Kurden erobern Sindschar

Nun gibt es Streit darüber, welche Rolle die PKK bei dem militärisch wichtigen Sieg gegen den IS einnimmt

Die Offensive gegen den IS (Kalifat im Zweifrontenkrieg) war erfolgreich: Die nordirakische Stadt Sindschar ist zurückerobert, lautet die heutige gute Nachricht zum Krieg gegen den IS. Die Frage, wer den Sieg für sich reklamieren kann, ist ein Politikum.

Der Chef des herrschenden Clans der autonomen Region Kurdistan im Irak, Masud Barzani, noch immer als Präsident amtierend, obwohl seine offizielle Amtszeit längst abgelaufen ist, erklärte, dass nur die Flagge Kurdistans über Sindschar wehen dürfe.

Sindschar sei von den Peschmerga befreit worden. Er gratuliere dem Volk Kurdistans, besonders den Jesiden. Sein Dank gelte Amerika und dem kurdischen Volk. Sindschar sei sehr wichtig, weil es zum Symbol der Ungerechtigkeit gegen das kurdische Volk geworden sei.

Dass die Rückeroberung Sindschars sehr wichtig ist, strategisch wie symbolisch, bestreitet niemand, aber es ist eine sehr eigenwillige Perspektive, die von Arbil, dem Sitz der Regierung der Autonomen Region Kurdistan, aus angelegt wird. Das dort ansässige kurdische Nachrichtenportal Rudaw erwähnt wie Präsident Barsani einzig die Peschmerga als Befreier Sindschars.

Zur Erinnerung: Als IS-Milizen im August 2014 die Stadt und die Umgebung eroberten, was wegen der anschließenden Pein und des Exodus der jesidischen Bewohner weltweit für bibelartige Bilder und großes Entsetzen sorgte, machten die Peschmerga eine sehr schlechte Figur, da sie vor den IS-Milizen zurückwichen.

Den flüchtenden Jesiden kamen schließlich die syrischen Kurdeneinheiten, die YPG, zu Hilfe, indem sie den auf die naheliegenden Berge geflüchteten Tausenden Jesiden einen Fluchtkorridor nach Syrien eröffneten.

Daran ist nicht nur die strategische Bedeutung von Sindschar und Umgebung zu erkennen, die Verbindungswege zwischen Irak und Syrien, sondern auch die Rolle, die der PKK nahestehenden kurdischen Verbände in Syrien in der Geschichte spielen.

So fällt auch der Blick auf die Rückeroberung Sindschars, wie er sich im jesidischen Nachrichtenportal Ezidi Press zeigt etwas anders aus als im offiziellen Arbil.

Einheiten der PKK, der êzîdîschen Shingal-Allianz (YBŞ, HPŞ) und der Peshmerga drangen heute Morgen in das Stadtzentrum vor und eroberten Straße für Straße. Derzeit laufen weitere Offensiven im Osten der Stadt, in Richtung der Ortschaft Tel Qaseb sowie im Süden der Stadt. Die noch besetzten Gebiete im Süden sollen in den kommenden Tagen befreit werden.

Davon abgesehen, dass die Stadt noch nicht gänzlich erobert wurde, werden auch andere Kräfte erwähnt, die maßgeblich an der Offensive beteiligt waren. Das Kräfteverhältnis liest sich in einer Esidi-Press-Kurzmeldung so: Von insgesamt 13.000 Widerstandskämpfern gegen den IS, stellten die Peschmerga 7.500, wobei in Klammern hinzugefügt wird, dass die meisten unter ihnen Jesiden seien. 4.500 Kämpfer entstammen der Shingal Allianz aus YBS und HPS und 1.000 Kämpfer kommen aus den Reihen der PKK und der YPG.

Klar ist, dass solche Kurzmeldungen nicht die Verlässlichkeit und Exaktheit von naturwissenschaftlichen Arbeiten haben. Aber, was das politische Moment angeht, so ist der Ton bei Ezidi-Press in der Streitsache versöhnlich: Man müsse die anderen Parteien nicht unbedingt lieben, aber mindestens doch ihren Anstrengungen Respekt zollen, heißt es in einer Kurznachricht. Immerhin hätten diese in monatelangen Kämpfen auch Verluste zu beklagen.

Dass PKK-Einheiten und die YPG eine wichtige Rolle bei der Offensive in Sindschar gespielt haben, berichtet auch die New York Times. Dort wird gar angedeutet, dass die PKK-Kämpfer an mancher Stelle die ersten waren. Als Quelle dafür wird allerdings ein "PKK-General" angegeben. Auch aus dieser Position ist keine wissenschaftliche Objektivität zu erwarten.

Schaut man sich aber an, wie sich die sogenannte Shingal-Allianz zusammensetzt - aus YBŞ und HPS - so ist die Behauptung aus Arbil, wonach keinerlei PKK bei der Rückeroberung im Spiel war, leicht zu falsifizieren: Die YPG hat bedeutenden Anteil am Aufbau der YBŞ.

Das Politikum besteht einmal in der Außendarstellung - die Peschmerga hatte einiges für ihre beschädigte Reputation gutzumachen - zum anderen im Einfluss der PKK auf Kurdengebiete im Irak. Wie ernst die Präsenz der PKK im Irak von der Türkei genommen wird, zeigte sich schon im vergangenen Jahrzehnt, während des Irak-Kriegs, als sie in der autonomen Kurdenregion wiederholt Truppen einmarschieren ließ, um die PKK zu verfolgen.

Die Brisanz des Konfliktes zwischen der türkischen Regierung und der PKK hat in den letzten Wochen nicht gerade nachgelassen. Auch zwischen der PKK und der Regierung in Arbil gibt es reichlich Differenzen.

Zu ergänzen wäre noch, dass die USA angeblich mit über 200 Luftangriffen in den letzten Wochen an der Rückeroberung Sindschars beteiligt waren. Die Informationen für die Ziele stammten von kurdischen Kämpfern, wahrscheinlich auch aus jenen Gruppierungen, die für die Türkei, von deren Militärflughafen aus die amerikanischen Kampfjets starteten, als Terroristen gelten.

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