Kurdenkommandant meldet Kontrolle von Tall Abyad

Die Türkei soll die Stadt unter IS-Herrschaft mit Strom versorgt haben

Einem YPG-Kommandanten namens "Huseyin Kocher" zufolge haben die Kurdenmiliz und ihre Verbündeten gestern Abend die seit 2012 von Dschihadisten und seit dem 30. Juni 2014 von der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) beherrschte Stadt Tall Abyad unter ihre Kontrolle gebracht. Unabhängig überprüfen lässt sich diese unter anderem von der BBC, der Nachrichtenagentur AFP und dem ORF gemeldete Behauptung bislang jedoch nicht.

Trifft die Einschätzung des Kommandeurs mit dem für einen Kurden ungewöhnlichen Namen (oder Pseudonym) zu, dann hätte sich die YPG eine Versorgungsverbindung zwischen dem (mit dem irakischen Kurdistan verbundenen) syrischen Kurdenkanton Cizîrê und dem Kanton Kobanê erobert, der im letzten Jahr fast an den IS gefallen wäre.

Außerdem stellt sich dann die Frage, was mit den IS-Terroristen geschehen ist, die die ehemals 15.000 Einwohner zählende Stadt besetzt hielten.Wurden sie allesamt gefangen genommen oder getötet? Zogen sie über eine Verbindungsstraße, die die Kurden erst am Montagnachmittag sperrten, in die Kalifatshauptstadt ar-Raqqa ab? Oder halten sie sich noch in der Stadt auf? Antworten darauf können kurdische Organisationen bislang nicht geben.

Ein Teil der Terroristen könnte zusammen mit sunnitischen Araber in die gegenüberliegende türkische Stadt Akçakale geflüchtet sein. Die türkischen Grenztruppen versuchen dem Ansturm dort am Wochenende unter anderem mit Wasserwerfern zurückzudrängen und zu ordnen. Trotzdem überquerten in den letzten Tagen Tausende die Grenze.

Medienberichten nach sollen sich unter den Einreisenden mindestens 40 verletzte IS-Kämpfer befunden haben. Sie könnten nach ihrer Genesung über den westlich von Kobanê gelegenen Grenzübergang Dscharabulus wieder in das Terrorkalifat einreisen.

Schlacht um Tall Abyad

Die regierungskritische türkische Zeitung Cumhuriyet veröffentlichte Bildmaterial, auf dem zu sehen ist, dass über einem türkischen Flüchtlingslager die schwarze Fahne der Terrorgruppe weht. Ende Mai hatte die Zeitung Bilder und Filme zugänglich gemacht, die ihrer Ansicht nach den Verdacht erhärten, dass der türkischer Geheimdienst MİT Waffen an syrische Dschihadisten lieferte. Can Dündar, der Chefradakteur der Zeitung wurde daraufhin von Staatspräsident Erdoğan angezeigt. Nun drohen ihm lebenslange Freiheitsstrafen wegen "Spionage" und "Terrorpropaganda".

Nach Angaben der türkischen Regierung zeigen die von Cumhuriyet veröffentlichten Bilder nicht die Lieferung von Waffen, sondern von "Hilfsgütern". Ebenfalls umstritten ist eine Recherche der türkischen Zeitung Zaman, der zufolge der Elektrizitätskonzern DEDAŞ Tall Abyad auch dann noch Strom lieferte, als sich die Stadt in den Händen der Terrorgruppe befand. DEDAŞ bestreitet das, kann aber bislang nicht zufriedenstellend erklären, woher Tall Abyad seinen Strom sonst bezog.

Auch gegen die YPG werden Vorwürfe erhoben: Ein Bündnis aus 15 islamistischen Rebellengruppen beschuldigt die Kurdenmiliz, aus den Gebieten um Tall Abyad Araber zu vertreiben und die Häuser und Felder Kurden zur Verfügung zu stellen.

Der YPG-Sprecher Redur Halil spricht dagegen von einem Angebot, das man den Zivilisten aus den Kampfgebieten gemacht habe, um zu vermeiden, dass sie der IS als lebende Schutzschilde missbraucht. Danach könnten sie in den Kantonen Cizîrê und Kobanê mit Obdach und Hilfe rechnen, wenn sie ihre Heimat verlassen, bis die Kämpfe vorbei sind. (Peter Mühlbauer)