Kulturkampf: Sex verboten, Gewalt erlaubt

"Amerikanische Prüderie", europäische Ansichten und gewalthaltige Spiel-Videos auf YouTube

Erzkonservative Moralvorstellungen verhindern die Darstellung von Liebe und Sex in US-Medienproduktionen und auf US-Medienplattformen - die Zurschaustellung extremer Gewalt und das Posten von Hassbotschaften sind hingegen erlaubt. Durch die zunehmende Dominanz von US-Medien wird auch Europäern diese Moral aufgezwungen. Schon heute tobt deshalb ein Kulturkampf in sozialen Netzwerken.

"Amerikanische Prüderie", so bezeichnet der Fantasy-Autor George R. R. Martin die extrem konservativen Moralvorstellungen, mit denen er aufgrund seines Epos "Das Lied von Eis und Feuer", auf dem die Erfolgs-Fernsehserie "Game of Thrones" basiert, oft konfrontiert sei.

"Die Sex-Szenen in meinen Büchern zielen viel mehr Kritik auf sich als die Gewaltstellen", beklagt Martin in einem Interview und nennt ein Beispiel:

Wenn ich detailreich beschreibe, wie eine Axt in einen menschlichen Schädel eindringt, regt das niemanden auf. Aber wenn ich ebenso detailreich beschreibe, wie ein Penis in eine Vagina eindringt, bekomme ich Briefe, in denen steht: "Ich werde Ihre Bücher nie wieder lesen."

Diese Moralvorstellung, die Sexualität verurteilen, Gewalt hingegen legitimieren würde, sei eine "traurige Wahrheit über Amerika". Was Martin schreibt, betrifft auch die Menschen in Europa immer mehr. Bei US-Filmen und -Fernsehserien fiel das bislang nicht groß auf, durch soziale Netzwerke und Online-Pattformen wie Facebook und YouTube oder auch bei iTunes ist mittlerweile aber jeder Einzelne mit den umstrittenen US-Moralvorstellungen konfrontiert. In der Vergangenheit wurden von den Unternehmen bereits Fotos, Videos und ganze Zeitschriften wegen zu viel nackter Haut gelöscht.

So ist in den Gemeinschaftsstandards von Facebook zu lesen, dass das Unternehmen den Zugang zu Bildern mit weiblichen Brüsten beschränke, wenn darauf "Brustwarzen zu sehen" sind. Die zu Google gehörende Videoplattform YouTube unterscheidet wiederum nicht zwischen Nacktheit und Pornografie, was in einer entsprechenden Richtline zur Gleichsetzung und einem Verbot führt: "Eindeutig sexuelle Inhalte wie Pornografie sind unzulässig." Videos, in denen weibliche Brüste zu sehen sind, werden nur für Volljährige zugänglich gemacht.

Im iTunes-Store von Apple wurde das Magazin Stern 2009 ohne Vorwarnung für mehrere Wochen gesperrt, da es Akt-Fotos beinhaltete. Das Magazin Playboy gibt es bei iTunes nach wie vor nur in einer "entschärften" Version, die ganz ohne Nacktfotos auskommt.

In den USA setzt sich die feministische Kampagne Free the Nipple seit einigen Jahren dafür ein, dass sich neben Männern auch Frauen oberkörperfrei in der Öffentlichkeit und in Online-Medien zeigen dürfen. An der Kampagne beteiligte sich beispielsweise die Pop-Sängerin Miley Cyrus, die dazu Fotos ihrer unbedeckten Brüste auf der Foto-Plattform Instagram postete - und die von dem 2012 von Facebook gekauften Foto-Dienst nach kurzer Zeit gelöscht wurden. Das britische Model Naomi Campbell rühmte sich im September damit, dass ein "Oben-ohne"-Foto von ihr ganze 14 Stunden lang auf ihrer Instagram-Seite zu sehen war, bevor es gelöscht wurde.

Als Reaktion auf das repressive Verhalten des Fotoportal-Anbieters posten Frauen mittlerweile Bilder ihres nackten Oberkörpers mit per Bildbearbeitung "übergeklebten" männlichen Brustwarzen. Auch die politischen Aktivistinnen der international bekannten Gruppe Femen haben immer wieder mit der Zensur ihrer barbusigen Protest-Fotos im Internet zu kämpfen. Die Online-Plattformen sind in Bezug auf Nacktheit und Sexualität viel restriktiver, als es deutsche (Jugendmedienschutz-)Gesetze vorschreiben. Wenn es um die Darstellung von Gewalt oder auch die Verbreitung von Hassbotschaften geht, wie es gerade im Zusammenhang mit dem Thema Flüchtlinge oft geschieht, ist das anders.

Zwar wird laut den Richtlinien von Facebook, iTunes und anderen Online-Diensten auch die Darstellung exzessiver Gewalt geahndet, de facto wird dieser Punkt aber kaum umgesetzt. Dies ist besonders auf der Video-Plattform YouTube zu beobachten. Dort erfreuen sich besonders so genannten "Let’sPlays" - Videos, in denen jemand ein Videospiel spielt und kommentiert - großer Beliebtheit.

Immer wieder werden dabei auch Spiele präsentiert, die eine Altersfreigabe ab 18 Jahren haben. Im Gegensatz zu Videos, in denen nackte Personen zu sehen sind, wird auf die gewalthaltigen Spiel-Videos seitens YouTube aber keine Altersbeschränkung angewandt. Warum das so ist, lässt sich nur mutmaßen.

Über die technische Voraussetzung, vom deutschen Jugendmedienschutz nur für Erwachsene freigegebene Spiele automatisch auch als Video auf YouTube nur für über 18-Jährige freizugeben, verfügt das Videoportal. Würde es dies aber durchsetzen, würden die Aufrufe der Videos einbrechen - und damit die Werbeeinnahmen. Die Presseabteilung von YouTube-Deutschland wollte dazu und auch allgemein zu den YouTube-Richtlinien und den dahinterstehenden Werten keine Fragen beantworten.

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