Länger leben ohne Gewissen?

Oder: Die hohe Kunst des Scheusal-Seins. Eine Bestandsaufnahme.

Die Stimme kam mir bekannt vor. War das nicht ein Sprecher, den ich schon mal in irgendeinem Dokumentarfilm oder vielleicht in einem Audiobuch gehört hatte? Ach nein. Ich hatte ihn auf 20 Kassetten gehört, vor Jahren. Es war dieser Motivationstrainer. Vielleicht der erfolgreichste seiner Art. Man kannte Anthony Robbins auf der ganzen Welt. Sogar in Teheran hatte ich seine Bücher gesehen, in persischer Übersetzung. Aber überflüssigerweise hatten die Iraner seinen Namen zusätzlich auch noch, (falsch geschrieben), auf Englisch mit auf den Buchdeckel gesetzt: Antony Rabbins.

Üblicherweise hat man ja die Vorstellung, die Leute, die einen dazu erziehen wollen, ein Napoleon des Sports oder der Wirtschaft oder gar der Politik zu werden, dürften höchst wahrscheinlich selber unter einem Napoleon-Komplex leiden. Aber Anthony - besser bekannt als Tony - Robbins ist eher das Gegenteil dieser Spezies. Der englischsprachige Wikipedia-Eintrag gibt seine Körpergröße mit 2,01 Meter an. Wenn eines seiner Bücher die Leser auffordert, "Erwecke den Riesen in Dir", dann möchte man dem Autor gerne glauben, dass er selber das angepeilte Ziel bereits erreicht hat.

Tony Robbins bei der Twitter conference (2009). Bild: Randy Stewart. Lizenz: CC-BY-SA-2.0

In einem YouTube-Filmchen, das ich kürzlich sah, saß Robbins nun tatsächlich wie ein Riesenhund, wie eine Art dänische Dogge, neben einer kleinen verknautschten Hundedame - einem Zwergpudel oder dergleichen. Es war die uralte Pianistin Alice Herz-Sommer, zum Zeitpunkt der Aufnahme 106 oder 107 Jahre alt. Sie wusste es selber nicht und musste eine in der Nähe sitzende Pflegerin oder Freundin fragen. Also, sie war 107. Und Tony Robbins befragte sie darüber, wie sie es denn nun geschafft habe, so alt zu werden.

Nicht, dass 107 ein unerreichtes Alter gewesen wäre, aber Alice war guter Dinge: Sie lächelte und lachte viel, sie war geistig voll auf der Höhe und sie übte immer noch jeden Tag drei Stunden lang am Klavier, unterzog sich also einem harten professionellen Training. Und sie war die älteste noch lebende KZ-Überlebende. Mit dem Orchester des Lagers Theresienstadt hatte sie viele Konzerte gegeben, sie hatte ellenlange Chopin-Darbietungen am Klavier (mangels Noten aus dem Gedächtnis) vorgetragen. Es gab ein Foto der Mutter mit ihrem jungen Sohn aus dem KZ, auf dem sie ein breites Lächeln zur Schau trug.

Tony Robbins mit Alice Herz-Sommer. Bild: Screenshot YouTube

Dieses Foto erinnerte mich sofort an einen Film, den ich unausstehlich fand. Ich hatte ihn, wie es in Deutschland und Österreich üblich ist, zufällig in voller Länge gesehen, weil ich in Wien Kabel-TV besaß und mit der Fernbedienung spielte, als gerade dieser Film wieder einmal auf irgendeinem Sender lief. Und ich habe ihn mir bis zum Schluss angesehen, weil man in lethargischen Momenten eben nie die "Aus"-Taste auf dem Zapper findet. Der Film war Roberto Benignis Das Leben ist schön (1997), der in Hollywood mit drei Oscars ausgezeichnet wurde: Einerseits als bester fremdsprachiger Film, andererseits für den Hauptdarsteller und für die Musik.

Ich glaube, es gibt heute wohl kaum jemanden, der den Film noch nicht gesehen hat - und sei es nur als soundsovielten Re-Run im Fernsehen. Es ist die Geschichte eines jüdischen Italieners, der die kindliche Unschuld seines Sohnes bewahren möchte, während sie beide in einem Nazi-KZ einsitzen. Der Vater erzählt dem Sohn, die merkwürdigen Begebenheiten an diesem Ort seien alle nur ein Spiel, aber sie müssten sich an die Regeln halten, wenn sie das Spiel gewinnen wollten. Benignis Vater hatte drei Jahre in Bergen-Belsen verbracht, und der Film basiert - wenigstens zum Teil - auf diesen Erfahrungen. (Benigni selbst ist Jahrgang 1952, konnte also nicht als Kind im KZ gelebt haben - und auch der Vater muss die Jahre seiner Internierung lebendig überstanden haben, um seinen Sohn so viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zeugen zu können.)

Mich konnte der Film nicht begeistern, obwohl er diesen einen unbeschreiblich schmerzvollen Moment enthält, als der Hauptdarsteller so nebenher, ganz by the way und unwiederbringlich, gar nicht passend in den Verlauf der überdreht-witzigen Geschichte, einfach abgeknallt wird. ZACK. Und er ist tot. Dem ganzen Tenor der Geschichte folgend, hätte der Schauspieler-Vater jetzt wieder hervorspringen müssen, mit einem Ha Ha Ha, war alles nur ein Scherz, denn dies ist eine Komödie, der Tod ist nicht real. Oder wenigstens: In der Film-Komödie MUSS er nicht real sein, man kann ihn überspringen. Aber nein, gerade in die Komödie dringt der Tod ein, als wäre es das wirkliche Leben, und etabliert seine alles überstrahlende Realität. Er nivelliert das, was eben noch gelebt hat, zu dem, was nie gelebt hat.

Womit für mich zugleich auch die ganze vorausgegangene Komödie in sich zusammenfällt wie ein Haufen Asche. Was bleibt, ist ein Stück Holocaust-Kitsch, unbenommen der Tatsache, dass es sieben Oscar-Nominierungen dafür gab. In Italien hatte Benigni, der dort eine schillernde Gestalt ist, schon während der Produktion des Films mit jüdischen Gruppen diskutiert, die ihm vorwarfen, den Holocaust ohne Leiden darstellen zu wollen und es auch nicht passend fanden, "über alles lachen" zu müssen. Schwierig. Eine der besten amerikanischen Film-Komödien, Ernst Lubitschs To Be Or Not To Be (1942), wurde in Amerika damals als überhaupt nicht witzig empfunden. Man warf Lubitsch, "dem deutschen Flüchtling", vor, Hitler verniedlichen zu wollen und den amerikanischen Kriegseinsatz zu desavouieren. Heute gilt der Film als Klassiker - und sogar das Remake von 1983 mit Mel Brooks in der Hauptrolle gibt zu schrillen Lach-Kaskaden Anlass.

Ich denke also nicht, wie Adorno, dass man nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben könnte - oder gar, dass man keine Gedichte über Auschwitz mehr schreiben dürfte oder schreiben sollte. Auch, wenn ich gerade Paul Celans Todesfuge (einen Text, der sicher das wichtigste deutsche Gedicht des 20. Jahrhunderts ist) als ein Stück "sauren Kitsch" empfinde. Aber schnurz: Das Gedicht widerlegt Adorno. Und was für das Gedicht gilt, sollte auch für den Film gelten. Ich meine also ebenso wenig, dass nach Auschwitz keine Filme mehr über den Holocaust gedreht werden dürften, oder dass es gar ein Verbot geben sollte, eine Komödie in einem KZ anzusiedeln. Nein, das nicht. Allerdings, finde ich, greift Benignis Kasperliade etwas kurz.

Nun zurück zu dem Foto von Alice Herz-Sommer. Es zeigt die Mutter, breit lächelnd, mit ihrem Sohn. Es war ersichtlich vor 1945 aufgenommen worden, also beinahe 70 Jahre vor dem Film-Termin mit Tony Robbins. Natürlich war Alices Geschichte auch schon vorher seit Langem bekannt. Die Pianistin sagte im Grunde immer das Gleiche. Sie habe im Leben immer gelacht. Sie habe das Schlechte wahrgenommen, aber nicht dabei verweilt. Die klassische Musik sei ihre Religion gewesen, sie habe sich beim Hören der Musik gewissermaßen von himmlischer Energie genährt. Auch das Schlechte war gut: "Even the bad was good."