Lähmende Kugeln

Mit für normale Schusswaffen geeigneter Elektroschockmunition soll der Einsatzbereich für nichttödliche Waffen erweitert werden

Nichttödliche Waffen werden mittlerweile lieber weniger tödliche Waffen genannt, weil nicht garantiert werden kann, dass ihr Einsatz nicht zum Tod führt. Sie wurden nur so konzipiert, dass sie möglichst keine schweren Verletzungen zur Folge haben und ihre kurzzeitigen Wirkungen reversibel sein sollen. Neben nichttödlicher Munition wie Gummigeschossen, Tränengas, Pfefferspray oder Blend- und Schockgranaten werden in vielen Ländern bereits Elektroschockwaffen eingesetzt, die aber entweder einen direkten körperlichen Kontakt erfordern oder wie die Taser-Elektroschockwaffen nur über eine Entfernung von einigen Metern verwendet werden können. Ein neues Geschoss lässt sich mit normalen Waffen abfeuern, die Elektroschockwirkung kann mit unterschiedlicher Munition kombiniert werden. Die nichttödliche Komponente dient dann paradoxerweise auch dazu, die Wahrscheinlichkeit, einen Menschen durch einen Schuss zu töten, zu erhöhen, also gewissermaßen tödlichere Waffen zu schaffen.

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John LeBourgeois, der Erfinder der Elektroschockmunition und Gründer der Firma ShockRounds, behauptet, aufgrund eines Vorfalls aus dem Jahr 1999 auf die Idee gekommen zu sein. Damals hatten vier Polizisten auf der Suche nach einem der Vergewaltigung Verdächtigen an der Tür des 22-jährigen Amadou Diallo geläutet. Der junge unbewaffnete Schwarze öffnete die Tür und zog etwas aus der Tasche. Die Polizisten dachten, so erklärten sie, er richte eine Waffe auf sie – es war ein Geldbeutel – und begannen zu schießen. 41 Schüsse gaben sie ab, 19 trafen der Mann, der daran starb.

Der Vorfall erregte großes Aufsehen, weil es hieß, dass die New Yorker Polizei gegen Farbige gewaltsamer vorgehe. Bei einem Prozess erhielt die Familie 2004 drei Millionen Dollar Schmerzensgeld und gründete eine Stiftung. Angeblich hatten die Polizisten auch deswegen weiter geschossen, weil sich Amadou Diallo trotz der Kugeln, die in seinen Körper eindrangen und seine Organe teilweise zerfetzten, weiter nach vorne zu bewegen schien. Nach den Einsatzregeln dürfen die Polizisten zum Selbstschutz so lange schießen, bis ein Bewaffneter sich nicht mehr bewegt, da auch tödlich Getroffene manchmal noch weiter feuern können, bis sie das Bewusstsein verlieren. LeBourgeois dachte angeblich, als er dies las, dass es doch eine andere Möglichkeit geben müsse. So kam er nach eigenem Bekunden auf die Idee, eine Munition zu entwickeln, die auch dann eine Person handlungsunfähig macht, wenn man sie an einer beliebigen Stelle trifft.

LeBourgeois begann also, Elektroschockmunition mit normalen 9 und 10mm Kugeln zu entwickeln und gründete seine Firma Technosis in Kalifornien. Zunächst hat die Firma ShockRounds seine Erfindung übernommen, die wiederum von der MDM Group gekauft wurde, um zusammen mit der australischen Harrington Group die Munition Ende 2007 auf den Markt zu bringen. Man geht davon aus, dass der Markt für nichttödliche Waffen stark wachsen wird und führt dabei den wirtschaftlichen Erfolg von Taser, dem Hersteller von Elektroschockwaffen, an. Und es wird auf die "wachsende Gewalt" aufmerksam gemacht, die mit "Antiglobalisierungsprotesten und dem Krieg gegen den Terrorismus" verbunden sei. Bei Antiterroreinsätzen würden die Elektroschockkugeln helfen, Kollateralschaden zu vermeiden.

Offenders range from those involved in domestic disturbances, brawls, armed criminal or terrorist activity, emotionally disturbed or drug induced activity, through to growing levels of public disorder such as the violence associated with anti-globalisation protests and the war on terrorism.

Harrington Group

Die Kugeln können mit gewöhnlichen Schusswaffen abgefeuert werden und geben, wenn sie auf ein Ziel auftreffen, einen Elektroschock mit 50.000 Volt ( 175 Joules) ab, der wie bei anderen Elektroschockwaffen die Muskeln lähmt. Im Gegensatz zu der sehr beschränkten Reichweite von Taser-Pistolen, die zwei Drähte bis zu 10 Metern abschießen, können die Elektroschockkugeln Menschen bis in eine Entfernung von 100 Metern treffen und vorübergehend bewegungsunfähig machen. Sie enthalten piezoelektrisches Material, das beim Aufprall den Strom freisetzt, der unterschiedlich stark dosiert werden kann.

Leichtere Elektroschocks, so der Anbieter, könne man zur Bekämpfung von Menschenmengen einsetzen. Vorgesehen sind auch 37mm Kugeln, die nicht in den Körper eindringen, und Gummigeschosse, um so, wie es heißt, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen ("behavior modifying"). Allerdings dienen sie auch bei Kämpfen mit scharfer Munition dazu, den Gegner, selbst wenn er nur leicht verletzt wurde, zeitweise kampfunfähig und damit zu einem leichteren Ziel für einen tödlichen Schuss zu machen. Damit steigern sie die Tödlichkeit und sind so gleichzeitig bzw. je nach Einsatz less lethal and more lethal. (Florian Rötzer)

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