Kwaito=Feel Good

Urbane elektronische Tanzmusik aus Südafrika

Kwaito ist die gelungen Übersetzung von Hip Hop, House und Jungle in einen lokalen, südafrikanischen Dialekt. Kwaito hilft Rassenschranken zu überwinden. "We all dance together now".

Einer der großen Pluspunkte meines jüngsten Aufenthalts in Johannesburg im Rahmen der 2. Biennale von Südafrika war die Begegnung mit Kwaito, dem Sound des jungen städtischen Johannesburg. Schon vor der Anreise spekulierte ich, ob Südafrika, bekannt für seine ausgezeichneten Jazzer wie Abdullah Ibraim oder Hugh Masekela, auch auf dem Gebiet elektronisch-digitaler Musik eine Antwort auf die Sounds der nördlichen Metropolen gefunden hat. Dieser irgendwie naheliegende Gedanke wurde angenehmerweise bestätigt. Kwaito ist die Übersetzung von Hip Hop, House und Jungle in einen lokalen Dialekt. Die lokale Färbung ist dabei kein Nachteil sondern ein Pluspunkt, weil sich die verflachenden Dancefloor-Genres dabei wieder mit der Tiefe der afrikanischen Musiktradition aufladen. Nachdem die genannten Richtungen ihre rhythmischen Wurzeln ja sowieso in afrikanischer Musik haben, ist Kwaito ein quasi logisches Produkt einer musikalischen Migrationsbewegung von Süd nach Nord und wieder zurück. Was jetzt noch fehlt ist, daß Kwaito in nördlichen Hemisphären bekannt wird.

Das Wort Kwaito, das aus einer der vielen in Südafrika gesprochenen afrikanischen Sprachen stammt, bedeutet angeblich ungefähr "Feel Good", doch das konnte nicht verifiziert werden. Grob gesprochen baut Kwaito auf relativ langsamen House-Grundrhythmen auf, was aber dann noch dazu-addiert wird, entzieht sich schon jeder einheitlichen Beschreibung. Manche Songs scheinen sich in die London-Underground-House-Matrix einzufügen, andere übersetzen L.A. Gangsta-Rap auf das nächtlich düstere Johannesburg und andere wieder sitzen bereits im Drum&Bass-Überschall-Jet. Die lokalen Bezüge werden zum einen von Gong-Music gespeist, einer Stilrichtung, die auf dem wohl typischsten südafrikanischen Instrument aufbaut, dem großen hölzernen Vibraphon, sowie zum anderen von der afrikanischen Gesangskultur. Ein typisches Kwaito-Feeling verbindet repetitive, oft im Chor gesungene Refrains mit dub-mässig verhallten Solo-Vocals und schrägen Synthesizer- und Gong-Melodien. Im Gesamteindruck ist Kwaito sowohl stampfend, aufpeitschend als auch verhalten und zurückgelehnt, und tendenziell eher fließend und atmosphärisch als gestresst.

Drei Jahre nach dem Ende der Apartheid ist Kwaito auch ein Hoffnungsschimmer auf dem trüben Grund ethnischer Turbulenzen. Kwaito wird in den Dancehalls von Soweto gespielt, im hippen Yeoville und im Ghetto der Reichen, in Rosebank. Bei den jungen Leuten zumindest ist Schwarz, Weiß oder Farbig nicht mehr die Frage. "Feel Good"-Kwaito und das gemeinsam genossene "Dacha" (einheimisches Gras) verbinden. Kwaito ist in Südafrika allerdings auch bereits eine kommerzielle Welle. Nachdem Kwaito seit zwei Jahren in den südafrikanischen Hitparaden auftaucht, versuchen immer mehr Leute, sich an den Trend anzuhängen, was leider die entsprechenden Resultate nach sich zieht.

Im folgenden einige Empfehlungen:

Jacknife: Wohl das "verwestlichste" Produkt aus meiner Sammlung, mit deutlich hörbaren Hitambitionen. Wenn Jacknife jedoch zwischendurch vergessen, daß sie gerne in die internationalen Dance-Charts kommen würden, genau dann kommen sie diesem Ziel am nächsten, mit einer Art "Intelligent-Kwaito".

MŽDo: Relaxter, zurückhängender House, mit schräg-schönen Vokal-, Gong- und Saxophonpassagen, ausgezeichnet produziert und arrangiert. Gehobene Unterhaltungsmusik.

Spokes "H", "Rafifi": Herr Spokes "H" ist für Kwaito ungefähr das, was Arrested Development für Hip Hop sind - eine Country-Hippie Variation von Kwaito. Er benutzt das Genre, aber macht sich nicht zu seinem Sklaven sondern produziert einfach gute Musik voller Überraschungen und mit einem Hang zur Gemütlichkeit.

O' Da Meesta featuring Skeem: Kwaito aus der Gangsta Hip Hop Schule. Der Rap ist jedoch nur teilweise auf Englisch, meistens in einer afrikanischen Sprache. Afrika Bambaata hätte seine Freude.

Bongo Muffin: Wie der Name schon sagt eine Synthese aus Kwaito und Raggamuffin. Stars einer ganzen Szene ähnlicher Produkte. Raggamuffin und Reggae sind Big in Südafrika (na klar).

Nicht Kwaito aber musikalische Spitzenklasse sind:

Bayete: Von rustikaler südafrikanischer Savannenstimmung mit Trommeln und Gesang bis zum Funk oder Dub-Reggae ist bei Bayete alles drin, wobei solche Genre-Begriffe nicht zu eng gesehen werden sollen. Das Musik-kollektiv Bayete gibt jeder Stilrichtung eine völlig eigene Qualität. Wird in Südafrika unter "World Music" eingereiht, aber dieser ethnisierenden Kategorie kann ich nichts abgewinnen.

Thomas Mapfumo: Politischer Reggae-Sänger aus Zimbabwe, der dort als Volksheld und Stimme des Befreiungskampfes gefeiert wird und der den Reggae wieder auf die afrikanischen Roots zurückgeholt hat.

Bei allen völkerverbindenden Qualitäten der Musik bleibt anzumerken, daß die Chefpositionen der lokalen Niederlassungen von Sony, EMI usw., leider immer noch ausschließlich mit weissen Geschäftsleuten älterer Jahrgänge besetzt sind. Diese "Herren" sind offenbar nicht imstande, das Marktpotential einheimischer Gruppen, die originäre Musik spielen, zu erkennen, so daß sie weder im Land noch international viel zu deren Verbreitung beitragen. In der Woche meines Aufenthalts Mitte Oktober kam es zu Protesten der südafrikanischen Musikergewerkschaft in Pretoria, die diese Mißstände anprangerte. Es könnte also schwierig sein, die eine oder andere Produktion außerhalb Südafrikas zu erwerben. (Armin Medosch)