Kulturkampf: Sex verboten, Gewalt erlaubt

Freier Hass für freie Bürger?

Im Falle von Hassbotschaften wie etwa ausländerfeindlichen Aufrufen in sozialen Netzwerken sperren sich die US-Medienplattformen ebenfalls - einen "Volksverhetzungs"-Paragrafen wie im deutschen Strafgesetzbuch kennen die Amerikaner nicht. So weigert sich Facebook, Hetzkommentare zu sperren und ein Propaganda-Video der deutschen Neonazi-Gruppe Old School Society, gegen die seit Mai staatliche Ermittlungen wegen des Verdachts, eine Terror-Organisation zu sein, laufen, ist seit über einem Jahr unbehelligt auf YouTube anzuschauen.

Wie schwer es dabei ist, die US-Unternehmen zum Handeln zu bewegen, wurde Ende September deutlich: Erst als die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel den Facebook-Gründer und -Chef Mark Zuckerberg am Rande einer UN-Veranstaltung in New York auf den Umgang des Netzwerks mit Hasskommentaren ansprach, nahm er Stellung: "Ich denke, wir müssen daran arbeiten." Zuckerberg versprach also Besserung, ob sein Netzwerk dies in die Tat umsetzt, muss sich aber erst noch zeigen.

Tobender Kulturkampf

Der Kulturkampf ist längst real. Ihm liegt die Gegnerschaft zwischen einem konservativ-religiösen und liberal-modernen Weltbild zugrunde. Dabei geht es um nicht weniger als die Frage nach den Wertvorstellungen zukünftiger Generationen. Die vor allem von jungen Menschen genutzten US-Online-Plattformen propagieren einen schamhaften Umgang mit Sexualität und dem eigenen Körper - bei gleichzeitiger Faszination für brutalste Gewalt und freien Hassbotschaften.

Das ist schon in den USA umstritten, trifft Europa aber noch viel mehr, da die Werte auf dieser Seite des Atlantiks in den angesprochenen Bereichen schon lange andere sind: In Europa ist gerade der Umgang mit Nacktheit und Sexualität eher entspannt, während Gewaltdarstellungen und Hassbotschaften strikter gehandhabt werden.

Ein selbstbewusster Umgang mit dem eigenen Körper, Liebe, Zuneigung und auch Sex sind dabei im Rahmen der gegebenen Gesetze allemal positivere Werte als Gewalt und Brutalität, deren Darstellung bisweilen sogar gegen europäische (Jugendmedienschutz-)Gesetze verstößt. Der Kulturkampf tobt und betrifft nicht nur Kreative wie George R. R. Martin, sondern uns alle. (Michael Schulze von Glaßer)