Kritische Anmerkungen zur Urlegende moderner Verschwörungstheorien

Ein Porträt von Cecil Rhodes anlässlich seines 150. Geburtsjahres - und wie seine Pläne für eine Geheimgesellschaft in den Startlöchern stecken blieben

Es gehört zum Standardrepertoire des "gut informierten" Verschwörungstheoretikers: 1891 sei in London eine bis heute aktive Geheimgesellschaft gegründet worden, die auf die Geschicke des 20. Jahrhunderts enormen Einfluss genommen habe. Aus dieser Gruppe sei der Council on Foreign Relations, die Trilaterale Kommission und die Bilderberger-Konferenz hervorgegangen. Wie immer steckt der Teufel im Detail, und zwar schon in den Anfängen. Soll der Begriff "Geheimgesellschaft" seines Sinngehalts nicht entleert werden, ist die These von einer von Cecil Rhodes gegründeten, funktionierenden Geheimgesellschaft kaum haltbar.

Cecil Rhodes

Der am 5. Juli 1853 in England geborene Cecil John Rhodes ist bis heute eine der schillerndsten und umstrittensten Gestalten des britischen Imperialismus. "Afrikas Held und Schurke" (FAZ) betrat den Kontinent erstmals 1870 als 17-Jähriger, um auf der zwanzig Hektar großen Baumwollplantage seines Bruders Herbert im Umkomaastal im Landesinnern der Kapkolonie zu arbeiten. Nach nur einem Jahr zog es ihn in das 400 Meilen entfernte Colesberg kopje, das rasend schnell zum Zentrum des einsetzenden Diamantenrausches im südlichen Afrika avancierte. Rhodes wollte dabei sein und sein Glück als Diamantenschürfer versuchen.

Knapp zwanzig Jahre später, 1889, gewann Rhodes mit Unterstützung von N.M. Rothschild & Sons in Paris die letzte Übernahmeschlacht im Diamantengeschäft. Der vor Ort stets in Zelten und staubigen Hütten logierende Rhodes kontrollierte jetzt über die von ihm gegründete DeBeers Consolidated Mining Company über 90 Prozent aller damals bekannten Diamantenminen der Welt. Zudem war seine Consolidated Gold Fields zeitweise der weltweit größte Goldkonzern. Mit seiner charismatischen Persönlichkeit gelang es ihm, Minen- und Finanzmagnate, Geschäftspartner und Freunde in den Dienst seiner Ideen zu stellen, sie in seinen Bann zu ziehen.

Rhodes diente das Geschäft nur als Mittel, um seine politischen Visionen voranzutreiben: eine vereinigte südafrikanische Republik und die Ausdehnung des britischen Empire vom Kap bis nach Kairo. Die frühen Testamente des im Juni 1877 in die Appollo-Loge in Oxford aufgenommenen Hochgradfreimaurers und Oxford-Absolventen erregen noch heute Aufsehen unter Verschwörungstheoretikern. In diesen später von anderen Testamenten abgelösten Dokumenten bestimmte Rhodes sein Vermögen dem Aufbau einer Geheimgesellschaft, mit der die Vereinigung des anglo-amerikanischen Raums verwirklicht und "der Aufbau von einer so großen Macht" erreicht werden sollte, "um Kriege unmöglich zu machen und das beste Interesse der Menschheit" zu fördern.

Der Kulturphilosoph Oswald Spengler sah Cecil Rhodes als einen "Cäsaren", als "den ersten Mann einer neuen Zeit". Nicht zuletzt mit der finanziellen Macht als drittgrößter Anteilseigner der DeBeers ausgestattet, organisierte Rhodes auf eigene Faust Treks, Expeditionen und militärische Vorstöße ins Bechuana- und Matabeleland, zu den Mashonas und Barotse, bis hin zum Lake Tanganyika. Rhodes wollte Belgiern, Portugiesen, Deutschen und Buren im Wettlauf um das Landesinnere des südlichen Afrikas zuvorkommen und ließ sich von örtlichen Machthabern wie dem Matabele-König Lobengula unter abenteuerlichen Umständen exklusive Konzessionen ausstellen. Kriegerischer Widerstand etwa der Shona oder Ndebele wurde mit Hilfe von Maxim-Schnellfeuergewehren, den ersten dieser Art, militärisch schnell niedergeschlagen.

Zuletzt sah sich die britische Regierung 1889 praktisch dazu gezwungen, seine British South Africa Company mit einer königlichen Autorisierung auszustatten. Die königliche Unterschrift, die Rhodes als reine Formalität betrachtete, wurde am 29. Oktober 1889 gewährt. Die Macht, die der British South Africa Company verliehen wurde, war enorm. Sie konnte mit quasi hoheitlicher Befugnis im südlichen Afrika oberhalb von Bechuanaland operieren, ohne nördliche Begrenzung. Sie konnte Polizeitruppen aufstellen, Handel und Bankgeschäfte betreiben, öffentliche Aufgaben wahrnehmen, Infrastruktur aufbauen, Konzessionen und Verträge abschließen, Gesetze erlassen und "den Frieden erhalten".

Eine Goldgrube war die Company allerdings nicht. Auch die weitreichenden Hoheitsbefugnisse bewahrten die Gesellschaft nicht davor, in einigen Fällen nur knapp am Bankrott vorbeizuschlittern. Nichtsdestotrotz, ein Land, größer als Frankreich, England und Deutschland zusammen, bekam letztendlich Rhodes' Namen: Rhodesien.

1890 bis 1896 amtierte Rhodes mit Unterstützung des burischen Afrikaner Bonds als Premierminister der Kapkolonie. Der Historiker Wolfgang Mommsen betrachtet Rhodes und seine "chartered Company" als einen "besonders herausragenden Fall", wie weiße Siedler, Kaufleute, Militärs und Diplomaten in Übersee auf eigene Initiative und oft gegen den erklärten Willen der Regierungen in den Metropolen den territorialen Landnahmeprozess rücksichtslos vorantrieben.

Paul Kruger

Der patriarchale Präsident der Burenrepublik Transvaal, Paul Kruger, war einer der hartnäckigsten Gegner von Rhodes' Vision eines vereinigten Südafrikas unter britischer Fahne. Er wollte das Landesinnere vielmehr unter eigene, burische Kontrolle bringen. Kruger verweigerte sich einer engeren Kooperation mit der Kapkolonie, versagte den immer zahlreicher in den Transvaal immigrierenden Briten Wahlrecht, Mitbestimmung und Pressefreiheit und bürdete ihnen heftige Steuern auf. Nach der Entdeckung der immensen Goldvorkommen um Johannesburg im Transvaal begann Rhodes, auf dem Höhepunkt seiner Macht, einen finalen Schachzug gegen Kruger und seine stärker werdende Republik einzufädeln.

Aufständischen "uitlanders" aus den Reihen des Reformkomitees in Johannesburg sollte durch eine Invasion zu ihren Rechten verholfen und Kruger gestürzt werden. Der Weg wäre frei zur Umwandlung des Transvaal in eine britische Kolonie. Der vorzeitige und eigenmächtige Einmarsch von Rhodes' Statthalter in Bechuanaland, dem Arzt und Abenteurer Leander Starr Jameson, scheiterte mit einer lächerlichen Invasionstruppe von 494 Mann katastrophal. Kruger behielt die Lage in Johannesburg und im Land unter Kontrolle. Rhodes musste als Premierminister und vorübergehend auch als Konzernchef abtreten und sich vor einem Untersuchungsausschuss in London verantworten. Die "Jameson Raid" hinterließ eine tief gespaltene Region, war es doch ausgerechnet die "Integrationsfigur" Rhodes, die den Buren in den Rücken gefallen war. Bis zu seinem Tod 1902 widmete sich Rhodes wieder stärker der Ausdehnung nach Norden, den Zenit seiner Macht aber hatte der zeitlebens unverheiratete Mann 1896 überschritten. In der Biographie von Robert Rotberg und Miles Shore von 1988 wird Rhodes' homosexuelle Neigung erstmals in aller Offenheit diskutiert.

Durch Rhodes' letztes, siebtes Testament von 1899, dem bis zu seinem Tod fünf handschriftliche Nachträge und Änderungen folgten, wurde mit einem Großteil seines Vermögens eine bis heute aktive Stiftung ins Leben gerufen: der Rhodes Trust. Entgegen aller Legenden war die Summe zwar beträchtlich, aber keineswegs astronomisch hoch. Die Rhodes-Biographen J. G. Lockhart und C. M. Woodhouse sprechen von 3.383.691 Pfund, die nach der Abwicklung 1907 auf den Trust übergegangen seien.

Anthony Kenny, Sekretär des Rhodes-Trust von 1989 bis 1999, gibt in einem geschichtlichen Rückblick an, dass das Stiftungsvermögen 1914 mit etwa 3,4 Millionen Pfund bewertet worden sei, ein Drittel davon immer noch DeBeers-Anteile. An der Kaufkraft gemessen entspricht dieser Wert heute etwa 267 Millionen Euro. John D. Rockefeller von der Standard Oil Company zum Vergleich verfügte um 1905 um ein Vermögen von etwa 200 Mio. US-Dollar, in heutiger Kaufkraft ca. 3,5 Mrd. Euro. In den folgenden Jahren wuchs es noch auf mehr als das Fünffache an. Im Gegensatz zu Rockefeller häufte Rhodes Geld und materiellen Besitz nicht systematisch an. Was er hatte, verteilte er schnell wieder, oft auf leichtsinnige, unbedachte und in vielen Fällen auch auf generöse Weise. Obwohl sich sein Einkommen in den letzten Lebensjahren auf etwa 250.000 Pfund jährlich belief, war sein Konto bei der Standard-Bank meistens überzogen, wie Rhodes' letzter Privatsekretär (1894-1902) Philip Jourdan in seinen Erinnerungen berichtet.

Rhodes hat der Geschichte des südlichen Afrika, der Diamantenindustrie und dem britischen Imperialismus seinen Stempel aufgedrückt, seinen Traum einer Eisenbahnverbindung zwischen dem Kap und Kairo konnte er nicht verwirklichen. Die Gründung der Südafrikanischen Union erlebte er nicht mehr - und diese geriet ironischerweise schnell unter burische Oberhand. Mit seinem Namen wird heute vor allem das renommierteste Stipendium im anglo-amerikanischen Sprachraum verbunden: das vom Rhodes-Trust vergebene Rhodes-Stipendium, gestiftet durch Rhodes' letztes Testament.

Vermeintlich "gut informierte" Verschwörungstheoretiker meinen zu wissen, dass dieses Stipendiatenprogramm Teil der von Rhodes in seinen ursprünglichen Testamenten geplanten Geheimgesellschaft sei. Kronzeuge und einzig zitierfähiger Vertreter dieser Theorie ist der 1984 verstorbene Professor Carroll Quigley. Andere ernstzunehmende Autoren nehmen schlicht an, dass sich Rhodes in seinem späteren Leben von den Verschwörungsplänen in den früheren Testamenten emanzipiert habe. Quigleys Darstellung, dass 1891 unter tragender Rolle Cecil Rhodes' eine noch immer funktionierende Geheimgesellschaft gegründet worden sei, zieht bis heute standardmäßig und undifferenziert ihre Kreise in mehr oder weniger zweifelhafter Verschwörungsliteratur aller Couleur - so etwa bei Amnon Reuveni, Dieter Rüggeberg, Jan Udo Holey, Armin Risi und Hans Werner Wolterdorf, um nur einige deutsche Beispiele zu nennen. Wenn nicht von Quigley selbst, haben diese letztlich wohl alle direkt oder indirekt von Gary Allens Verschwörungsklassiker "Die Insider" von 1971 abgeschrieben.

Carroll Quigley

Der etwas exzentrische Quigley ist am Rande eines irischen Ghettos in Boston aufgewachsen, seine Kurse über die Zivilisationsgeschichte an der Universität Georgetown galten als legendär. In diesen verunglimpfte er zum Beispiel Platon als Vorläufer der Nazis. Nach verbalen Triaden gegen Platons "Staat" warf er das Buch regelmäßig aus dem geöffneten Fenster des Vorlesungssaals im zweiten Stock, gelegentlich schrie er "Sieg Heil!" dabei. Damit erreichte er zumindest die Aufmerksamkeit der Studenten, die nicht selten bis in den Abend hinein seine Angriffe auf Platon diskutierten. Einer davon war der 1964 in die School of Foreign Service an der Georgetown Universität eingetretene Bill Clinton, der später als Rhodes-Stipendiat nach Oxford ging und im November 1992 zum 42. Präsidenten der USA gewählt wurde. In seiner Rede zur Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokraten würdigte Clinton den geistigen Einfluss seines früheren Professors in Georgetown ausdrücklich.

Die Rhodes-Stipendien, durch die Bestimmungen von Cecil Rhodes' siebtes Testament eingerichtet, kennt jeder. Nicht so allgemein bekannt ist, dass Rhodes in fünf vorhergehenden Testamenten sein Vermögen zur Bildung einer Geheimgesellschaft bestimmte, die sich der Erhaltung und Erweiterung des britischen Empire widmen sollte. Und was niemandem bekannt zu sein scheint ist, dass diese Geheimgesellschaft von Cecil Rhodes und seinem wichtigsten Treuhänder, Lord Milner, errichtet wurde und bis zum heutigen Tage existiert.

Mit diesen Worten beginnt Quigley sein Buch "The Anglo-American Establishment", eine äußerst detaillierte Untersuchung von Beziehungsfäden in der britischen Politik, vor allem in der imperialen Außenpolitik des Empire, etwa von 1880 bis 1945. Darin versucht er darzustellen, wie ein bei Cecil Rhodes beginnendes Beziehungsnetzwerk "mehr als fünfzig Jahre lang eine der wichtigsten Kräfte in der Formulierung und Ausführung der britischen imperialen und Außenpolitik" gewesen sei. Der Einfluss dieses Netzwerks sei so groß, dass die Geschichte des 20. Jahrhunderts ohne seine Kenntnis kaum zu verstehen sei, schrieb Quigley in seinem voluminösen Buch "Tragedy and Hope". Tatsächlich lassen sich Verbindungen zwischen Rhodes, den späteren Round-Table-Gruppen, dem Council on Foreign Relations bis hin zur Trilateralen Kommission und den Bilderberg-Konferenzen herstellen. Eine gesteuerte Verschwörung in der Hand einer "Geheimgesellschaft" dagegen ist fraglich. Es gibt deutliche Hinweise, dass Quigleys Verschwörungsthese schon in den Anfängen auf Sand gebaut ist, will man den Begriff "Geheimgesellschaft" wirklich ernst nehmen. Statt Quigleys Behauptungen ständig zu wiederholen, ist deshalb eine kritische Auseinandersetzung angezeigt.

Die tragenden Figuren der "an einem winterlichen Nachmittag im Februar 1891" in London gegründeten Geheimgesellschaft, nämlich Cecil Rhodes, Alfred Milner und William T. Stead, verfolgten ebenso wie andere Personen im Beziehungsgeflecht um Rhodes durchaus unterschiedliche, ja sogar kollidierende Interessen. So arbeitete Milner beispielsweise 1883 bis 1885 als assistant editor unter Stead bei der Pall Mall Gazette, einer seiner Gründe nach zwei Jahren wieder aufzuhören, waren ständige Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vorgesetzten. Sie blieben aber gut befreundet. Wegen der Differenzen in der Haltung zum Burenkrieg - Stead heftigster Gegner, Milner als britischer High Commissioner in Südafrika einer der wichtigsten Antreiber des Konflikts - kühlten sich die Beziehungen später allerdings merklich ab. Selbst nach dem offiziellen Kriegsende am 31. Mai 1902 dauerte die Distanzierung an, was die tiefe Verbitterung verdeutlicht. Zwischen März 1904 und Januar 1907 beispielsweise brach der Kontakt wegen eines kritischen Vortrags von Stead vollständig ab, wie anhand der privaten Korrespondenz nachgewiesen werden kann - schlechte Voraussetzungen, um eine Verschwörung in Gang zu halten.

Als Rhodes 1896 nach London zur Untersuchungskommission in der Jameson-Affäre reiste, forderte Stead ohne Umschweife seine Verhaftung und eine Gefängnisstrafe: "Ich war äußerst begierig ihn im Gefängnis zu sehen und machte aus meinem Verlangen auch keinen Hehl", schrieb Stead damals. Stead wurde berühmt mit einer sensationellen Artikelserie über Kinderprostitution in London und gilt als Pionier des modernen investigativen Journalismus. Sein Bericht mit dem Titel "The Maiden Tribute of Modern Babylon" (Das Jungfrauenopfer des modernen Babylon), in dem er vom Kauf eines Strichjungen für 5 Pfund berichtete und dafür ins Gefängnis wanderte, wirkte sich auf die Strafrechtsreform von 1885 aus, den berüchtigten Criminal Law Amendment Act, der schließlich Oscar Wilde ins Gefängnis brachte.

Rhodes und Stead trafen sich erstmals am 4. April 1889 zu einem dreistündigen Gespräch in der Cape Agency in London. Hauptgesprächsthema: "Ein Plan für die Ausweitung britischen Einflusses in jedem Teil der Welt durch das Netz einer kleinen Gruppe von aktiven Idealisten, die eng miteinander kooperieren". Beide waren von der Idee einer Geheimgesellschaft begeistert. Stead, der am 15. April 1912 beim Untergang der Titanic starb, war in England allerdings einer der glühendsten und aktivsten Unterstützer der von Zar Nikolaus II. vorgeschlagenen Abrüstungs- und Friedensinitiative, die 1899 in der ersten Haager Friedenskonferenz mündete und den Weg zur Haager Landkriegsordnung von 1907 ebnete.

"Als es zur Frage eines Krieges in Südafrika kam, konnte Stead die Situation nicht richtig beurteilen, weil er frisch von einer Friedenskonferenz kam und in einem derartigen Ausmaß von der Friedensidee eingenommen - ja tatsächlich besessen war, dass seine Urteilskraft pervertiert wurde", soll Jameson geäußert haben. Der Burenkrieg führte zu einer klaren Distanzierung, aufgrund der Rhodes Stead als Treuhänder aus seinem Testament strich.

Außerdem fand Rhodes den mit Okkultismus befassten Journalisten "zu exzentrisch", vor allem im Hinblick auf seine "Gespenstermanie". Rhodes beschuldigte Stead der Auflehnung, einer Art von Illoyalität, wie er sie immer als Hindernis ihrer Geheimgesellschaft gesehen habe. Die 1891 geplante Geheimgesellschaft, so urteilt Stead-Biograph Frederic Whyte wohl zutreffend, wurde eine Totgeburt. Dafür gibt es weitere Hinweise.

Auch die Verbindung mit den Rothschilds lief nicht nur zum Besten. Während eines Besuchs in London 1891 sprach Rhodes mit dem in homosexuellen Kreisen bestens vernetzten Reginald Brett (später Lord Esher) über die Idee einer auf dem Schneeball-Prinzip basierenden Geheimgesellschaft. Bei dieser Gelegenheit äußerte Rhodes, dass Nathan Rothschild zwar ehrlich sei, aber nicht genug "Köpfchen" habe. "Der Gedanke plagt mich manchmal", erklärte er, "dass, wenn ich sterbe, mein Geld in die Hand eines Mannes fallen wird, der vollkommen unfähig ist, meine Ideen zu verstehen."

Selbst Quigley räumt ein, dass Rothschild der Idee einer Geheimgesellschaft indifferent gegenübergestanden habe. Als Rhodes den Bankier als Treuhänder seines Erbes aus einem der früheren Testament strich, waren die Gründe sicherlich nicht - wie von Verschwörungstheoretikern unterstellt - "strategischer", sondern grundsätzlicher Natur. Ob der statt dessen eingesetzte Schwager von Rothschild jemals in Rhodes' Sinne aktiv geworden ist, bleibt unklar.

Zwischen Rhodes und den Bankiers gab es trotz der Kooperation im Rahmen von DeBeers zahlreiche, auch gravierende Differenzen. 1892 etwa organisierte die Londoner Rothschild-Niederlassung eine Anleihe für die Kruger-Regierung in Höhe von 2,5 Millionen Pfund. Ein schwerer Schlag gegen Rhodes' Interesse, den Transvaal in die Knie zu zwingen. Der Jameson-Invasion in den Transvaal kam für die Rothschilds, auf Vermittlung zwischen London und Pretoria bedacht, vollkommen überraschend, sie waren entsetzt. Noch im Juni 1899, kurz vor Ausbruch des Burenkriegs, versuchte Alfred Rothschild die Spannungen zwischen Briten und Buren zu entschärfen, sehr zur Missbilligung von Alfred Milner. Als die britische Regierung schließlich gezwungen war, umfangreiche Anleihen zur Finanzierung des Krieges aufzunehmen, kam N. M. Rothschild & Sons nur marginal zum Zug. Nach Ansicht von Rothschild-Biograph Niall Ferguson läutete dieser Fehlschlag nach über 100 Jahren das Ende der Dominanz des Bankhauses in England ein.

1873 bis 1891, schreibt Quigley, sei die Vorbereitungsphase der Geheimgesellschaft gewesen, die um Stead und Milner zentriert gewesen sei. Tatsächlich nahm Stead aber noch in einem Brief an Milner in Kairo im März 1891 an, dass Milner noch nicht viel von Rhodes gehört hätte - immerhin die zentrale Figur des Geschehens. Wie Quigley auf seine Darstellung kommt, ist leider nicht nachvollziehbar. Symptomatisch für den Kronzeugen Quigley ist die spärliche bis gar nicht vorhandene Angabe von Quellen.

"Behauptung folgt auf Behauptung, aber die tragenden Belege bleiben unzusammenhängend: Überraschend für einen Akademiker stellt Quigley ziemlich unzureichende Dokumentation zur Verfügung", muss Robin Ramsay in der englischen Szenezeitschrift Lobster einräumen. Dies betrifft nicht nur "The Anglo American Establishment" oder "Tragedy and Hope", sondern auch andere Publikationen Quigleys zum Thema. So beklagt Walter Nimocks in einer Untersuchung der Round-Table-Groups von 1968, dass Quigley in einem Artikel in der Canadian Historical Review für die Behauptungen, dass deren Mittel hauptsächlich vom Rhodes-Trust gekommen seien, keine Nachweise erbracht habe.

Die Round-Table-Gruppen sind nach dem Tod von Cecil Rhodes unter dem Einfluss von Rhodes-Treuhänder Alfred Milner und Lionel Curtis in Südafrika entstanden und breiteten sich in der Folge im gesamten britischen Empire aus. In Quigleys Darstellung spielen die Round-Table-Groups neben dem Stipendiatenprogramm eine wesentliche Rolle, um die Weiterexistenz der angeblichen Geheimgesellschaft aufzuzeigen.

Ziel der Round-Table-Groups, deren 1910 gegründete Zeitschrift heute noch erscheint, war ursprünglich die Schaffung einer föderalen imperialen Struktur des gesamten Empire mit einem übergeordneten, imperialen Parlament und einer multinationalen Regierung. Quigleys "Tragedy and Hope", erschienen 1966 bei Macmillan in New York, war durchaus nicht die erste Veröffentlichung, in der die Rolle des Round Table beschrieben wird, wie es so gerne behauptet wird. Fast ab dem Moment ihrer Gründung wurde der losen Gruppierung von Kritikern öffentlich vorgeworfen, eine geheime Verschwörung zu sein.

"Dieses Argument kollabiert bei näherer Betrachtung", schreibt John Kendle aber in seiner 1975 erschienenen Untersuchung der Gruppe: "Es war immer die Absicht der Bewegung, ihre Befunde und Folgerungen an die Öffentlichkeit zu geben." Sie publizierte die schon erwähnte Zeitschrift "Round Table", in der sie ihre Ansichten offen diskutierte, veröffentlichte Bücher, verteilte Analysen und Protagonisten wie Curtis schrieben offene Briefe etwa "an das indische Volk".

Von einer hierarchischen oder geheimen Struktur, wie sie Rhodes nach dem Vorbild der Jesuiten vorgeschwebt hat, kann keine Rede sein. Die Mitgliedschaft in der Kerngruppe, dem sogenannten "moot" war flexibel und ständig wechselnd. Es gab keine rigide organisatorische Struktur oder Mitgliedschaftserfordernisse, analysiert Nimocks. Bei den Diskussionen und Verhandlungen gingen die unterschiedlichsten Leute ein und aus. Nicht gerade das, was man sich als "Geheimgesellschaft" vorstellt, die nach Weltherrschaft strebt.

Was Quigley als Round-Table-Veschwörung bezeichnet ist in gewisser Weise lediglich traditionelles Verhalten der britischen Elite - nur ein bisschen systematisiert.Robin Ramsay

Unter diesem Blickwinkel werden die von Carroll Quigley beobachteten Zusammenhänge nicht weniger interessant. Die modernen Verschwörungstheorien allerdings bauen offensichtlich nur auf einer hübschen Legende auf.

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