas.

Gerade dieser Topos von der "Jüdischen Weltverschwörung" erlebt in den Tagen von Corona schlagartig eine überraschende Aktualität: In ihrem Buch "Corona und die Demokratie. Eine linke Kritik" schreiben die Verfasser zu dem "sich in diesen Tagen formierenden Querfront-Milieu aus rechten, rechtsextremen, neu-rechten und weiteren unappetitlichen Kräften":

Es gibt weltweit neo-nazistische, islamistische und weitere antisemitische Diffamierungen, die Juden oder Israel mit Covid-19 in Beziehung setzen, was man z.B. in Karikaturen sehen kann.

Gerald Grüneklee, Clemens Heni, Peter Nowak

Beispielhaft zeigt sich hier, dass jede Verschwörungstheorie auch der Mythos eines Feindes ist, der diesen Feind stärker macht, und zum großen Gegner aufbläst, gegen den jedes Mittel recht ist.