Kultur und Evolution: Ziegen wurden drei Mal domestiziert

Hausziege. Foto: Armin Kübelbeck. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Auch die Züchter aus Anatolien, der Levante und dem iranisch-turkmenischen Grenzgebiet unterschieden sich vor 11.500 bis 9.000 Jahren genetisch stark voneinander

Während der Wolf dem aktuellen Stand der Forschung nach nicht zwei, sondern nur ein einziges Mal in der Weltgeschichte zu einem Haustier umgezüchtet wurde, geschah das mit der Ziege gleich drei Mal und an drei verschiedenen Orten: in der Levante, in Anatolien und im Grenzgebiet zwischen dem Iran und dem Zentralasiatischen Turkmenistan.

Herausgefunden hat das der Wiener Archäologe und Anthropologe Ron Pinhasi. Zusammen mit 39 Wissenschaftlern aus mehreren Ländern, mit denen er in der Fachzeitschrift Science seine Studie "Ancient goat genomes reveal mosaicdomestication in the Fertile Crescent" veröffentlichte. Für diese Studie untersuchten die Forscher die Knochen von 85 Ziegen. Die ältesten davon stammten aus der Altsteinzeit, die jüngsten aus dem Mittelalter. Dabei stellten sie fest, dass die zahmen Tiere aus den drei oben genannten Gegenden nicht den gleichen, sondern unterschiedliche wilde Vorfahren haben.

Auch die Menschen, die diese Ziegen vor etwa 11.500 bis 9.000 Jahren domestizierten, unterschieden sich genetisch stark voneinander, wie Pinhasi bereits vor zwei Jahren herausfand. Es gab, so der Forscher dazu, "demnach zu dieser Zeit keine Migration von Menschen oder Herden". Allerdings hält er es für möglich, dass die Idee der Ziegendomestikation an einer Stelle entstand und weiterwanderte. Ebenso gut möglich ist jedoch, dass sich mehrere Menschen an verschiedenen Orten einen lebenden Frischfleischvorrat anlegen wollten und dazu über Generationen hinweg immer wieder die geeignetsten Tiere zur geplanten Fortpflanzung auswählten.

Das machten sie nicht nur mit Ziegen so, sondern auch mit allen anderen Haustieren: Beim bereits angesprochenen Hund geschah das bereits vor mehr als 40.000 Jahren. Er war bereits nichtsesshaften Jägern nützlich, indem er Beute aufspürte und dabei half, diese in die richtige Richtung zu treiben. Schafe wurden (ähnlich wie Ziegen) vor 11.000 bis 9.000 Jahren von Wild- in Nutztiere verwandelt. Sie hatten den Vorteil, neben Fleisch auch ein Fell zu liefern, das man nicht nur gerben, sondern auch scheren und daraus Wolle fertigen konnte. Darauf kamen die Schafhalter dem archäologischen Befund nach spätesten vor sechstausend Jahren.

Ein anderer Vorteil, der sich aus Schafen und Ziegen ziehen lässt, ist deren Milch. Beim vor etwa 10.000 Jahren domestizierten Rind, einem anderen Zuchterfolg, spielt sie heute die Hauptrolle, obwohl der Mensch selbst genetisch erst die Fähigkeit entwickeln musste, sie unbehandelt störungsfrei zu verdauen (vgl. Die ersten Bauern tranken keine Milch). Das trug wahrscheinlich dazu bei, dass man bereits vor mehr als 7.500 Jahren Techniken wie die Käseherstellung entwickelte, die Milcheiweiß und Milchfett nicht nur haltbar, sondern auch besser verdaulich machten.

Ähnlich lange domestiziert wie Ziege, Schaf und Hund ist das Schwein, das jedoch in erster Linie Fleischlieferant geblieben ist. Gleiches gilt für das Kaninchen, von dem man wegen einer vom deutschen Genetiker Hans Nachtsheim in seinem Standardwerk Vom Wildtier zum Haustier falsch wiedergegebenen Fastenanekdote im 20. Jahrhundert glaubte, es sei erst im frühen Mittelalter domestiziert worden. Im Februar 2018 fiel dieser Fehler einem Wissenschaftlerteam aus Oxford auf.

Das vor fünf- bis siebentausend Jahren domestizierte Pferd dagegen ist heute in erster Linie nicht mehr Fleischlieferant (vgl. Schmackhafter Schwindel), sondern Reit- und Zugtier. Die meisten der heute etwa 60 Millionen Pferde auf der Welt stammen von einem einzigen Hengst ab, der vor etwa 3.000 Jahren so erwünschte Eigenschaften aufwies, dass seine Nachfahren beim Decken entsprechend eindeutig bevorzugt wurden, wie Forscher des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) und der Universität Potsdam nach einer Analyse von Erbgut aus Pferdezähnen und -knochen aus Asien und Europa im April in Science Advances nachwiesen.

Bei Hühnern, die in Ostasien seit 8.000 Jahren in Gefangenschaft gehalten werden, entdeckte man einer 2015 in PNAS veröffentlichten Studie zufolge möglicherweise erst viel später - vor 2.300 Jahren in der Levante -, dass sie sich als Eierlieferanten eignen.

Der jüngste Domestikationserfolg der Menschheit dient weder der Jagd, noch der Nahrungsvorratshaltung, sondern der reinen Forschung: Beim Fuchs, der lange als unzähmbar galt, wiesen russische Wissenschaftler nach, das das nicht stimmt. Dabei entdeckten sie, dass die Zähmungsfähigkeit genetisch mit einer Tendenz zu fleckigem Fell einhergehen könnte: Zusammen mit der biologisch vererbten Zähmungsbereitschaft setzte sich bei den Tieren nämlich auch ein gescheckter Pelz und besonders ein farbiger Stirnfleck durch. (Peter Mühlbauer)

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