Kurdische Separatisten werfen Iran Raketenangriff im Nordirak vor

Bild: HDKA. Screenshot: TP

Angeblich elf Tote und 50 Verletzte

Die Hîzbî Dêmukratî Kurdistanî Êran‎ (HDKA) ist eine iranische Kurdenpartei und -guerilla. Da sie in ihrer Heimat als Terrororganisation verboten ist, hat sich ihre Führung in der benachbarten autonomen Kurdenregion im Irak niedergelassen. Dort kam es am Samstag zu Explosionen, die elf Menschen getötet und weitere 50 verletzt haben sollen. Ein HDKA-Sprecher führte diese Explosion zuerst auf einen iranischen Drohnenangriff zurück. Später korrigierte die Partei diese Meldung mit Bildern von Raketen, die ihren Angaben nach aus dem Iran kamen.

Bereits am Donnerstag hatte die Gruppe einen Granatenbeschuss gemeldet, der aber wenig Schaden angerichtet haben soll. Die kurdische Regionalregierung hatte Teheran daraufhin vorgeworfen, die territoriale Integrität und die Gesetze des Irak zu verletzen. Aus der iranischen Staatsführung gibt es bislang keine Stellungnahme zu diesen Vorwürfen, über die in iranischen Medien nicht berichtet wurde.

Von der Teheraner Nachrichtenagentur Fars bestätigt wurden dagegen die am Samstag erfolgten Hinrichtungen der drei Kurden Ramin Hossein Panahi, Zanyar Moradi und Loghman Moradi. Die beiden Moradi-Vettern hatte man 2009 festgenommen und vor Gericht gestellt, weil sie 1988 den Sohn des Imams von Mariwan ermordet haben sollen. Die Geständnisse, die sie ablegten, könnten Amnesty International zufolge durch Folter erzwungen worden sein.

Den erst 1995 geborenen Panahi nahmen die Sicherheitskräfte 2017 fest. Dabei soll das Mitglied der verbotenen kurdischen Komala-Organisation bewaffnet gewesen sein, was Grundlage für sein Todesurteil war. Die in Deutschland lebende iranische Oppositionelle Mina Ahadi (vgl. "Man kann die Jugend nicht mehr von aller Welt trennen") sagte der Bild-Zeitung, die Hinrichtung Panahis und der anderen beiden Kurden sei "schon eine sehr große Sache, denn das Regime ha[be] schon seit mindestens vier oder fünf Jahren keine politischen Gefangenen mehr hingerichtet". Damit "signalisiert" es ihrer Ansicht nach "den Menschen im Iran und insbesondere in Kurdistan, dass es auch mit Gewalt und Blut seine Herrschaft fortsetzen wird", auch wenn es sich "in einer Sackgasse" befinde, weil es von den Menschen nicht mehr gewollt werde.

Außer dem Iran soll am Samstag auch die Türkei Stellungen kurdischer Exilseparatisten im Nordirak angegriffen haben. Der Politikwissenschaftler Thomas Spahn glaubt deshalb, dass der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan beim Syriengipfel am Freitag "seine Verbündeten in Idlib faktisch verraten und im Gegenzug die Zusage erhalten [haben könnte], dass es autonome Gebiete der Kurden nicht geben wird". Die Kurden, die diese autonomen Gebiete im Irak und in Syrien beherrschen, sind mit den USA verbündet - einem Land, das dem iranischen Staatspräsidenten Hassan Rohani zufolge einen "Wirtschafts-, Psycho- und Propagandakrieg" gegen den Iran führt.

Im Iran leben etwa sieben bis zehn Prozent Kurden, die vor allem im Grenzgebiet zur Türkei und zum nördlichen Irak siedeln. Anders als das iranische Staatsvolk der Perser sind sie mehrheitlich keine Schiiten, sondern Sunniten (wie die Kurden in der Türkei, in Syrien und im Großteil des Irak).

Die Versuche, sich aus dem persisch-sassanidischen Staatsgebilde zu lösen, sind zahlreich und reichen bis in die frühe Neuzeit zurück. Kurzfristig erfolgreich waren sie nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Ein Staat, den der Kurde Simko aus dem Sihak-Stamm 1918 ausrief, hatte bis 1922 Bestand, führte danach aber zu Enteignungen und Deportationen durch Reza Shah. 1946 versuchte der von der Stalin unterstützte Qazi Muhammad mit seiner Komeley Jiyanewey Kurd in Mahabad noch einmal dasselbe, scheiterte damit aber bereits nach einem Jahr.

Beim Sturz des Schah versuchten kurdische Gruppen eine Abspaltung erneut. Der Bürgerkrieg, in dem das geschah, dauerte bis 1983 und kostete ungefähr 10.000 Menschen das Leben. Trotzdem gibt es auch heute noch (beziehungsweise wieder) eine bewaffnete Guerrilla. (Peter Mühlbauer)

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