Kurven, Knatsch und (Borsten-) Kiefern

Klimaforschung zwischen Wissenschaftskontroverse und Hexenjagd

Es war einmal eine berühmte Klimakurve. Das Diagramm, von Freund wie Feind bildhaft "Hockey Stick" genannt, erblickte im Rahmen zweier Veröffentlichungen, 1998 in Nature und 1999 in der paläoklimatischen Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" (GRL) das Licht der Welt. Erstellt von Erstautor und Geophysik-Professor Michael Mann und seinen Co-Autoren Raymond Bradley und Malcolm Hughes goss sie wie keine andere die weithin anerkannte These vom anthropogen verursachten Treibhauseffekt in eine optische Form.

Die von Stund an einsetzende Kritik am "Hockey Stick" gipfelte in der Veröffentlichung zweier kanadischer Klimaskeptiker in der Februarausgabe der "Geophysical Research Letters". Darin werfen Steve McIntyre und Ross McKitrick, Michael Mann mangelhafte Datendokumentation, problematische Datenauswahl und fehlerhafte statistische Auswertung vor. Ihr Artikel stieß auf beachtliches öffentliches Interesse, und regte Diskussionen an, die bis heute nicht abebben wollen. "Hat ein ganzer Forschungszweig seine wissenschaftliche Redlichkeit verloren?" titelte unlängst ein populärwissenschaftliches öffentlich-rechtliches Wissensmagazin; gemeinsam allerdings mit Schicksalsfragen wie "Werde ich schneller blau. wenn ich mein Bier mit dem Strohhalm schlürfe?" oder "Ist Schluckauf ansteckend?" Nichts desto trotz; ausgerechnet kurz nach Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls am 16 Januar scheint es zu knirschen im wissenschaftlichen Gebälk.

"That discovery hit me like a bombshell, and I suspect it is having the same effect on many others. Suddenly the hockey stick, the poster-child of the global warming community, turns out to be an artifact of poor mathematics", beschrieb Richard Muller seinen Eindruck nach der Lektüre des Artikels Hockey Sticks, Principal Components and spurios significance der beiden Kanadier. Auch der deutsche Ableger der Zeitschrift Technology Review mochte sich in seiner Märzausgabe mit einem Artikel aus der niederländischen Publikation "Natuurwetenschap und Techniek", der Kritik in wesentlichen Punkten anschließen. Aber worum geht es wirklich bei dem Streit um das Hockeyschläger-Diagramm? Es zeigt die Schwankungen der Jahresdurchschnittstemperaturen der Nordhemisphäre im Verlauf des letzten Millenniums (Abb.1, schwarz).

Bis ins 20. Jahrhundert nur "leicht gewellt", repräsentiert der Stil eines liegenden Hockeyschlägers ein über Jahrhunderte relativ stabiles globales Klima. Doch mit Eintritt ins Industriezeitalter in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schwingt sich die stilisierte Kurve empor wie die abgewinkelte Schlagfläche (Abb. 1, schwarz und rot). Darüber, dass dieser Temperaturanstieg auch die Folge eines durch CO2 verursachten Treibhauseffekts und dieser wiederum hauptsächlich durch die intensive Verbrennung fossiler Rohstoffe zu erklären ist, herrscht unter Wissenschaftlern weitgehend Einigkeit.

Aber der Mannsche Hockeyschläger trug möglicherweise dazu bei, wissenschaftliche Erkenntnisse in sozialen Konsens – mit Namen Kyoto-Protokoll - zu transformieren. So war der Hockeystick auf zahlreichen Broschüren, Präsentationen und Zeitungsartikeln zu finden und wurde vor allem vom UN-Klimaausschuss IPCC in die Kurzfassung des Klimaberichts von 2001 (Klimaerwärmung in Zukunft schneller als bislang angenommen) aufgenommen. Dadurch wurde der Hockeyschläger zum Symbol, aber durch seine Leuchtkraft auch zur bevorzugten Zielscheibe all derer, die die These des anthropogenen Treibhauseffekts vom Sockel zu stoßen trachteten.

Hockeyschläger-Diagramm nach Mann et al. (1999). Rekonstruktionen aus Baumringen, Korallen, Bohrkernen, etc. (schwarz, blau); direkte Temperaturmessungen von Messstationen ab 1850 (rot), korrigierte Daten (grün) von 1400 bis 1980 nach McIntyre & McKitrick (2005).

Aus diesem Grund hat sich um die Stichhaltigkeit der Mannschen Studie aus den Jahren 1998 und 1999 eine Auseinandersetzung entsponnen, die mit mindestens soviel ideologischem wie wissenschaftlichem "Engagement" geführt wird. Die Folge ist eine hoch politisierte Debatte, die sich mittlerweile an einzelnen Personen festmacht und sich von der Klärung eines wissenschaftlichen Sachverhalts zusehends entfernt hat. Auf der einen Seite Michael Mann, durch seine Hockeyschläger-Veröffentlichungen bereits in jungen Jahren zu Ruhm und Ehren gekommen; auf der anderen Seite die beiden kanadischen Klimaskeptiker, der Mathematiker im Dienste eines Bergbau-Unternehmens, Steve McIntyre und der Wirtschaftswissenschaftler Ross McKitrick.

Wer sich nun fragt, was einen Klimaskeptiker eigentlich ausmacht, dem sei erklärend an die Hand gegeben, dass sich die Spezies der Klimaskeptiker hauptsächlich aus Personen rekrutiert, die aus einer Reihe letztlich ähnlich anmutender Gründe die derzeitige Erderwärmung entweder gänzlich abstreiten, für die Folge rein natürlicher Klimaschwankungen oder für eine für jedermann vorteilhafte Angelegenheit halten. Als Quintessenz der Kritik lässt sich mit schöner Regelmäßigkeit das zentrale Mantra extrahieren, dass es sich bei der These vom anthropogenen Klimawandel und seiner institutionalisierten Problematisierung durch das IPCC um das Meinungskartell einer Bruderschaft von Öko-Freimaurern handelt, welche einzig zwei Ziele verfolgt: die eigene Finanzierung zu sichern und uns alle auf direktem Weg zurück in die sozialistische Planwirtschaft zu katapultieren.

Vertreter dieser Spezies finden sich bevorzugt im Dunstkreis wahlweise konservativer oder neoliberaler Think Tanks, der Kohle und/oder Erdölindustrie. Zur Diskreditierung der Klimaproblematik und der Klimaforscher bedienen sich die Skeptiker dabei des gängigen Strickmusters von Vereinfachungen, der Einstreuung falscher Behauptungen und der Zitierung von einzelnen abweichenden Expertenmeinungen. Originalität, Fehlanzeige – dafür reichlich schrill tönende Polemik.

So gleicht auch die jetzige Debatte streckenweise eher einer persönlichen Diffamierungskampagne als der sachlichen Klärung wissenschaftlicher Fachfragen. Klimaskeptiker sind zwar nicht die einzigen Personen (es soll hin und wieder tatsächlich ein "Unabhängiger" gesichtet werden), die Kritik am Hockeystick und/oder dem IPCC üben, aber leider sind die Skeptiker unter den Kritikern nicht nur eindeutig in Überzahl, sondern blöken – einer Hammelherde nicht unähnlich - auch noch am lautesten.

Was war nun genau passiert? McIntyre und McKitrick, nicht etwa selbst beruflich mit der Materie befasst, lernten sich in einem Internetforum für Klimaskeptiker kennen und beschlossen, die oft zitierte Studie von Mann et al. nachzurechnen. Im Gegensatz zu McKitrick hatte sich McIntyre zwar bis dato noch nicht durch die Zurschaustellung seines wissenschaftlichen "Könnens" mit zweifelhaftem Ruhm bedeckt, aber der Auswahl gerade dieses Co-Autors, einem Mitglied des marktliberalen aber ansonsten ultrakonservativen Fraser-Instituts, kommt bereits eine gewisse Aussagekraft zu.

Nach der Analyse, die nach ihren Angaben auf den gleichen Daten basiert wie Manns Studie, kamen die beiden Kanadier zu dem Schluss, dass die Temperaturen im späten Mittelalter (15. Jahrhundert) schon einmal ähnlich hoch lagen wie heute (Abb. 1, grün). Das würde bedeuten, dass die Temperaturen in vorindustrieller Zeit bereits deutlich stärker geschwankt haben könnten, als der Mannsche Graph nahe legt.

Dem Problem liegt der Umstand zugrunde, dass man die Klimageschichte der Erde nicht einfach aus alten Messdaten zusammenstellen kann. Mit der Sammlung halbwegs flächendeckender Temperaturmessungen hat man erst um 1850 herum begonnen. Für die Zeit davor ist man auf indirekte Indikatoren angewiesen, aus denen sich Temperaturwerte ableiten lassen. Wichtige Quellen für diese so genannten Temperatur-Proxies sind beispielsweise Eisbohrkerne, Korallen, Sedimente oder die Jahresringe von Bäumen. Um aus Jahresring-Aufzeichnungen Temperaturen abzuleiten, muss man wissen, wie sich beispielsweise die Dicke der Jahresringe einer bestimmten Baumart in einer bestimmten Region mit der jährlichen Durchschnittstemperatur ändert (Abb. 2).

Wachstumsringe eines Baumes. Bild: Jan Esper, WSL, Schweiz

Eine einzelne Proxy-Zeitreihe spiegelt dabei zunächst nur den Temperaturverlauf einer bestimmten Region wieder. Ist man aber an dem globalen Effekt oder zumindest an dem auf der Nordhalbkugel interessiert, ist es notwendig, Datenreihen aus verschiedenen Regionen miteinander zu kombinieren.

Die "Multi-Proxy-Studie" von Mann et al. stützte sich hauptsächlich auf Jahresring-Chronologien, ergänzte ihr Datenmaterial aber durch Werte, die aus Eisbohrkernen, Korallen und älteren Temperaturangaben und Niederschlagswerten (überwiegend aus Westeuropa) stammten. Kalibriert wurden die Proxies mit Hilfe von Temperaturaufzeichnungen aus den Jahren 1902 bis 1980.

Für eine realistische Rekonstruktion der Nordhemisphären-Temperaturen versuchte das Forschertrio möglichst gleichmäßig verteilte Proxy-Daten zu verwenden. Das stellte sich jedoch als schwierig heraus, denn die Mehrheit der vorhandenen Proxies waren Jahresring-Chronologien aus dem Südwesten der USA. Michael Mann griff deshalb auf die so genannte Hauptkomponentenanalyse (PCA) zurück. Mit ihrer Hilfe konnte er die Jahresring-Standorte zu Netzwerken zusammenfassen und so eine geographisch ausgewogene Verteilung erreichen.

Ein Lieblingsthema McIntyres im bunten Kritik-Potpourri ist ein ums andere Mal die schlampige Datenhaltung und -dokumentation von Michael Mann und anderen Klimaforschern wie Thomas Crowley (Autor einer anderen Hockeystick-Veröffentlichung). Sollten die Anwürfe stimmen, ist die Kritik vollkommen berechtigt. Die Dokumentation und Nachvollziehbarkeit ist von entscheidender Wichtigkeit für die gesamte Wissenschaft und ein Umgang mit Daten, wie scheinbar von Crowley praktiziert, ist nur schwerlich nachvollziehbar. Eine andere Interpretationsmöglichkeit wäre aber, dass die Autoren Steven McIntyre, der sich alsbald als Wolf im Schafspelz und an sachlicher Fachdiskussion wenig interessierter Klimaskeptiker, entpuppt haben dürfte, ihr Datenmaterial nicht überlassen mochten; denn freiwillig die eigene Demontage befördern will wohl niemand.

Weitere Kritikpunkte McIntyres an der Mannschen Studie sind eine nicht der Konvention entsprechende Normierungsroutine bei der Durchführung der Hauptkomponenten-Analyse, die offenbar dazu führt, dass Datenreihen mit Hockeyschläger-Form die gesamte Analyse dominieren. Bei Anwendung der in der Mathematik gebräuchlichen Normierung lägen die Temperaturwerte für das 15. Jahrhundert erheblich über den von Mann et al. errechneten (Abb. 1, grün). Mittels Monte-Carlo-Analyse (Eingabe von Zufallsdaten) zeigten die Kanadier auf, dass die Nutzung der Mannschen Normierung zumindest in Frage gestellt werden kann.

Die abweichende Normierungsroutine wog jedoch offenbar nicht so schwer, dass mit ihr ausschließlich Hockeyschläger zu erzielen wären, wie in einem späteren mathematischen Schritt von McIntyre gezeigt wurde. Hier offenbart sich dann auch ein entscheidender Punkt: Statistik-Auswertungen sind mathematische Konstrukte, die sorgsam angewendet, versteckte Trends in diffusen oder unklaren Datensätzen aufzeigen können und sollen. Sie sind jedoch immer und in erster Linie abhängig von der zugrunde liegenden Datenbasis. Ließ McIntyre einen Teil der Daten weg, konnte er auch mit Manns angeblich grob fehlerhaftem Fortran-Programm keine Hockeyschläger mehr produzieren, sondern die Graphen sahen so aus wie seine.

Borstenkiefer oder Bristlecone Pine aus Kalifornien. Grafik: Gymnosperm Database der Universität Bonn

Was zum Kern der McIntyreschen Kritik überleitet; der Verwertung von Borstenkiefer-Zeitreihen durch Michael Mann und Co-Autoren. Nach Aussage McIntyres handelt es sich bei Borstenkiefern aus dem Westen der USA um eine hoch umstrittene Spezies, deren Baumringwerte von Mann et al. für Teile des 15. Jahrhunderts nicht hätten extrapoliert werden dürfen. Die beiden Forscher Donald Graybill und Sherwood Idso hatten die Borstenkiefern-Reihen 1993 analysiert und darin einen ungewöhnlichen Wachstumsschub für das 20. Jahrhundert festgestellt.

Graybill und Idso selbst erklärten den Wachstumsschub mit erhöhter CO2-Konzentration in der Luft, denn sie schlossen aus, dass er auf erhöhte Temperaturen zurückzuführen war. Eine Korrektur (nach unten) der Daten für das 15. Jahrhundert sei unzulässig, da es sich bei dem Wachstumsschub um keine temperaraturabhängige Größe gehandelt habe. Die Quintessenz hätte daher lauten müssen, die Borstenkiefer-Daten nicht zu extrapolieren oder. besser noch. Borstenkiefer-Reihen ganz wegzulassen. Dabei vergisst McIntyre wie üblich das Wesentliche zu erwähnen. Brauchbare Datensätze, derer sich die Klimaforschung bedienen kann, liegen nun mal nicht auf der Straße bzw. in der Pampa. Mitunter ist es daher notwendig, mit suboptimalem Material zu arbeiten, da schlicht kaum Alternativen verfügbar sind. So haben Mann et al. auf die Limitierungen der Verwendung von Borstenkiefer-Reihen in ihrer Veröffentlichung 1999 eigens hingewiesen. Allerdings nicht für das 15 Jahrhundert, sondern lediglich für die Zeit zwischen 1000 und 1399.

Möglich ist nun, dass Borstenkiefer-Zeitreihen im Nachhinein wenig geeignet erscheinen, zu Temperatur-Rekonstruktionen beizutragen. Auch ist möglich, dass sich Baumring-Chronologien generell weniger gut eignen, längerfristige Klimatrends wie die Mittelalterliche Wärmeperiode und die Kleine Eiszeit herauszuarbeiten, wie von Anders Moberg kürzlich in einer Nature-Veröffentlichung postuliert wurde. Das sind jedoch Themen, die die Wissenschaft durchaus willens und in der Lage sein sollte, selber zu klären. ohne dabei einen normalen wissenschaftlichen Vorgang zu einem Wissenschaftsskandal hochzustilisieren. So merkte Professor Ulrich Cubasch, Meteorologe von der FU Berlin, der seinerseits die Mannsche Kurve nachrechnen ließ und nicht reproduzieren konnte, in Technology Review völlig zu recht an:

Wir haben uns bemüht, Steine umzudrehen und jede Menge Würmer darunter gefunden; so funktioniert Wissenschaft nun mal. Aber, wenn die Klimaskeptiker merken, dass es irgendwo Unsicherheiten in den Ergebnissen gibt, sehen sie das sofort als Beweis dafür an, dass die gesamte Klimaforschung nur Unsinn produziert. Ich halte es für unzulässig, aus einer speziellen Wissenschaftsdebatte eine Fundamentalkritik an der Klimaforschung und am IPCC festzumachen.

Was haben die Hockeystick-Debatte und das IPCC miteinander zu tun? Professor Hans von Storch, Mathematiker vom Küstenforschungszentrum in Geesthacht, stellt den Zusammenhang folgendermaßen dar:

Das Problem ist, dass diese Kurve politisch völlig überschätzt wird. Weder ist sie zwingend notwendig, um die gegenwärtige rasante Erwärmung zu erklären, noch dafür um die Verantwortlichkeit des Menschen nachzuweisen. Wenn nun wissenschaftliche Kritik an der Kurve dem IPCC ein Glaubwürdigkeitsproblem beschert, dann sei das Gremium selber schuld. Das IPCC-Establishment habe die Kurve zu einer Ikone erhoben und seiner Sache damit einen Bärendienst erwiesen.

Wie Professor Stefan Rahmsdorf vom PIK in Potsdam betont, ist die Äußerung des IPCC zum Hockeyschläger aber eher vorsichtiger Natur. Steht doch in der Summary for Policymakers der Satz zu lesen:

Es ist WAHRSCHEINLICH, dass auf der Nordhalbkugel die 1990er Jahre das wärmste Jahrzehnt und 1998 das wärmste Jahr der letzten 1000 Jahre war.

Ross McKitrick hingegen hält den IPCC für einen Haufen karrieregeiler Opportunisten, die dringend daran gehindert werden müssen, leichtfertig das Geld des Steuerzahlers durch den Kamin zu rauchen. Beliebter Schachzug unter Klimaskeptikern ist übrigens, bei jeder Gelegenheit den Steuerzahler aus dem Hut zu zaubern, wie der große Houdini sein weißes Kaninchen. Aber McKitrick ist nicht der einzige, den bei der angeblichen Machtfülle des IPCC ein ungutes Gefühl beschleicht. Zu Recht?

Thomas Stocker, Geophysik-Professor aus der Schweiz, beschreibt den Prozess, der zum IPCC-Klimabericht von 2001 führte, als aufwendig und transparent. Rund 2.500 WissenschaftlerInnen arbeiteten während dreier Jahre daran mit und brachten ihre Forschungsergebnisse ein. Auch Skeptiker und langjährige Kritiker, wie z. B. Professor Richard Lindzen vom MIT, konnten sich beteiligen. Ein nicht auszurottendes Missverständnis über das IPCC lässt sich unter dem Begriff "Konsenswissenschaft" verschlagworten. Wobei den Kritikern zumindest eine blühende Phantasie nicht abhanden gekommen ist, wenn sie das Erstellen eines wissenschaftlichen Berichts mit der Musketier-Romantik des 17. Jahrhunderts assoziieren: "Alle für einen – einer für alle."

Das IPCC macht jedoch keine Forschung, sondern fasst lediglich Erkenntnisse zusammen, die zuvor bereits in wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert wurden. Zu diesem Zweck macht das Gremium alle fünf bis sieben Jahre eine Momentaufnahme des aktuellen wissenschaftlichen Sachstands in Form eines Statusberichts. Wenn unter den Wissenschaftlern kein Konsens besteht, so wird das in den Berichten des IPCC deutlich hervorgehoben – wie etwa bei der Rolle der Wolken für die globale Erwärmung.

Zu politischen Fragen äußert sich das IPCC selbst nicht; kann jedoch, wie gesehen, eine Politisierung der gemeinsamen Arbeit intern wie extern kaum verhindern. Ein Meeting des IPCC Mitte Mai zwecks Vorbereitung des nächsten Weltklimaberichts (erscheint 2007) könnte bereits erste Hinweise geben, wie der Ausschuss gedenkt, mit dem Sorgenkind Hockeyschläger zukünftig zu verfahren. Man darf gespannt sein, wie viel differenziertes Denken die IPCC-Altvorderen ihrer Leserschaft zutrauen. Haben sie sich doch ohne Not in eine Sackgasse manövriert, aus der selbst Schumi kaum noch die Kurve kriegen würde. Glaubt man der Gerüchteküche, wird das Gremium am Hockeyschläger festhalten. Offenbar herrscht dort die Meinung vor, dass ein Hockeystick mit Knacks besser ist als gar keiner. Bleibt zu hoffen, dass aus dem Hockeystick kein Krückstock wird.

Es werden noch einige Jahre vergehen, ehe zu allen Fragen in Sachen Klima und Mensch gesicherte Antworten vorliegen. Auch auf diesem Forschungsfeld, wie in jeder Wissenschaft, müssen immer wieder Einzelergebnisse und Arbeitshypothesen hinterfragt werden. Die naive – oder bewusste? – Missinterpretation solcher kritischer Forschung sowie die Verwechslung von "Hypothesen" mit "Fakten" in Sachen Klima, Sonne und Mensch hat in letzter Zeit zu einiger Verwirrung geführt und den falschen Eindruck erweckt, die Klimaforschung und ihre Erkenntnisse seien als Ganzes in Frage zu stellen.

Ulrich Cubasch über die Schieflage der momentanen Debatte

Besonders schief gewickelt ist dabei Steve McIntyre, der indes dazu übergegangen ist, jede nur irgendwie mit dem Hockeyschläger-Diagramm in Zusammenhang erscheinende Publikation einer "kritischen Durchsicht" zu unterziehen. Davon zeugt auch der Name seines Webblogs Climateaudit, was bereits impliziert, ein Audit der betroffenen Wissenschaftler und Themen, sei nötig, durch ihn Steven McIntyre, Jean D'arc an der Spitze des Heeres der Klimaskeptiker. Aber nicht alle Kritiker des IPCC im Allgemeinen und/oder des Hockeystick im Besonderen sind Pseudo-Aufklärer mit zuviel Zeit, Geld (von wem auch immer) und fixen Ideen. Auch Hans von Storch legte in einem Spiegel-Artikel seine kritischen Argumente zu Institutionen und Thesen dar.

Dabei ersparte er uns für dieses Mal glücklicherweise, die Elendsrhetorik des dänischen Anti-Öko-Gurus Björn Lomborg und der auf ähnlicher Welle surfenden Trendhopper Maxeiner und Miersch, deren Ökobashing, gefühlte 500 Mal gelesen, mittlerweile einen ähnlich originellen Geschmack hinterlässt wie ausgelutschter Hubba Bubba. In den geistigen Ergüssen dieser Herrschaften werden gerne Umweltthemen gegen Armut, Aids, Mangelernährung (setzten Sie weitere Themen ihrer Wahl ein) in der Dritten Welt in die Waagschale geworfen, ein (nicht vorhandener) kausaler Zusammenhang hergestellt und plump-dreist das eine gegen das andere abgewogen.

Zeigt dies einerseits, dass niemand vor Parteinahme gefeit ist, hat Hans von Storch dennoch in dem Punkt Recht, dass die massive Medienpräsenz der Skeptiker (vor allem im Internet) nicht zu Einschüchterung und Selbstzensur der Wissenschaft führen darf. Ob sie mag oder nicht; will Klimaforschung ihre Glaubwürdigkeit behalten, ist es an der Zeit wichtige Themen selbst und verstärkt zu besetzen. Ansonsten wird sie auch in Zukunft mehr Gesprächsstoff liefern als selber zu Wort kommen. Vor diesem Hintergrund ist der kürzlich initiierte "Forscher-Weblog" www.realclimate.org, an dem auch Stefan Rahmsdorf mitschreibt, die schlechteste Idee nicht.

Rahmsdorf, der Kevin Kostner der Klimaforschung, der mit Fug und Recht den Beinamen "Der sich den Wolf erklärt" tragen dürfte, vergisst leider trotz (oder gerade wegen?) seiner lobenswerten Bemühungen auch bisweilen Ross und Reiter zu nennen. So macht er ungeniert Werbung für den besagten Blog als Stimme der unabhängigen Wissenschaft. Ins Leben gerufen wurde dieser Blog jedoch von Michael Mann und assoziierten Hockey-Kollegen. Das eine muss das andere zwar nicht ausschließen, aber egal wie der Streit um den Hockeyschläger ausgehen mag; von Michael Mann wird man nach einer derart emotionalisierten Debatte schwerlich eine objektive Stellungnahme zu seiner eignen Arbeit erwarten können. Dementsprechend hält er auch verbissen an seinem Hockeyschläger wie eine Bulldogge am Hosenbein des Briefträgers fest.

Gar nicht gut. Könnte das doch dazu führen, dass wie im amerikanischen Parlament nicht selten zu beobachten, Schreiber von Dinosaurier-Geschichten für glaubhafter erachtet werden als renommierte Fach-Wissenschaftler. Michael Crichtons "Differenziertheit" in Bezug auf dieses Thema bricht sich in Sätzen wie dem folgenden Bahn:

"An einem Ort wird es wärmer, an einem anderen nicht. Mal wird es wärmer und auch das Kohlendioxid steigt, manchmal steigt der CO2-Level, aber es wird kälter. Nicht gerade das, was man klare Resultate nennt.

Crichton stellt sich dabei den Klimawandel offenbar so vor, als würde er eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben: Kalt rein – heiß raus. (Stefanie Schneider)

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