Kunst im Bunker

"Files" - eine Medienausstellung in Berlin

Der Bunker in der Ostberliner Mitte ist seit einigen Jahren eine der ersten Adressen der Techno-Szene. Seit Anfang November findet in seiner obersten Etage eine Ausstellung zum Thema "Kunst als Position im Zeitalter globaler Technologien" statt. Stefan Münker war da und hat sich den Bunker mit seinem neuen Bewohner angesehen.

"Halt die Luft an und stirb Du Arschloch" steht in einem leeren Raum an einer der Wände, von denen ein Freund von mir sagte, aus ihnen schwitzte noch die Angst derer, die hinter ihnen Schutz suchend eng aneinandergepfercht nichts taten, als zu warten. Das war in den Jahren zwischen '42, als der große, vierstöckige Hochbunker an der Berliner Albrechtstraße seine dunklen Pforten erstmalig öffnete, und '45, als das Ende des großen Krieges dem grauen Kasten vorerst seine Aufgabe nahm. Danach kam die rote Armee, besetzte das im ehemaligen Ostteil gelegene Gebäude und bis heute ist ungewiß, was den siegreichen Sowjets einfiel, es auch zu beleben.

Gewiß aber drangen zu jener Zeit einige der Schrecken, vor denen die Mauern des Bunkers seine Insassen schützen sollten, durch sie hindurch und auf die ein, die wie in den Jahren zuvor schon kaum freiwillig dort sich eingefunden haben dürften. Nachdem der kahle Klotz zu DDR-Zeiten - Indiz für den Phantasiereichtum der spießigsten deutschen Bürokratie - als Textil- und Trockenfrüchtelager diente, dröhnt seit '92 Rave auf tanzende Massen und durch den Beton. In der Selbstbeschreibung seiner Betreiber gibt sich der zum Techno-Tempel avancierte Schutzraum das Image, der "härteste Club der Welt" zu sein; und vielleicht stimmt das ja auch, wer will das wissen. Seit der Eröffnung der Ausstellung "Files" am 2. November hat der Bunker einen zusätzlichen Bewohner - und die Kunst in seinem 4. Stock ein neues Domizil gefunden. Bis zum 24. November präsentieren über zwanzig Künstler aus sieben Ländern ihren Beitrag zum Thema "Kunst als Position im Zeitalter globaler Technologien". Nicht schon wieder, möchte man da natürlich im ersten Augenblick rufen und unterdrückt nur mühsam den spontanen Fluchtreflex angesichts der abgedroschenen Formulierung, hinter der sich eine vielleicht doch etwas zu hehre Ambition der Veranstalter, der "Gesellschaft für Kunst und Technologie e.V." (GKT), verbirgt. Wir leben, Stichwort "Globalisierung", in einer Zeit, in der die Durchsetzung des "Immergleichen" (Adorno) mit Mitteln neuester Technologie und ihrer neuen Medien kulturelle Differenzen gänzlich einzuebnen droht. Natürlich liegt die Frage nach der Stellung der Kunst und ihres ästhetischen Eigensinns nahe. Will sie von der medialen Aufrüstung der Welt sich nicht ins museale Abseits verdrängen lassen, muß sie nach ihrer Hinwendung zu den analogen nun auch die neuen digitalen Medien auf ihre Weise besetzen; und will sie sich dabei zugleich der um sich greifenden kulturellen Indifferenz widersetzen, so bleibt ihr anstelle eines schlicht affirmativen Umgangs mit den Medien nur deren kritisch-reflektierte Verwendung.

In leichter Abwandlung einer Formulierung von Oliver Schwarz, der als Vorstandsmitglied der GKT maßgeblich für die inhaltliche Konzeption der Ausstellung verantwortlich zeichnet, könnte man dann sagen: nach der arte povera kommt nun die Zeit der Kunst als techné povera - und die kommt nicht als Schutzflehende in den Bunker, sondern mit dem Ziel, ihn zu verändern; seine dunklen, fensterlosen Räume von innen zu illuminieren; der schweren materiellen Präsenz des Gebäudes die Flüchtigkeit der ästhetischen Reflexion immaterieller Prozesse gegenüber zu stellen - die defensive Kriegsmaschine in einen Ort offensiver und kritischer Auseinandersetzung zu verwandeln.Für die Veranstalter gehört das zum Programm; auf der Pressekonferenz gab man sich, ganz der Logik des Ortes entsprechend, kriegerisch: Die GKT, so Thomas Krüger, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und im Beirat des Vereins, verstehe sich als "Stabstelle", welche am Standort Berlin die Koordination eines kritischen und interdisziplinären Diskurses über die Probleme unserer techno-medialen Welt übernehmen wolle: Wenn von der Politik nichts kommt, so der Bundestagsabgeordnete Krüger, helfe eben nur Selbstorganisation. (Gerade die jedoch, die beteiligten Künstler und Mitarbeiter wissen ein Lied davon zu singen, gilt es erst noch zu üben.)Je schöner eine Idee ist, desto schwerer ist es, sie umzusetzen. Das ist immer so, und so ist es auch mit "Files" - deren Name den kleinsten gemeinsamen Ordnungsfaktor in einer Welt zunehmend chaotischer technologischer Verhältnisse bezeichnen soll: Von den ausgestellten Werke, von denen eine ganze Reihe allerdings bereits alte Bekannte sind - wie Daniela A. Plewes "Muser's Service" oder der "Arctic Circle" von Huber & Pocock - gelingt es zwar einigen, den Anspruch, den das Programm formuliert, auf eine auch dem Ausstellungsort angemessene Art und Weise einzulösen. Dazu zählt etwa "Representing the real net art", ein Gemeinschaftsprojekt von Heath Bunting, Pit Schultz, Alexei Shulgin, Vuk Cosic (Projekt Refresh), die auf ihren drei Monitoren verschiedene Websites in einer Geschwindigkeit abwechselnd aufblinken und wieder verschwinden lassen, die an Flakfeuer erinnert; oder die zwei Fernseher, zwischen denen Ange Leccias Videoprojekt "Explosions" Raketen durch die Nacht hin- und herschickt, den Krieg von außen ins Innere des Bunkers hineintragend; oder die Installation von Daniel Pflumm, dessen Endlosvideo eines U-Bahn-Tunnels in Echtzeit den Betrachter langsam in die Position desjenigen bringt, der auf den regelmäßig wiederkehrenden dröhnenden Lärm der Bahn wartend an diejenigen denkt, die im Schutzraum auf die unvorhersehbaren Geräusche der Welt vor seinen Toren lauschten.

Vieles aber präsentiert sich dem Besucher als unmotiviert, indifferent - und die Ausstellung als ganze dadurch am Ende leider als eine doch etwas zu beliebige Zusammenstellung zu unterschiedlichster Werke in einem ganz und gar nicht indifferenten oder beliebigen Raum. Etwas kleiner der Anspruch und etwas sensibler die Auswahl der Exponate: das hätte der Ausstellung gut getan.Denn das haben die Macher von "Files" vielleicht übersehen - ein Ort wie der Bunker schreibt seine Geschichte allem ein, was in ihm passiert. Bestand hat da nur, was mit dieser Geschichte und den Erfahrungen, die sie transportiert, auch kommuniziert. "Files" - Kunst als Position im Zeitalter globaler TechnologienEine Ausstellung im "Bunker 4th floor" mit Werken von Angela Bulloch, Heath Bunting, Bigert & Bergstrom, Matthew McCaslin, Constantino Ciervo, Olafur Elliason, Nina Fischer & Maroan el Sani, Dominique Gonzales-Foerster, F. Huber und P. Pocock mit C. Keller und F. Wüst, Rainer Ganahl, Volkhard Kempter, Ange Leccia, Daniel Pflumm, Daniela A. Plewe, Tyyne Claudia Pollmann, Ugo Rondinone, Julia Scher, Alexej Shulgin, Jan Svendungsson, Katrin von Mahlzahn, Pit Schultz, Jane & Lousie WilsonAusstellungsdauer: 2.11.-24.11.1996Öffnungszeiten: Mittwoch, Donnerstag und Sonntag 12:00-20:00h; Freitag und Samstag 15:00-2:00h. Ort: Albrechtstraße 24 (Eingang Reinhardtstraße), 10117 Berlin

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