Lange Arbeitszeiten erhöhen das Infarktrisiko

Eine Metastudie streicht das Risiko für Herzerkrankungen bei Überschreitung der "normalen" 35-40-Stunden-Woche heraus, aber ist auf einem Auge blind

Wer arbeitet schon nur noch 38 oder 40 Stunden in der Woche, zumal sich Arbeit und Freizeit weiter entgrenzen und die unbezahlte Mehrarbeit steigt? Es ist noch gar nicht so lange her, da forderten die Gewerkschaften in Deutschland angesichts des ersten Schubs der Computerisierung und den Aussichten auf Massenarbeitslosigkeit eine Reduzierung der Arbeitszeit.

Waren im 19. Jahrhundert wöchentliche Arbeitszeiten in der Industrie von 70 oder 80 Stunden gegeben, konnten die Gewerkschaften die 5-Tage-Woche nach dem Zweiten Weltkrieg und schließlich die 40-Stunden-Woche durchsetzen. Die Anfang der 1990er Jahre teilweise eingeführte 35-Stunden-Woche wurde weitgehend wieder zurückgenommen, während die Erwerbstätigenquote nun auch zunehmend durch die Alten weiter ansteigt, der Arbeitsmarkt weiter "flexibilisiert" wird und nun der nächste Digitalisierungsschub mit der weiteren Vernetzung ansteht.

Eine groß angelegte Metastudie, die auf PubMed und Embase nach allen Untersuchungen über Herzerkrankungen und Arbeitszeit bis August 2014 suchte und die für die Auswertung geeigneten herauszog, ist nun zu dem Ergebnis gekommen, dass die bedrohte "Standardarbeitswoche" von 35-40 Stunden offenbar gesundheitsfreundlicher ist als längere Arbeitszeiten. Die in der Zeitschrift The Lancet veröffentlichte Metastudie dürfte die bislang größte Studie über die Folgen von längeren Arbeitszeiten für Herzerkrankungen sein. Nach ihr ist das Risiko für einen Herzinfarkt, wenn 55 Stunden oder mehr in der Woche gearbeitet wird, um 33 Prozent und für die Entwicklung einer koronaren Herzerkrankung (erste Diagnose, klinische Behandlung oder Tod) um 13 Prozent höher als bei einer "normalen" Arbeitswoche. Berücksichtigt wurden andere Faktoren wie Alter, Geschlecht und sozioökonomischer Status.

Für die Untersuchung eines Zusammenhangs zwischen langen Arbeitszeiten und koronaren Herzerkrankungen wurden die Daten von 25 Studien mit 24 Kohorten aus Europa, Australien und den USA analysiert. Sie schlossen fast 604.000 Männer und Frauen ein. Durchschnittlich wurden die Studienteilnehmer 8,5 Jahre beobachtet, am Beginn waren bei diesen noch keine Herzerkrankungen diagnostiziert worden.

Über den Zusammenhang von langen Arbeitszeiten und Herzinfarkt wurden Daten von 17 Studien, die Daten von fast 530.000 Männer und Frauen umfassten, analysiert. Hier wurden die Teilnehmer durchschnittlich 7,2 Jahre beobachtet. Danach ist das Risiko bei denjenigen, die 55 Stunden und länger arbeiten, 1,3 Mal höher. Die Einbeziehung anderer Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, körperliche Aktivität und Blutdruck sowie hoher Cholesterinspiegel ändern an der Korrelation nichts.

Gezeigt hat sich, dass das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, desto höher ist, je länger gearbeitet wird. Schon bei denjenigen, die zwischen 41 und 48 Stunden in der Woche arbeiten, ist das Risiko um 10 Prozent höher als bei der "normalen" Wochenarbeitszeit, wer 49 bis 54 Stunden arbeitet, bei dem liegt das Risiko schon 27 Prozent höher. Auffällig ist allerdings auch, dass eine Arbeit von weniger als 35 Stunden ebenfalls sowohl das Risiko für einen Herzinfarkt als auch das für eine koronare Herzerkrankung erhöht. Nach anderen Studien ist das Krankheits- und Sterberisiko bei Arbeitslosen und besonders bei Langzeitarbeitslosen höher als bei sicher Angestellten. Nicht verständlich ist, warum die Autoren das höhere Risiko für Herzerkrankungen bei Menschen, die weniger als 35 Stunden in der Woche arbeiten, nicht einmal ansprechen, geschweige denn berücksichtigen.

Aus welchem Grund das Risiko bei längeren Arbeitszeiten zunimmt, geht natürlich aus der Studie nicht hervor. Längeres Arbeiten, so vermuten die Autoren, könnte arbeitsimmanente Risikofaktoren verstärken, beispielsweise langes Sitzen bzw. körperliche Inaktivität, vermehrte Stressbelastung oder auch steigender Alkoholkonsum. Wer lange arbeitet, neigt nicht nur zu höherem Alkoholkonsum, sondern auch zur Verdrängung von Krankheit.

Es gibt allerdings einige Schwächen. So wurde bei vielen Studien die Angabe der Arbeitszeit nur einmal bei den Teilnehmern erfragt, sie kann sich natürlich jederzeit verändert haben. Es könnten weitere Risikofaktoren eine Rolle spielen, die nicht berücksichtigt wurden. Dazu kommt das Paradox, das die Autoren auch ansprechen, dass lange Arbeitszeiten vermehrt bei Selbständigen und Angestellten mit höheren Einkommen vorkommen, aber das Risiko für Herzerkrankungen bei niedrigeren sozioökonomischen Schichten größer ist. (Florian Rötzer)

Anzeige