Kritik wider die Gesellschaft des Spektakels

Ausstellung über Guy Debord im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe

Der Wandel der Medienkultur in ein Zeitalter der medialen Nicht-Information ruft eine Gruppe in das Bewusstsein zurück, die bereits vor vierzig Jahren deren negative Entwicklung vorhergesehen hatte. Die Situationistische Internationale (SI) wurde 1957 von Künstlern und Theoretikern gegründet. Ihr Sprecher und nach ihrer Auflösung auch Nachlassverwalter war Guy Debord, der mit seinem Werk "Die Gesellschaft des Spektakels" die Ziele in 221 Thesen zusammenfasste. Mit dem Leben und Wirken Debords sowie der SI beschäftigt sich eine Ausstellung im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe. "Der Agent der Kritik gegen ihre Anerkennung" - so Titel der Ausstellung - unterstellt der Gesellschaft die Zerstörung des Individuums. Der Einzelne wird zum Konsumenten degradiert, der isoliert vom Produzenten mit vermeintlich nützlichen Waren versorgt wird, die wiederum zu weiterem Konsum anregen sollen.

Genaugenommen wird der Warenwert entmaterialisiert, so jedenfalls schließt Debord. Wichtigstes Warengut wird die Zeit, die für sich selbst wirbt. Damit beschreibt er das neue Konsumgut des Mediums an sich. Wem es gelingt, den Konsumenten - also den Zuschauer - an sich zu binden, kontrolliert somit auch dessen Konsumverhalten. Verkauft wird ausschließlich eine nicht greifbare Produktion, die den Augenblick nicht überdauert: Das Spektakel.

Guy Debord

Verständlich, dass gerade Künstler in den 50er und 60er Jahren das Problem dieses marxistisch orientierten Warentausches erkannten und kritisierten. Wenn die Ware in den Hintergrund rückt und gänzlich von einem detaillierten Werbeprozess für weitere Konsumgüter eingenommen wird, verliert die Gesellschaft an Substanz. Das Individuum wird von den übrigen Gesellschaftsmitgliedern isoliert. Mit radikalen Aktionen versuchten die Situationisten nun, dieser Entwicklung entgegenzuwirken und wieder die gemeinsame Genussfähigkeit zu wecken. Damit trugen sie maßgeblich zur Expansion des Aufstandes im Mai 1968 in Frankreich bei.

Die Ausstellung selbst ist als unübersichtliches Sammelsurium verschiedenster Bild- und Tondokumente inszeniert, die einen kleinen Auszug aus dem Schaffen der SI widerspiegelt. Dieses vermeintliche Chaos soll zum Herumschlendern anregen. Und das ist auch einer der Leitgedanken der Gruppierung. Dériver - abschweifen, sich gehen lassen in einer streng durchorganisierten Welt mit dem schließlich wieder erfahrbaren Lebensgenuss als letzte Instanz.

Konzipiert wurde die Ausstellung im ZKM von Roberto Ohrt. Als Autor von Büchern wie "Phantom Avantgarde: eine Geschichte der situationistischen Internationalen und der modernen Kunst" (1990) oder "Das große Spiel : Die Situationisten zwischen Politik und Kunst" (1999) beschreibt er die Aktionen der SI und ihre Einflüsse weit über Frankreichs Grenzen hinaus. Ohrt versuchte mit seiner Ausstellungsstruktur die SI zu zeigen, wie sie von der damaligen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Die Mitglieder zeigten sich kaum in der Öffentlichkeit, formierten sich zu mystischen Gestalten, die ihre Gedanken und Kritiken durch Wort, Bild und Schrift vermittelten. Pamphlete, Schallplatten oder Film waren in ihren Augen Medien, die den Augenblick, die Situation bannen konnten und so die reinste Wiedergabeform der Realität darstellten.

Die Gruppierung bestand bis 1972 und diente zahlreichen Kunstrichtungen und Architekturströmungen à la Costands "New Babylon" als Vorbild. Avantgarde, Punk-Bewegung und Experimentalfilm sind nur einige wenige Beispiele für den Einfluss der SI auf zukünftige Künstler- und Szene-Gruppierungen. Das Buch "Fin de Copenhague" aus dem Jahr 1957, von dem dänischen Maler Asger Jorn erstellt, zeigt sich gerade heute als wichtiges historisches Scharnier. Es enthält Signale der New York School zusammen mit denen der Pop-Art, die ihre Zeichen allerdings erst noch entdecken sollte.

Es stellt sich die Frage, inwieweit sich die SI und ihr Handeln rechtfertigen kann. Vielleicht darf die Radikalität, die sie nach außen hin repräsentiert, nicht zu streng bewertet werden. Denn wie schon Jürgen Habermas in seinem Band "Kultur und Kritik" (1973) bemerkt, kann eine tatsächliche Revolution nur durch eine aufgewühlte Masse entstehen, die sich durch die expandierte soziale Ungleichheit an den Rande ihrer Existenz gedrängt sieht. Der entscheidende Hinweis durch einen avantgardistischen Intellektuellen kann zum Ausbruch der Revolution führen. Und letztendlich lag es auch an den radikalen Aktionen der Situationistischen Internationalen, dass die Situation im Mai Ž68 in Frankreich eskalierte.

Die SI-Mitglieder waren auch Künstler, die eine neue, reine und unabhängige Vermittlungsform suchten. Dabei bedienten sie sich durchaus verschiedener, bereits bestehender Medienformen, die sie so stark kritisierten. Mitbeeinflusst von den Surrealisten entfremdeten sie diese dermaßen, dass ihre Rohform unkenntlich wurde. Kunst musste sich selbst genügen, fernab jeglicher gesellschaftlicher Konvention. Äußere Einflüsse müssen eliminiert werden. Das freie Spiel mit der Materie soll eine unabhängige Kunstform schaffen. Für Folgeströmungen, die das Denken der SI zum Vorbild nahmen, eine schwierige Situation: das Dilemma der Reproduktion des Kunstwerks im Zeitalter der Massenmedien.

Es ist schon von erschreckender Ironie, dass das für Freitag, 28., und Samstag, 29. September, angesetzte Symposion zur Ausstellungseinführung kurzfristig auf das Frühjahr 2002 verschoben werden musste, da fast alle Referenten aus den USA ihre Teilnahme abgesagt haben. Moralisch verständlich, entwickeln Medienkritiker diese Abneigung gegen die einseitige US-amerikanische Berichterstattung, die bereits von der SI beklagt wurde. So manchem Fernsehsender wird dabei vorgeworfen, als uneingeschränktes Sprachrohr der US-Regierung zu fungieren.

Einseitig und staatlich kontrolliert sieht manch einer von ihnen die aktuelle Situation in den Medien, ungeachtet der schrecklichen Wirklichkeit eines drohenden Krieges, deren Informationen der durchschnittliche Bundesbürger - so drückte es jedenfalls der Soziologe Niklas Luhmann in "Die Realität der Massenmedien" (1995) aus - nur als Second-Hand-Wissen vermittelt bekommt. Debord bezeichnet die Gesellschaft nicht zuletzt aus dieser Problematik heraus als die "Gesellschaft des Schlafes". Damit kritisiert er, dass die meisten Individuen die durch Medien vermittelten Inhalte unreflektiert rezipieren. Und dies ungeachtet dessen, dass eben diese Inhalte unwahr sein könnten. (Oliver Langewitz)