Kryptowährung will sich an den Ölpreis binden

Bilur verspricht Deckung über "gespeicherte Energie"

Die Londoner Firma R Fintech hat im schweizerischen Genf ihre neue Kryptowährung Bilur vorgestellt. Dem R Fintech-Chef Ignacio Ozcariz zufolge ist sie die erste Kryptowährung mit einem "realen Wert", weil sie mit "gespeicherter Energie" gedeckt sein soll. Bei den umgerechnet ersten 55 Millionen US-Dollar soll dies durch einen Vertrag über 1.000.000 Barrel Rohöl sichergestellt sein.

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Von diesem angeblich 22-seitigen Vertrag wird Interessenten allerdings lediglich eine Seite zur Verfügung gestellt, in der eine texanische Ölfirma namens Hockley Newco LLC gegenüber einer spanischen Firma namens Acquiring Entity Crude Oil SL behauptet, über ein noch nicht ausgebeutetes Öl- und Gasfeld zu verfügen. Ein wesentlich über den Glauben an eine Währung hinausgehendes Gefühl von Sicherheit vermittelt diese Seite nicht.

Den Wert eines Bilur ist R Fintech zufolge an den Ölpreis gekoppelt: Danach soll ein Bilur 11,6 MWh Energie beziehungsweise 6,481 Barrel Brent-Rohöl entsprechen und deshalb dem von Standard & Poor's berechneten Ölpreis nach aktuell etwa 350 US-Dollar wert sein. Glaubt man daran, wäre die Währung eine neue Spekulationsform auf den Ölpreis, der in den letzten Jahren zwar weniger ausschlug als der Kurs der aktuell beliebtesten Kryptowährung Bitcoin (vgl. Bitcoin: Aufstieg, Fall, Wiederaufstieg …), aber trotzdem relativ stark schwankte (vgl. Ölpreis purzelt mit beendeten Iran-Sanktionen).

R Fintech wirbt außerdem damit, dass mit Bilur keine Transaktionsgebühren anfallen würden, sondern lediglich ein "Aufrechterhaltungsgebühr" in Höhe von 0,01 Prozent - und zwar täglich (!). Rechnet man diese tägliche "Aufrechterhaltungsgebühr" (mit Zinseszins) auf einen Jahreszins hoch und bezieht diesen auf eine konkrete Summe, wirkt das Geschäftsmodell von R Fintech zwar nicht unbedingt anlegerfreundlich, aber bezüglich der eigenen Gewinnerzielungsoptionen durchaus durchdacht.

Ob das Unternehmen damit aber tatsächlich Bitcoin Konkurrenz machen kann, wie es behauptet, ist fraglich: Die inzwischen seit acht Jahren etablierte Blockchaingelderfindung spielt inzwischen nicht nur in der informellen Ökonomie und in dysfunktionalen Staaten wie Venezuela (vgl. Bitcoin gegen Staatsversagen) eine wichtige Rolle, sondern auch in China, Indien und den USA. Neben ihrem Tauschwert haben die Digitalmünzen auch einen Gebrauchswert, weil sie es Personen in Ländern mit Kapitalverkehrskontrollen erlauben, schnell Transaktionen durchzuführen, die sonst nicht oder nur schwer möglich wären

Das funktioniert deshalb, weil Bitcoin - ebenso wie Bargeld - den Vorzug der Anonymität bietet. Wird eine Bitmünze von einer Person zu einer anderen transferiert, dann signiert der Zahler einen Hash der vorherigen Transaktion mit seinem privaten digitalen Schlüssel und dem öffentlichen des Empfängers. Beide werden der Münzdatei an ihrem Ende hinzugefügt, so dass der Empfänger verifizieren kann, ob die Transaktion stimmt. Was er (ebenso wie bei Bargeld) nicht nachverfolgen kann, ist, für welche Zwecke das Geld in der Vergangenheit verwendet wurde.

Zudem sind die Münzen nicht so beliebig vermehrbar wie der EZB-Euro, sondern nur durch aufwendige Rechenprozesse. Grundlage der Bitcoins ist nämlich ein komplexer Algorithmus, über den die Münzen errechnet werden. Durch die frei zur Verfügung stehenden Clients kann das theoretisch zwar jedermann - ob sich das lohnt, hängt aber sehr von den Stromkosten ab. Der Algorithmus soll zudem dafür sorgen, dass bis 2040 lediglich 21 Millionen Bitcoins erzeugt werden können. Danach folgt eine geplante Deflation, die die Entwickler aufgrund der vielen Nachkommastellen der Münzen nicht als wirkliches Problem ansehen.

Diese geplante Deflation beflügelt auch Spekulanten, die die Digitalmünzen weniger für Transaktionen, denn als Anlageobjekte nutzen (vgl. Wenig Unterschied zu Aktien). Die Attraktivität als Anlageform trägt wiederum dazu bei, dass die Risiken von Kursschwankungen steigen.

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Neben Bitcoin und Bilur gibt es zahlreiche andere digitale Währungen, angeblich soll ihre Zahl vierstellig sein. Bei den meisten davon handelt es sich jedoch um bloße Proof-of-Concept-Erfindungen ohne praktische ökonomische Bedeutung - nur mit etwa Hundert davon werden tatsächlich in relevantem Umfang Geschäfte gemacht.

Zu den potenziell interessantesten neuen Bezahlprotokollen zählt der GNU Taler, von dem es seit dem letzten Jahr eine Demoversion gibt. Seine am französischen Forschungsinstituts Inria und an der Technischen Universität München tätigen Entwickler wollen den Nutzern Anonymität gewähren, ohne Staaten die Möglichkeit zu nehmen, Geldflüsse zu besteuern (was das Verbotsrisiko deutlich senkt). Außerdem soll ihr Taler keine eigene Konkurrenzwährung sein, wie Bitcoin, sondern lediglich andere Währungen wie Dollar und Euro in Online-Wallets und bei Transaktionen datenschutzfreundlich aber fälschungssicher repräsentieren. Seine Anonymität muss der Taler-Nutzer nur beim Umtausch in diese anderen Währungen aufgeben (vgl. Kryptografisches Bezahlsystem "Taler" könnte technisch bis Ende des Jahres fertig werden). (Peter Mühlbauer)

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