Kritik der paranoiden Vernunft

Distinktionsgewinn und die "Matrix"

Verschwörungstheorien sind aber nicht immer alternative Erklärungen und nicht immer eine Minderheitenmeinung. Mitunter sind sie sogar eine Mehrheitsmeinung. Andererseits sind sie vielleicht nur sektiererische Theorien.

Katharina Nocun und Pia Lamberty unterscheiden zwischen Verschwörungsmythos, also einem generellen Narrativ, Verschwörungserzählung, also einem konkreten Narrativ, und Verschwörungsmentalität, also der Bereitschaft an die beiden Narrative zu glauben.

Warum funktionieren Verschwörungstheorien außerdem? Zum einen wegen des Distinktionsgewinns. Der Wert einer Verschwörungstheorie besteht darin, sich von anderen zu unterscheiden. Zweitens wegen ihrer Schönheit: Eine Verschwörungstheorie kann ein attraktiver Lebensentwurf sein. Sie kann sexy sein, zugleich "geht es um mehr". Die Kombination aus Poesie und tieferem Wissen.

Der Träger der geheimen Botschaft und des höheren Wissens bekommt Aufmerksamkeit und Zustimmung, oft Gefolgschaft. Er wird zum Führer, zur Avantgarde einer Filterblase. Verschwörungstheorien sind anschlussfähig. Sie öffnen manche Türen, und sie hinterlassen ein Echo in der Mainstream-Kultur.

Die Verschwörung des Kinos

Eigentlich war das ganze 20.Jahrhundert eines der Verschwörungstheorien. Im Kalten Krieg, angesichts ständiger Angst vor dem Atomkrieg und Furcht vor kommunistischer Spionage und Infiltration boomten die Vorstellungen von unterwanderten Gesellschaften und "5. Kolonnen"; von großen Geheimplänen und Weltherrschaftsphantasien; von "Körperfressern" und "Gehirnwäschen", die die Menschen ihrer Individualität beraubten oder "umprogrammierten.

"Manchurian Candidate", auf Deutsch "Kandidat der Angst" von John Frankenheimer ist so eine prototypische Kalte-Kriegs-Paranoia: Ein Amerikaner wird zu einer kommunistischen Mordmaschine und um ein Haar US-Präsident. Eine böse Mutter ist auch noch mit von der Partie - private Paranoia zur Hoch-Zeit der Psychoanalyse. Glücklicherweise ist Frank Sinatra noch da, um das Schlimmste zu verhindern.

Ein gutes Jahrzehnt später dann, genau um das Ende des Vietnam-Kriegs und den Watergate-Skandal gab es eine zweite Welle: In Filmen wie "Die drei Tage des Condor" waren die Helden unschuldige, idealistische Identifikationsfiguren, die zufällig zum Opfer eines großen, anonymen, bösen Systems wurden.

Natürlich gab es auch Vorläufer. Denn das Kino liebt Verschwörungstheorien. Filme als Medium Nummer eins der Popkultur zeigen uns einen bestimmten Blick auf die Welt, eine spielerische Weltdeutung. Man könnte daher die komplette Kino-Geschichte entsprechend erzählen, seit Filmen wie der "Dr. Mabuse"-Trilogie von Fritz Lang oder "Birth of A Nation" von D.W.Griffith.

Der ultimative Film zu diesem sehr aktuellen Thema ist und bleibt für die heute Lebenden aber ein Film von 1999: "Matrix" von den Brüdern Wachowski. Der ist nun zwar auch schon über 20 Jahre alt, aber er wirkt kaum gealtert.

Denn "Matrix" hat nicht nur das Leben erklärt, und alle vor die insgeheime Wahl gestellt zwischen einem leckeren saftigen, wenn auch nur eingebildeten Steak, dem Wohlfahrtsstaat sozusagen, und einem Leben in der bitteren, harten, rauen, schmutzigen Wahrheit des neoliberalen Überlebenskampfes. Rote Pille oder blaue Pille - es schien unsere Entscheidung.

"Matrix" hat uns vor allem wieder an die Ästhetik der Paranoia erinnert: Irgendetwas ist da über einem, überall, man steht unter Verdacht; gleich aussehende entpersönlichte Männer in grauen Anzügen, verfolgen einen, und wir alle spüren es: Nichts ist wie es scheint. Alles ist Simulation.

Das Ende der Geschichte?

Das war am Ende der - lang ist's her - friedlichen, lustigen 1990er Jahre, und jener Epoche, als uns manche Philosophen und ideologische "Meisterdenker" (André Glucksman, Joachim C. Fest) für ein paar Jahre weismachen wollten, Utopien seien jetzt endgültig ausgestorben, und das "Ende der Geschichte" sei auch gekommen: Auf ewig würde man nun in einem liberalen, demokratischen Universum leben, friedlich und hedonistisch nebeneinander her. Alles war Spaßkultur, alles Erlebnisgesellschaft, nur der blöde Bürgerkrieg in Jugoslawien störte noch ein bisschen.

Alles war erlaubt - genau darum kamen nun plötzlich lauter Filme ins Kino, die behaupteten, dass es noch etwas anderes gäbe: Eigentlich, irgendwo da draußen. "Akte X" als Serie und dann im Kino machte daraus einen Slogan: "The Truth is Out There". Wir leben im falschen Leben, wir werden getäuscht, die Wahrheit ist da draußen. Im Kino hießen die Besten dieser Filme zum Beispiel "Fight Club", "Truman Show", "Lost Highway" oder gleich "Conspiracy Theory".

Eine Sehnsucht nach Bedeutung, ein Sinndefizit zeigt sich hier. Auch ein gewisser Überdruss. All das brauchte etwas von Draußen, um die Welt noch zu erklären: den großen Geheimplan, die "Matrix".

Warum liebt der Film, das Kardinalmedium der Popkultur, Verschwörungstheorien so sehr? Weil beide ein unzertrennliches Paar bilden: Erst Filme liefern der Paranoia ihr Design. Graue Tage, Neonnächte. Die leuchtend-grüne Matrix auf schwarzem Grund.

Schön und witzig

Das Kino liebt Verschwörungstheorien aber vor allem, weil sie schön und witzig sind. Weil sie spannende Geschichten erlauben. Weil sie die Welt aufregend umstürzen, und ihnen alles möglich ist. Weil sie Spaß machen. Man muss sie ja nicht ernst nehmen, nicht als ihr Anhänger, aber schon gar nicht als ihr Gegner.

Durch die Erfahrungen des Kinos könnten wir im Gegenteil lernen, das jede Paranoia relativ ist, und dass sie in der Regel weder irre ist noch gefährlich, sondern interessant, weil sie uns Werkzeuge liefern zur Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.

Verschwörungstheorien sind kein Diskurs, sondern ein Effekt. Sie bieten ein Entwurf zur Welterklärung, der oft fertig und vereinfacht ist, manchmal aber auch fragmentiert und verkomplizierend. Man muss ihn annehmen oder ablehnen.

Verschwörungstheorien füllen ein Sinndefizit auf und reagieren auf die Entzauberung der Welt. Das tut auch das Kino. Es leistet die Wiederverzauberung der Welt. Wer hat wirklich Angst vor "Matrix"?