Kuschelnoten machen hochschulunreif

Grafik: TP

KAS-Studie: Immer mehr Schüler werden bis zum Abitur "durchgewunken", ohne die Kenntnisse zu haben, die für ein Studium mit guten Berufsaussichten nötig wären

Einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zufolge erwirbt in Deutschland inzwischen mit 53,3 Prozent eine Mehrheit der Schüler die Hochschulzugangsberechtigung - aber drei Vierteln davon fehlen grundlegende Kenntnisse, die für ein Studium notwendig sind. Nicht nur Hochschulen, sondern auch Ausbildungsbetriebe müssen deshalb nachbessern und zum Beispiel Englisch- oder Mathematikkenntnisse in Brückenkursen vermitteln. Weil das nicht überall der Fall und nicht in immer von Erfolg gekrönt ist, brechen jeweils ein Viertel der Bachelor-Studenten und der Auszubildenden ihr Studium oder ihre Lehre ab.

34 Prozent derjenigen, die ihr Studium beenden, scheitern danach in der Probezeit. Eine andere Problemgruppe studiert Modefächer, die weniger hinterfragen, als Dogmen und Tabus zu lehren, und in denen die Anforderungen entsprechend niedriger sind. Für die Absolventen solcher Studiengänge gibt es danach allerdings häufig keine Arbeit.

Eine Ursachen der Misere ist der Studie zufolge eine "beschönigende Notengebung auf massiven Druck seitens Eltern und Politik" hin. Da Jugendliche ihren Erkenntnissen nach "weniger mitzubringen [scheinen], als wir [...] ihnen attestieren", schlagen die Autoren vor, Mindeststandards festzusetzen, die "ausnahmslos für alle und jeden gelten" und an denen sich Lehrer, Schüler und Eltern orientieren können.

Außerdem regt die Studie an, dass sich Bildungspolitiker einige "selbstkritische Fragen stellen". Zum Beispiel die, ob die Vorstellung "vom selbständigen und kompetenten Kind, das den Schulstoff wissbegierig und weitgehend in ‚Eigenregie‘ aufnimmt", wirklich eine ist, die für den Großteil der "normal begabten" Kinder zutrifft. Die, ob "wir unseren Kindern möglicherweise vor[enthalten], dass gute Leistungen und Kreativität für die meisten Menschen nicht ohne Anstrengung zu erreichen sind". Und die, warum Lehr- und Stundenpläne "Grundprinzipien des Lernens" wie "Vertiefung und Anwendungsübung, kaum noch Raum ein[räumen].

Zur dieser Frage liefert die Studie auch eine mögliche Erklärung, wenn es dort heißt: "Zugegeben: Der ‚Coolnessfaktor‘ des Repetierens und anderer traditioneller ‚Relikte‘ des Lernerfolges strebt gegen Null, aber im Alter von zwanzig oder mehr Jahren in der Hotelfachausbildung am Englischen zu scheitern oder [...] im naturwissenschaftlichen Studium mit Grundlagen der Analysis auf Kriegsfuß zu stehen, ist auch nicht zielführend."

Der Bayreuther Professor Gerhard Wolf, einer der Autoren der Studie, klagt im ARD-Magazin ttt sogar, dass bei Studienanfängern in den Ingenieurwissenschaften nicht einmal mehr Prozent- und Bruchrechnung "sitzen". Er spricht von einer "Kultur des Durchwinkens", die von der Politik forciert wurde und sich "schleichend etablierte".

Dieser Meinung ist auch der Hamburger Lehrergewerkschafter Helge Pepperling, der erklärt, wie so etwas konkret geht: "Wenn Sie das, was früher Drei genannt wurde, Eins nennen, dann haben Sie lauter Einserkandidaten." Schlechte Schüler "schleift" man seiner Ansicht nach "bis zum Ende mit", weil Sitzenbleiben "in vielen Bundesländern ‚out‘" ist und "als pädagogisch unsinnig und teuer" gebrandmarkt wird. Mit diesem "Ist-Zustand in der Bildung" sind Pepperlings Wahrnehmung nach alle zufrieden: "Die Politik freut sich, dass sie schöne Zahlen veröffentlichen kann, die Eltern freuen sich, weil ihre Kinder super Schulabschlüsse machen, die Schüler freuen sich, weil sie ganz tolle Ergebnisse haben, und die Lehrer freuen sich, weil man sie lobt."

Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe, der für die Hansestadt in der Kultusministerkonferenz sitzt, verortet das Problem dagegen in den immer neuen Wünschen, die an die Schulen gestellt werden:

Ernährungswissenschaft soll eingeführt werden, Verbraucherschutz, das Fach Wirtschaft, das Fach Informatik, interkulturelle Erziehung, Erziehung zu Demokratie und und und. Als ich zur Schule ging, gab’s das alles nicht. Da konnte man Rechtschreibung üben, üben, üben. Und heute, wo wir die vielen zusätzlichen Aufgaben haben, ist für das einfache Üben weniger Platz. Ich glaube, wir brauchen hier eine neue Debatte. Die allerdings geht nicht nur, dass wir von allem mehr haben wollen, sondern dann müssen wir auch einmal abwägen und sagen: Die Kernkompetenzen werden gestärkt. Aber andere Bereiche kann dann Schule nicht leisten.

(Ties Rabe)

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