Kybernetik - ein Hype von vorgestern

Die Gesellschaft für Kybernetik blickte zurück auf die Kybernetik in der DDR

In Zeiten, wo aktuelle Hypes um Internet und E-commerce diskutiert werden, ist es für jüngere Generationen kaum vorstellbar, welche Bekanntheit in den sechziger Jahren die Idee der Kybernetik hatte. Diese Forschungsrichtung, begründet in den vierziger Jahren von Norbert Wiener, war von Anfang an gedacht als interdisziplinäre Wissenschaft, die sich mit Aspekten beschäftigt, die alle (Natur)Wissenschaften betreffen: Wie lässt sich die Informationsverarbeitung und die Selbstregulierung von Systemen (z. B. von Maschinen und menschlichen Körpern) erfassen? In ihrer Hochzeit drangen kybernetisch ausgerichtete Konzepte in die Pädagogik, die Psychologie und in die Kunstdiskussion vor (siehe auch Kybernetik. Wo ist sie geblieben?) Die Veranstaltungsreihe "Berliner November" der Gesellschaft für Kybernetik hielt unter anderem Rückschau auf die Kybernetik in der DDR.

Die meisten werden diese Vokabel (cybernetics) nur vom Präfix "cyber" in "Cyberspace" kennen. Die Kybernetik hat nach ihren (weltanschaulichen) Erfolgen in den sechziger Jahren in den letzten Jahrzehnten nur ein Schattendasein gefristet. Verkürzt gesagt, ist sie teilweise aufgegangen in der Regelungstechnik und in der Systemtheorie. Intellektuellen Appeal hatte sie allenfalls noch als "Kybernetik zweiter Ordnung", wie sie der Konstruktivist Heinz von Foerster zu begründen versucht (Wir sehen nicht, daß wir nicht sehen).

Der 1974 verstorbene Philosoph Georg Klaus gilt als Wegbereiter der DDR-Kybernetik. Während im Westen der Technik berechtigterweise ein Ruf als Jobkiller vorauseilte, war das Ideal in den ehemaligen sozialistischen Systemen, mit Hilfe der Kybernetik neue materiell-technische Grundlagen der Ökonomie als Vorstufe zur "umfassenden Automation" zu legen. Als Folge davon hatte die Kybernetik in der DDR zeitweilig eine einflussreiche Position, von der westliche Wissenschaftler nur träumen können. Die Kybernetik ist dort - ganz im Sinne Wieners - interdisziplinär entwickelt worden und bezog Fragen aus Technik, Mathematik, Psychologie, Pädagogik, Ökonomie und Rechtswissenschaften ein.

Der Einsatz war die zuverlässige Steuerung der Volkswirtschaft, was in einer Gesellschaft, die nicht auf dem Marktprinzip und der Kapitallogik beruht, einen ganz anderen Anspruch bedeutet hat. Die Veranstaltung war insofern interessant, als viele alte Mitstreiter von damals zusammengekommen waren, um noch einmal die Geschehnisse zu reflektieren. Dass die Kybernetik damals überhaupt mit Aufmerksamkeit bedacht wurde, war nicht selbstverständlich, galt sie doch einigen auch als "imperialistische Pseudowissenschaft".

Rainer Thiel, ehemals enger Mitarbeiter von Georg Klaus, bezweifelte, dass es in der DDR je ein echtes allgemeines Verständnis für die Kybernetik gegeben habe, so dass die Beschreibung einer Euphorie gerechtfertigt gewesen wäre: Stattdessen hätte es eine "Inflation der Worthülsen" gegeben. Walter Ulbricht, der Vorgänger von Erich Honecker, hätte nichts verstanden, aber das Gefühl gehabt, dass etwas Neues kommen müsse und so sein Interesse für die Kybernetik entdeckt. Andere widersprachen dieser Darstellung: Auch Nicht-Wissenschaftler wie Lehrer oder Psychologen wären begeistert gewesen und hätten auch westliche Kybernetik-Schriften gelesen, die damals populär waren.

Doch es kam anders. Nach einem schnellen Aufstieg fiel die Kybernetik in Ungnade und wurde von der SED-Wissenschaftspolitik mit einem Bannfluch belegt. In seinem Referat "Kybernetik als Philosophieersatz?" fasste Herbert Hörz, heute Präsident der Leibniz-Sozietät und damals ebenfalls in die Auseinandersetzungen einbezogen, die "Wende" in der Einschätzung der Kybernetik zusammen:

"Die auf die Kybernetik gesetzten großen Hoffnungen erfüllten sich nicht. Illusionen zerbrachen. Einige Kollegen hatten mit der Bionik große Projekte geplant, die revolutionierend für die Pharmaindustrie sein sollten. Es gab lange Diskussionen und viele Versprechungen, die dann nicht eingehalten wurden. Es wurde solide Arbeit geleistet, doch gab es auch Scharlatanerie und Großsprecherei. ... Eigentlich ging es bei der politisch-ideologischen Kritik an der Kybernetik m. E. nicht in erster Linie um die Wissenschaft, sondern die Kritiker Ulbrichts suchten nach einem Hebel, um ihn von der Macht zu entfernen, da boten sich die Missverhältnisse zwischen den großen Versprechungen und den geringen Resultaten geradezu für diejenigen an, die mit neuen Wissenschaften sowieso nicht viel zu tun haben wollten."

Die Kybernetik wurde aus den Gesellschaftswissenschaften verbannt. Hatten sich Vertreter aus Ökonomie und Philosophie schon zuvor gegen ihre Methoden und Formalismen gesträubt, sahen sie jetzt ihre Urteile bestätigt. Als "technische Kybernetik" führte sie bis 1990 in der DDR eine Nischenexistenz, was zum Teil der westlichen Informatik entsprach. Kybernetische Methoden haben weiterhin eine Rolle im Bauwesen und in der Verkehrsplanung gespielt (ähnlich im Westen: was ehedem Bildungskybernetik war, mutierte in der Bundesrepublik in den Siebzigern zur Bildungsinformatik - ein Gebiet, zu dem heute etwa die Evaluierung von Weiterbildungsmaßnahmen im IT-Bereich zählt).

Nun ist die Steuerung einer Gesellschaft ein umstrittener Punkt. Setzen die neoliberalen Politiken bekanntlich u.a. auf die völlige Freisetzung der Marktkräfte, war im historischen "bürokratischen Sozialismus" die staatliche Kontrolle über alle ökonomischen Prozesse oberstes Gebot. Es sei jedoch klar gewesen, dass die Leitungsmechanismen verbessert werden mussten, um die eigene Propaganda erfüllen zu können, meinte Heinz Liebscher, Mitherausgeber des auch im Westen erschienenen Wörterbuchs der Kybernetik. Er habe aber schon damals geschrieben, dass hochkomplexe Systeme nicht durch eine zentrale Steuerung dirigiert werden können. Liebscher vertrat die Ansicht, dass die Kybernetik allein die Ökonomie nicht hätte retten können. Was der Markt im Westen leiste, meinte Rainer Thiel, hätte mittels der Kybernetik auch für den Sozialismus entwickelt werden müssen. Doch wie hätte das gelingen können? Der Stand der Technik war nicht so, als dass eine derartige dynamische Regulierung möglich gewesen wäre. Vielleicht werden ja die neuen Technologien in Zukunft zur Flexibilisierung einer anderen Ökonomie beitragen können. (Wolfgang Neuhaus)

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