"Kulturkampf von rechts"?

Blick vom Dresdner Rathausturm nach Süden mit der Allegorie der Güte. Aufnahme 1945 von Richard Peter. Bild: Deutsche Fotothek/CC BY-SA-3.0

Bedenkliches Gedenken im heutigen Deutschland, jetzt auch angesichts der deutschen Opfer - der Fall Dresden

Die deutsche "Erinnerungskultur" lobt sich über den grünen Klee. Beim diesjährigen Auschwitz-Gedenktag1 wurde es regelrecht peinlich, als Bundespräsident Steinmeier im Deutschen Bundestag das "Wunder der Versöhnung" beschwor und diese Selbstbeweihräucherung allseits - die AfD eingeschlossen - unwidersprochen durchging.

Steinmeier hatte bereits bei seinem Auftritt in Israel auf dem World Holocaust Forum das Leitmotiv geliefert. Demnach war damals "das Böse" für die Ermordung der europäischen Juden verantwortlich; es wurde zwar 1945, als das Gute siegte, weitgehend ausgerottet, aber irgendwo fanden die "bösen Geister der Vergangenheit" Unterschlupf und machen sich heute wieder bemerkbar.

Apropos "Gepriesen sei der Herr", wie Steinmeier seine Rede in Yad Vashem begann. Mal von Mensch zu Mensch gefragt: Wer würde damit an einem Ort antreten, wo der Ermordung von Millionen Menschen gedacht wird? Statt Trauer, Erschütterung, Zerknirschung an erster Stelle Lobpreisung! Und wenn man sich schon auf einen Urheber und Lenker aller menschlichen Geschicke beziehen (und dies bei einem Staatsakt zur Sprache bringen) will, wie wär's mit: Herr, wo warst du? Herr, wie konntest du das zulassen? Herr, warum schweigst du? Herr, was bist du für einer - derselbe vor, während und nach Auschwitz, per saecula saeculorum? Selbst Jesus soll am Kreuz gerufen haben: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Herrgott noch mal, tausend Fragen oder Stoßseufzer würden einem einfallen, aber doch nicht ein Preis des Herrn!

Israels Staatspräsident Rivlin stellte Deutschland bei der Feierstunde im Bundestag ein wohlwollendes Zeugnis aus, das schon arg nach Lobhudelei roch: "Leuchtturm" freiheitlicher Werte in Europa und international, Merkel "die Führerin der freien Welt", Verantwortung für alles Gute, namentlich beim Schutz freiheitlicher Werte, beim Klimaschutz oder bei der Sorge um Geflüchtete. Letzteres war natürlich eine Provokation der AfD-Bundestagsfraktion, die aber bei allem brav mitklatschte - und die sich am Schluss sogar, als Rivlin Differenzen zur deutschen Regierung in der Iranfrage ansprach, bestätigt sehen konnte. Dass mehr Schutz für Israel, also im Klartext mehr Hass und Gewalt gegen das iranische Regime, nötig sei, hatte sie ja vorher schon verlautbart. So führte sich die AfD dann im Bundestag ganz manierlich auf, ließ alles über sich ergehen und saß die Feierstunde einfach ab. Wenn die Erinnerungskultur zu national aufbauenden Ergebnissen führt, kann anscheinend auch die AfD Positives an ihr entdecken? Dann muss vielleicht nicht die von Höcke angekündigte 180-Grad-Wende erfolgen, dann reichen ein paar neue Akzentsetzungen?

Gestörtes Gedenken

Für das rechte Lager, für die AfD, aber auch für die rechtsintellektuelle Szene, die sich parteiübergreifend bemerkbar macht, für militantere Gruppierungen wie die NPD oder die Identitären, bleibt aber die von Höcke und Co. als "Schuldkult" angegriffene Vergangenheitsbewältigung weiterhin eine Herausforderung - der sie sich stellen und die sie nicht einfach wie bei den Gedenkveranstaltungen im Januar 2020 übergehen wollen.

Deutlich wurde dies zuletzt noch einmal, als die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin am 6. Februar 2020 Alarm schlug. Sie legte eine Handreichung "Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts in Gedenkstätten und Museen" vor, die sich den zahlreichen Angriffen auf die etablierte historisch-politische Bildung in Sachen NS widmet und Praxisanregungen für den Umgang mit rechtsextremen oder rechtspopulistischen Störversuchen bei Führungen gibt, Reaktionsweisen auf öffentliche Provokationen vorschlägt sowie auf parlamentarische Initiativen der AfD, die "disruptiv" in bestehende Förderstrukturen eingreifen.

Der rechte Angriff - das ist wohl der wichtigste Punkt der neueren Entwicklung - erschöpft sich heute nicht mehr in schlichter Holocaustleugnung. Als vor mehr als 40 Jahren das Adolf-Grimme-Institut Pädagogen und Pädagoginnen, Vertreter des Bundesjugendrings, der Erwachsenenbildung etc. einlud, um über Interventionsmaßnahmen der Bildungsarbeit angesichts rechtsradikaler Umtriebe bei der Ausstrahlung der US-amerikanischen TV-Serie "Holocaust" zu diskutieren, stand die Klarstellung der Faktenlage im Vordergrund: Gegen die pure Leugnung der Judenvernichtung, gegen die Behauptung von der (in Hollywood produzierten) Propagandalüge sollten Zeitzeugen, Filme, Fotos und andere Dokumente aufgeboten werden.

Heute ist die Lage anders - und das nicht nur, weil Holocaustleugnung inzwischen unter Strafe steht. Heute stellen Schüler und andere Besucher "gezielt geschichtsrevisionistische Fragen", wollen die Mitarbeiter der Gedenkstätten "provozieren und aufs Glatteis führen" und sind mehr an "Relativierungen" interessiert. Sie leugnen z.B. nicht die Zahl der Toten, sondern führen fallweise als "hauptsächlichen Grund dafür die Bombardierung der Verkehrswege durch die Alliierten an - das hätte zu einer Lebensmittelkrise geführt, sodass die SS die Häftlinge gar nicht habe retten können", so ein Verantwortlicher der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten (Der Spiegel, Nr. 3, 2020) über aktuelle Zwischenfälle[1].

Die MBR-Veröffentlichung bestätigt diese Einschätzung. Immer wieder würden in Gedenkstätten rechtsextreme oder -populistische Besucher "die nationalsozialistischen Verbrechen verharmlosen oder sogar leugnen oder die heutige BRD mit der DDR gleichsetzen"; sie würden zudem Gedenkveranstaltungen stören oder instrumentalisieren, wobei "zentraler Akteur in diesem 'Kampf um die Geschichte' gegenwärtig vor allem die AfD" sei. Das Fazit von MBR lautet: "Der Kulturkampf ist in vollem Gange, und mit ihm der massive Angriff auf die kritische Geschichtskultur."

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Gedenkstätten wollen natürlich nicht aufgeben, sie wollen ihre Anstrengungen verstärken; sie wollen "Haltung" (auch so ein Modewort der neueren Debatte) zeigen. Der niedersächsische Experte konkretisierte das im "Spiegel": Die historisch-politische Bildung müsste sich umstellen; das "würdigende Gedenken" sei zwar die Hauptsache, doch müssten jetzt auch weitere Fragen - "Wie konnten diese Verbrechen eigentlich geschehen? Wie funktionierte die Gesellschaft im Nationalsozialismus?" - hinzukommen.

Wie geht historische Bildung?

Diese Beschwerden und Aufforderungen haben allerdings etwas Merkwürdiges an sich. Erstens stellt sich gleich die Frage: Was soll denn eine Gedenkstätte Anderes vermitteln als die Aufklärung darüber, woher das politische Programm der nationalsozialistischen Judenvernichtung stammte und wie es gesellschaftlich umgesetzt wurde? Der ganze Sinn und Zweck einer vernünftigen Erinnerungskultur (im Unterschied zur Trauer der Angehörigen oder zum Totenkult religiöser Gemeinschaften) besteht doch darin, Aufschluss über die Schrecken der Vergangenheit zu gewinnen, damit die Triebkräfte von Krieg und Massenmord dingfest gemacht und von den heute Lebenden - falls solche Kräfte weiter eine Rolle spielen - aus der Welt geschafft werden können.

Das ist anscheinend in der deutschen Erinnerungskultur nicht selbstverständlich. Das diesjährige Auschwitz-Gedenken hat ja, siehe oben, gezeigt, dass eher an Mystifikationen von der Macht des "Bösen" gearbeitet wird - jedenfalls von den Auftraggebern, die die betreffenden Aktivitäten institutionalisieren und mit Leitlinien versehen.

Bei denjenigen, die historisch-politische Bildung betreiben, sind da schon seit längerem Zweifel laut geworden2, ob z.B. die deutsche "Vergangenheitsbewältigung", wie sie in der alten Bundesrepublik hieß, das dicke Lob, das ihr von oben gespendet wird, überhaupt verdient. Ist der Erinnerungsbetrieb wirklich - wie er von sich behauptet - frei von geschichtspolitischen Instrumentalisierungen ist? Zeigt nicht die Art und Weise, wie die Politiker sich seiner bedienen, dass es vor allem um den Nutzen für die Selbstdarstellung des heutigen Deutschland geht?

Zweitens - und damit kommt man zu einem brandaktuellen Thema des hiesigen Gedenkens, das am kommenden Wochenende Dresden anlässlich des 75. Jahrestags der Bombardierung durch die Alliierten beschäftigen wird - ist das pädagogische Problem, das aus der niedersächsischen Gedenkstätte mitgeteilt wurde, verräterisch: Wie geht man mit der Tatsache um, dass die Alliierten gezielt die deutsche Zivilbevölkerung (plus Infrastruktur) bombardierten? Also das Verbrechen begingen, das heute immer Völkermördern wie Assad als das prinzipiell Böse vorgehalten wird und das sie als "Schurkenstaaten" aus der Gemeinde der Good Governance exkommuniziert: Zivilisten töten, mit Massenvernichtungsmitteln Wohnviertel und Infrastruktur zerstören und dies fortführen, bis alles in Schutt und Asche liegt.

Für einen historisch bewanderten Menschen müsste die erste Antwort auf die oben genannte Schüler-Provokation eine leichte Übung sein: Es gab damals das NS-Programm der Endlösung der Judenfrage und der Ausmerzung sonstigen unwerten Lebens, dafür und für die Beseitigung jedes Widerstandes wurden KZs eingerichtet - und nicht um Menschen zu versorgen. Die Anti-Hitler-Koalition kämpfte dieses Regime - wegen seines großenteils schon realisierten imperialistischen Anspruchs - nieder, und da bis zuletzt kein nennenswerter Widerstand in Deutschland aufkam, setzte sie alle Kriegsmittel wie gehabt ein. Aber da beginnt das Problem.

Der Fall Dresden

Der "Spiegel" (Nr. 7, 2020) benennt es im Vorfeld des Dresdener Gedenkens. Der Bundespräsident muss ja wieder auftreten, aber "in Berlin heißt es, er tue sich schwer, den richtigen Ton zu finden: deutsche Opfer, deutsche Schuld. Der Kampf um die Deutungshoheit über das Gedenken an Dresden - er geht in die nächste Runde". Mit diesem Kampf ist der Streit mit den Rechten und mit deren Ansinnen gemeint, Dresden und die deutsche Bevölkerung als Opfer eines alliierten "Bombenholocausts" in Szene zu setzen.

Interessanter Weise informiert der "Spiegel" aber als Erstes darüber - ist das die neue Ehrlichkeit nach Relotius? -, dass er selber maßgeblich daran beteiligt war, eine solche Inszenierung auf den Weg zu bringen. 1963 schrieb er unter Angabe falscher Zahlen (bis zu 200.000 Todesopfer sollten es gewesen sein) von einem "sinnlosen Terrorakt"; ein Jahr später sprach die "Zeit" vom "wahrscheinlich größten Massenmord der gesamten Menschheitsgeschichte". Neben solchen Anschuldigungen nehmen sich die heutigen Rechtspopulisten, die auf die Anerkennung deutscher Not pochen, eher wie brave Bürger aus!

Die Zahlen sind mittlerweile korrigiert. Auch wenn letzte Sicherheit wohl nicht herzustellen ist, soll nach der sechsjährigen Arbeit einer Historikerkommission, die von Dresdens Oberbürgermeister berufen wurde, die Opferzahl - wie auch in den ersten, internen NS-Meldungen weitergegeben - bei rund 25.000 liegen. Insofern wäre alles geklärt, für den "Spiegel" aber nicht, denn "Trauer bemisst sich nicht an Zahlen, Trauer ist Trauer". Das Problem steckt nämlich gar nicht in den Zahlen, sondern in einer anderen Gefahr: "Mit Dresden konnte man den Eindruck erwecken, die Sieger des Krieges seien auch nicht besser als die Verlierer." In der Tat, man kann das nicht nur. Aus der Kenntnisnahme des militärischen Vorgehens der Alliierten ergibt sich vielmehr die banale Tatsache, dass sie genau dieselben Kriegsmittel einsetzten wie die Gegenseite.

Das "Moral Bombing" der deutschen Städte durch RAF und USAAF war ein Mittel im totalen Krieg. In ihm werden Staaten als Feinde definiert und damit ihr gesamtes Potenzial, ihr Land und ihre Leute, zum Abschuss freigegeben. Dabei gibt es, seitdem der Krieg total geworden ist, noch das Kuriosum eines Kriegsvölkerrechts, das nur die auf militärische Notwendigkeiten, also den Erfolg, bezogenen Maßnahmen für zulässig erklärt, was hin und wieder (nachträglich) zu Kriegsverbrecherprozessen führt. Im Flächenbombardement der Alliierten wurde genau die übliche Kriegslogik exekutiert, als Notwendigkeit einer erfolgreiche Durchsetzung: Man greift das Volk als Basis der Herrschaft an, setzt auf maximale Zerstörung, die sich an keinem humanitären Gesichtspunkt relativiert.

Über diese Kriegskalkulationen können Geschichtslehrer und -lehrerinnen natürlich ohne Weiteres Auskunft geben. Was bei solchen Auskünften aber unterbleibt, ist die Moralisierung, wie sie jetzt wieder beim Auschwitz-Gedenken zur Hochform auflief. Mit dem Bild vom "absolut Bösen" soll ja gleich das Gegenbild von der Güte der Demokratie erzeugt werden - also einer politischen Herrschaft, die nur so von Werten und Humanität strotzt.

Wenn man historisch korrekt die Kriegskalkulationen der damaligen Mächte nachverfolgt, geht diese Mystifizierung als Kampf der Guten gegen die Bösen verloren. Dann stößt man auf die Machenschaften konkurrierender Großmächte, auf die Rivalitäten imperialistischer Weltordnungsansprüche, auf Störenfriede, die vom Standpunkt der etablierten Mächte als "revisionistisch" einzustufen waren etc. Dass die Rote Armee das KZ Auschwitz befreite und die Anti-Hitler-Koalition die deutsche Bevölkerung den Klauen eines rassistischen Regimes entriss, war dabei sicher nicht das Kriegsziel. (Diese Dinge zählten zu den Wirkungen, über die man als Nachgeborener natürlich erleichtert sein dürfte.)

Die Abwendung vom üblichen Moralismus durch sachliche Aufklärung hat aber noch eine andere Seite. Der Publizist Eric Schlosser, allem Anschein nach ein braver amerikanischer Patriot, hat 2013 eine aufwändige Studie über die amerikanische Atomrüstung seit dem Zweiten Weltkrieg vorgelegt, in der er - vor allem zur Aufklärung jüngerer Leser - die Verdienste der "ordinary man and women" würdigen will, "who helped to avert the nuclear holocaust", indem sie ständig am Rande des Kriegsausbruchs lavierend die Interkontinentalraketen beaufsichtigten, warteten, reparierten etc.3 Im ersten Kapitel zeigt Schlosser, wie aus den Auseinandersetzungen um das "area bombing", aus den Erfahrungen der "Feuerstürme" beim (konventionellen) Bombardement Hamburgs, Dresdens oder Tokios, die amerikanische Atomstrategie hervorging, die immer auf eins berechnet war: auf maximale Zerstörungs- und Tötungskraft.

Davon ist übrigens nichts veraltet. Wenn man sich die offiziellen US-Dokumente wie die National Security Strategy (2017), die National Defense Strategy (2018), die Nuclear Posture Review (2018) oder die Missile Defense Review (2019) ansieht, dann ist die Massenvernichtung weiter im atomaren US-Programm, ergänzt um eine Kriegsführungsoption, die die Abschreckung der anderen Seite - das ist heute vor allem wieder Russland - um die Sicherheit ergänzen will, dass man selber vom Einsatz der ultimativen Waffe nicht abgeschreckt wird. An solche aktuellen Vorgänge zu erinnern - die zur Zeit im einem gigantischen, gegen Osten gerichteten Manöver der NATO als Übung anstehen - und so den Krieg als aktuelles Problem namhaft zu machen, wäre natürlich unanständig in einer Erinnerungskultur, die die Guten von den Bösen trennen will.