Lage der Kinder - in Deutschland nur mittelmäßig

Ein UNICEF-Bericht analysiert die Situation von jungen Menschen in 21 Industriestaaten - Deutschland bleibt erneut weit hinter den Erwartungen zurück

In den öffentlichen Diskussionen ist zu oft von der Verantwortung für die nachfolgenden Generationen die Rede, als dass sich die Deutsche Bundesregierung erlauben könnte, die Belange von Kindern und Jugendlichen nicht ganz oben auf die politische Tagesordnung zu setzen. Und für die zuständige Bundesministerin Ursula von der Leyen (CDU), die als siebenfache Mutter gerne persönlich demonstriert, dass es kein Problem ist, Beruf und Familie erfolgversprechend miteinander zu vereinbaren, hat das Thema ohnehin längst europäische Dimensionen angenommen. Sie möchte beispielsweise den deutschen EU-Halbjahresvorsitz dazu nutzen, „die Aufmerksamkeit für das Politikfeld Jugend insgesamt zu erhöhen.“ Das nächste „EU-Präsidentschafts-Jugendevent“, das vom 13. bis 16. April in Köln stattfindet, soll deshalb unter dem Motto Gleiche Chancen und gesellschaftliche Beteiligung für alle Kinder und Jugendlichen stehen.

Unabhängig davon, was Kritiker der agilen Ministerin inhaltlich vorwerfen mögen - ihr fehlt es, im Gegensatz zu manchem Kabinettskollegen, nicht an Dynamik und Einfallsreichtum, um einer schwierigen Gesamtsituation mit immer neuen Vorschlägen, Motivationsversuchen, Gesetzesinitiativen oder Imagekampagnen zu Leibe zu rücken.

Doch mit Aktionismus und farbenfrohen Internetseiten, die sich trotzig über den Ist-Zustand hinwegsetzen und die schöne neue Welt der Generationengerechtigkeit wenigstens teilweise und immerhin verbal antizipieren (Deutschland wird kinderfreundlich), scheint es nicht getan zu sein. Die Maßnahmen, die zum Zwecke der Armutsbekämpfung, Gesundheitsvorsorge oder verbesserten Ausbildung angestrengt wurden und werden, reichen ganz offenbar nicht aus, um Deutschland eine Vorreiterrolle in Sachen Kinderfreundlichkeit spielen zu lassen.

Zu diesem unerfreulichen Ergebnis kommt die erste umfassende internationale Vergleichsstudie zur Situation von Kindern in 21 Industriestaaten, die vom Kinderhilfswerk UNICEF) heute in Berlin vorgestellt wurde (Deutschland nur Mittelmaß?). Sie basiert auf der Auswertung von 40 verschiedenen Indikatoren, die hinsichtlich der sechs Hauptkategorien materielle Situation, Gesundheit, Bildung, Beziehungen zu Eltern und Gleichaltrigen, Lebensweise und Risiken und schließlich eigene Einschätzung der Kinder und Jugendlichen untersucht wurden. Der Soziologie Hans Bertram von der Humboldt-Universität Berlin hat den internationalen Vergleich des UNICEF-Forschungsinstituts Innocenti in Florenz um wichtige Kerndaten für Deutschland ergänzt, das in der Gesamtbetrachtung nur den elften Platz einnimmt. Hinter den führenden Niederländern platzierten sich als kinderfreundlichste Länder die reformfreudigen skandinavischen Staaten Schweden, Dänemark und Finnland (Rangliste).

UNICEF selbst hatte vor knapp zwei Jahren darauf hingewiesen, dass sich die materielle Situation von Kindern in 17 von 24 OECD-Staaten verschlechtert hat. Insgesamt wachsen hier über 45 Millionen junge Menschen in Familien auf, die weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben. In Deutschland leben mehr als 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in relativer Armut. Nach dem neuesten Bericht ist es neun Ländern in den vergangenen Jahren gelungen, den Anteil der relativen Einkommensarmut unter zehn Prozent zu senken. Besonders erfolgreich sind hier einmal mehr die skandinavischen Länder, doch auch Tschechien hat sich im Hinblick auf die materielle Situation deutlich vor reicheren Industriestaaten wie Deutschland, Japan, den USA oder Großbritannien platziert.

Allerdings sagt die finanzielle Situation der Familien noch nichts Entscheidendes über das Wohlergehen der Kinder aus. Armut und Arbeitslosigkeit bedeuten nicht automatisch weniger Bildung oder mehr Gewalt. Der zehnte Rang, den die Niederlande in dieser Einzelauswertung belegen, zeigt deutlich, dass andere Kriterien hinzukommen müssen, um eine kinderfreundliche Atmosphäre zu schaffen oder zu zerstören.

Trotzdem bleibt bemerkenswert, dass in einigen der reichsten Länder viele Kinder nur eingeschränkt über Bücher, einen Schreibtisch oder einfach einen Platz, der nur ihnen gehört, verfügen.

Noch ist der Streit um die große Gesundheitsreform nicht beigelegt, da bietet der UNICEF-Bericht schon wieder Anlass, auch hierzulande und in den reichen Ländern insgesamt kontrovers über die Qualität der medizinischen Betreuung zu diskutieren. Die Rate der Säuglingssterblichkeit liegt überall weit unter der afrikanischer Staaten, wo sie mitunter auf deutlich mehr als 150 von 1.000 Neugeburten beziffert wird. Gleichwohl gibt es erhebliche Unterschiede, beispielsweise zwischen Island und Japan (3 von 1.000) oder Ungarn und den USA (6 von 1.000). Außerdem wurden in Deutschland keineswegs 100, sondern nur 92 Prozent gegen die wichtigsten Infektionskrankheiten wie Masern, Polio, Diphtherie oder Keuchhusten geimpft, und in Österreich lag der Wert bei lediglich 85 Prozent.

Auch in der Unfall- und Kriminalitätsstatistik gibt es Fortschritte – so verunglücken in Schweden weniger als 10 von 100.000 Kindern tödlich -, die jedoch noch nicht weit genug gehen. Wenn alle anderen Industrieländer Schwedens Beispiel folgen würden, könnten pro Jahr 12.000 Kinder gerettet werden. Dringenden Nachholbedarf gibt es bei der Prävention von Misshandlungen, Gewalt und Vernachlässigung - hier wird die Zahl der kindlichen oder jugendlichen Todesopfer auf 3.500 geschätzt.

Über Platz 11 konnte Deutschland in dieser Auswertung nach den internationalen Leistungsvergleichen von PISA & Co. nicht hinauskommen. Aber in die UNICEF-Studie flossen daneben verhältnismäßig positive Daten zum Besuch weiterführender Schulen oder zum Übergang von der Schule in den Beruf ein.

Viel beunruhigender als die ermittelten Zahlen ist allerdings ein gefühlter Wert aus der Kategorie Zukunftsperspektiven. Laut UNICEF glauben über 30 Prozent der heute 15jährigen deutschen Schülerinnen und Schüler, dass sie in ihrem späteren Leben einer gering qualifizierten Arbeit nachgehen (müssen).

Nicht einmal die Hälfte der 15jährigen Deutschen kann sich daran erinnern, dass sich ihre Eltern mehrmals in der Woche mit ihnen unterhalten hätten. Deutschland belegt in puncto familieninterner Kommunikation damit den letzten Platz von allen untersuchten Industrieländern. Zum Vergleich: In Ungarn liegt der Wert bei rund 90, in Italien bei 85 Prozent.

Dagegen finden mehr als zwei Drittel der deutschen Kinder ihre Freunde, Mitschüler oder Spielkameraden „freundlich und hilfsbereit“. In der Kategorie „Beziehungen zu Eltern und Gleichaltrigen“ reichte es für das vermeintliche Eldorado des gemütlichen Beisammenseins nur zu Rang 13.

Das Risikoverhalten deutscher Jugendlicher in Bezug auf Rauchen, Alkohol- und Cannabiskonsum stuft der Bericht als „besorgniserregend“ ein. Gleiches gilt für das Sexualverhalten, aber auch in den Bereichen Sport sowie gesunde Ernährung gibt es für den hiesigen Nachwuchs noch einiges zu tun. Insgesamt liegen zu wenige Einzeldaten vor, um das Risikoverhalten und den erneuten deutschen Mittelfeldplatz abschließend und seriös bewerten zu können.

Einzelne Detailuntersuchungen zeigen allerdings, dass innerhalb Deutschlands mit erheblichen Unterschieden gerechnet werden muss. So verzeichnet Baden-Württemberg unterdurchschnittlich wenige Teenagerschwangerschaften (8 von 1.000 Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren), während in Berlin und Bremen exakt doppelt so viele registriert werden.

Subjektive Einschätzungen spielen seit jeher eine entscheidende Rolle für das Selbst(wert)gefühl. Nach der Analyse von Umfragen zu den Bereichen Gesundheit, Schule und persönliches Wohlbefinden schneidet Deutschland hier am besten ab und reiht sich als Neunter in die internationale Konkurrenz ein. Trotz vieler einzelner Problemfelder ist die Gesamtstimmung offenbar positiv. Wenn sie auf einer Skala von 0 bis 10 Punkten ihr Leben benoten sollten (10 für „das beste mögliche Leben“), würden sich vier von fünf Jugendlichen in allen 21 Industrieländern auf Stufe 6 oder höher ansiedeln.

Gestört wird die Statistik allenfalls durch Fragen wie „Geht Ihr gern zur Schule?“ Lediglich in Norwegen, Österreich und den Niederlanden konnten sich mehr als ein Drittel der Schüler dazu überwinden, hier mit „Ja“ zu antworten.

Finanzielle Gründe sind für die enttäuschende Mittelfeldplatzierung, über die Deutschland auch in dieser internationalen Vergleichsstudie nicht hinauskam, nur bedingt verantwortlich. Zwar investieren Länder wie Dänemark oder Frankreich mehr in eine optimale Infrastruktur für Kinder und fördern dabei vor allem den Vorschul-Bereich sehr viel intensiver. Doch die Transferleistungen für Familien mit Kindern orientieren sich ansonsten an den Durchschnittswerten anderer europäischer Staaten und erreichen auch in Deutschland rund zwei Prozent des Bruttosozialprodukts. In einzelnen Sektoren – wie zum Beispiel dem Gesundheitssystem – tätigt die Bundesrepublik sogar deutlich höhere Ausgaben als ihre Nachbarn, ohne jedoch deren Qualitätsniveau zu erreichen.

Der Autor der spezifizierten Deutschland-Analyse, Hans Bertram, bemängelt deshalb insbesondere das Fehlen eines Gesamtkonzepts, das sowohl die ökonomische Situation von Familien als auch eine zeitgemäße Infrastruktur mit verlässlichen Lebensumwelten für Kinder einbezieht. Darüber hinaus sollten Ideen zur Aufgabenteilung zwischen den Familien auf der einen und begleitenden Institutionen wie Schule, Kindergarten oder Jugendämtern auf der anderen Seite berücksichtigt werden.

Aber das sei bislang nicht oder nur ansatzweise geschehen. Stattdessen habe sich sogar innerhalb Deutschlands eine Schieflage entwickelt, die keine Chancengleichheit zwischen familienpolitisch aktiven Bundesländern und den Schlusslichtern in Sachen Kinderfreundlichkeit - Bremen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern oder Berlin – mehr zulasse.

Bertram findet es „beschämend“, aber eben auch signifikant, dass in Deutschland nur vereinzelte Daten zum subjektiven Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen vorliegen. Wenn es deutlich mehr Zahlenmaterial gäbe, könnte es dazu beitragen, zielgerichtete Maßnahmen einzuleiten, die – anders als bisher – zwischen Bund, Ländern und Gemeinden präzise abgestimmt sind und nicht nur der „Logik und Zuständigkeit einzelner Institutionen“ gehorchen.

Der Sinn eines solchen ganzheitlichen Vorgehens zeigt sich nach Bertrams Einschätzung am Beispiel vieler Migrantenkinder. Die politische Mehrheitsmeinung geht in der Regel davon aus, dass intensives Sprachtraining schon gleichbedeutend mit einer gelungenen Integrationsleistung ist. Der Berliner Soziologe hält diese Annahme allerdings für „fraglich“:

Wenn diese Kinder in Vierteln leben, in denen kaum noch Kinder mit deutschen Elternhäusern aufwachsen, wird ein schulisches Sprachtraining nur begrenzt wirksam sein. So haben Kinder mit Migrationshintergrund in anderen europäischen Ländern trotz guter Sprachbeherrschung große Probleme, in den Arbeitsmarkt oder in andere Bereiche integriert zu werden.

Hans Bertram

Bertram fordert deshalb integrative und fördernde Angebote, die von der Kinderkrippe über den Kindergarten bis zur Schule reichen und bundesweit unter vergleichbaren Bedingungen und Zielvorstellungen durchgeführt werden. Andernfalls prophezeit er eine Verschärfung der doppelten Polarisierung: „Hier die Abwanderung von Familien der Mittelschichten in die städtischen Randlagen, dort Quartiere, in denen überwiegend Familien mit nichtdeutschem Hintergrund leben.“ Doch dem Soziologen geht es nicht nur um politische Aktionen, sondern auch um eine grundlegende Bewusstseinsveränderung und einen anderen Diskussionsstil.

Eine nachhaltige Politik für Kinder hat zum Ziel, die Lebensbedingungen von Kindern so zu gestalten, dass diese Kinder als Jugendliche und junge Erwachsene ihr Leben und ihre Lebensziele auf der Basis ihrer eigenen Fähigkeiten und eigenen Kompetenzen selbstständig entwickeln und entscheiden können. Schon in den 60er Jahren hat Ralf Dahrendorf diese Chancen zur eigenständigen und selbstständigen Entwicklung auf der Basis der eigenen Kompetenzen als Bürgerrecht bezeichnet. Das begründet sich nicht darin, dass es für eine Volkswirtschaft sinnvoll und nützlich ist, wenn Kinder und Jugendlichen die in ihnen liegenden Fähigkeiten optimal und unabhängig von sozialen Restriktionen wie soziale Herkunft oder Wohnort entwickeln, sondern leitet sich grundsätzlich aus der Rolle des Staatsbürgers in der Gesellschaft ab.

Hans Bertram

Nach Bertrams Einschätzung wird dieser Gedanke derzeit zu selten betont, weil Verantwortungsträger die Notwendigkeit einer kinderfreundlichen Politik vornehmlich mit der Unentbehrlichkeit der nachfolgenden Generationen für die sozialen Sicherungssysteme und die gesamte ökonomische Entwicklung begründen. Der Wissenschaftler setzt dagegen im Namen von UNICEF auf die „Ressourcen und die Chancen kindlicher Entwicklungen“ und misst der subjektiven Wahrnehmung der Kinder eine zentrale Bedeutung zu.

Denn nur wenn die Kinder selbst an ihre eigene Zukunft glauben und die Hoffnung haben können, dass sie ihre Zukunft auch selbst gestalten können, können sie die Chancen, die ihnen geboten werden, und die Fähigkeiten, die in ihnen stecken, auch so entwickeln, dass sie als Erwachsene eigenständig und selbstständig ihr Leben gestalten können.

Hans Bertram

Bertram will sein „ressourcentheoretisches Konzept“ ausdrücklich nicht als Absage an eine effiziente Sozialpolitik verstanden wissen. Die materielle Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen sei keineswegs hinzunehmen. Gleichwohl müsse sich die Gesellschaft konstruktiv mit der Frage beschäftigen, „wie auch in möglicherweise sehr schwierigen Lebensumständen noch Ressourcen mobilisiert werden können, damit die Kinder diese Chancen, die ihr Bürgerrecht sind, auch wahrnehmen und sich entsprechend entwickeln können.“

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