Kurzgeschorene Rasen müssen peinlich werden

Praxistipp zur Renaturierung

Um es nicht bei der Problemklage zu belassen, hier noch eine Kurzanleitung zur Renaturierung von Rasenflächen. Wiesen sind entstanden durchs Äsen großer Pflanzenfresser, die es in Europa wohl über viele hunderttausend Jahre gegeben hatte und die überwiegend vom Menschen ausgerottet wurden. Etwa später nahmen mit Domestizierung und Zucht Rinder und Ziegen/ Schafe und Hausschweine diesen Platz ein. Wiesen waren also nie geschützte, unberührte Flächen, sondern sie wurden extensiv genutzt - bis der Mensch Techniken zur Intensivnutzung entwickelte und damit eine kolossale Verarmung herbeiführte.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen einen signifikant höheren Artenreichtum auf zweischürigen Wiesen gegenüber ständig kurz gemähten. Auf einer naturnahen Wiese kommen etwa 50 Pflanzenarten auf 25 qm vor, auf intensiv genutzten sind es meist 70% weniger. Für viele Insekten konnte eine direkte Korrelation in der Vielfalt der Pflanzenarten zu den Tierarten nachgewiesen werden.

Lässt man einen bisher steril kurz gehaltenen Rasen wieder in die Höhe wachsen, kommen nach und nach über die Samenverbreitung von Wind und Tieren weitere Pflanzenarten hinzu. Eine naturnahe Wiese wird nur ein- bis zweimal im Jahr gemäht, und zwar am besten stückweise, so dass Flächen verschiedener Wachstumsstufen beieinander liegen ("Mosaikmahd"). Dadurch kommen möglichst viele Pflanzenarten bis zur Samenreife, und der Wechsel von hohen und niedrigen Gräsern und Kräutern bietet einen optimal strukturierten Lebensraum selbst im kleinsten Garten.

Bild: F.R.

Hochgewachsene Wiesen können mit Rasenmähern nur mit Mühe und bestimmungsfremder Nutzung geschoren werden. Da solche Sichelmäher alles kurz und klein schneiden, sind sie ökologisch sowieso besonders schlecht. Anstatt nun für eine kleine Grünfläche einen Balkenmäher anzuschaffen, nehmen sportive Menschen die Herausforderung einer Sense an. Sie verlangt einige Übung, doch dann ist Sensen ein geradezu meditativer Vorgang. Praktiker wie Ulrike Aufderheide raten bei kleinen Flächen zur Sichel, mit der die Pflanzen eher wie mit einem Buschmesser abgehackt werden, was statt Übung nur etwas Kraft erfordert.

Der Wiesenschnitt sollte zunächst auf der Wiese bleiben und zum Trocknen mehrmals gewendet werden, damit die Samen abfallen. Über das fertige Bio-Heu freuen sich Meerschweinchen, Hasen, Hühner, Schweine oder was man sonst in der Nachbarschaft hat. Wenn es keine Abnehmer gibt, bildet es, am besten zusammen mit Ästen, in einer Gartenecke ein eigenes Mini-Biotop (wohingegen das klassische Schnittgut vom Englischen Rasen nutzlose und unschöne Schimmelhaufen ergibt).

Eine bunte Blumenwiese wie im Bilderbuch entsteht so zwar meist nicht, dafür sind an den meisten Standorten umfangreichere Arbeiten nötig. Dennoch ist der Erfolg bereits im ersten Jahr anhand vieler Insekten sichtbar. Und während die kurzgeschorenen Rasenflächen der Stadt im Sommer austrocknen und verbräunen, bleibt die höher gewachsene Wiese mit ihren Kräutern ordentlich grün. (Timo Rieg)